US-Wahl

Ehre, wem Ehre gebührt

Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt Mitte Oktober in Florida Foto: picture alliance/AP Images

Nichts und niemand ist nur positiv oder nur negativ. Das gilt auch bezogen auf die (nur erste?) Amtszeit von US-Präsident Trump. Wer über diesen Mann nur in Schwarz-Weiß-Kategorien denkt, ist selbst mit 120 nicht erwachsen, sondern kindisch.

»Mit dem Kindischen ist freilich nicht das Kindliche gemeint« (Alexander Kissler, mehr dazu in seinem Buch Die infantile Gesellschaft), sondern vor allem die rein emotionale Bewertung von allem und jedem. Jenseits jeglicher Emotionalität sei eine jüdisch-israelische Bilanz Trumps versucht.

umfragen Fakt 1: Rund 75 Prozent der US-Juden haben 2016 Donald Trump nicht gewählt. Umfragen ergaben dieser Tage, dass sich daran am 3. November kaum etwas ändern wird. Auch während seiner Amtszeit erreichte er – trotz seiner persönlichen und politischen Freundschaft mit Benjamin Netanjahu – unter den amerikanischen Juden stets nur niedrige Zustimmungswerte.

In der amerikanisch-jüdischen Geschichte ist das nichts Neues. Warren Harding war 1920 der bislang letzte Republikaner, der die meisten Stimmen der US-Juden bei Präsidentschaftswahlen errang. Obama kam 2008 auf 78 und 2012 auf 69 Prozent. Trotzdem ging er zu Israel auf Konfrontationskurs.

Wer über Trump nur in Schwarz-Weiß-Kategorien denkt, ist kindisch.

Daraus folgt Fakt 2: Anders als es mediale und politische Spatzen gerne von deutschen Dächern pfeifen: Trumps Israel- und »Judenpolitik« war nicht das Ergebnis der vermeintlich allmächtigen jüdischen Lobby.

UNTERSTÜTZER Fakt 3: Ja, Trump wurde und wird von einigen sehr wohlhabenden Juden finanziell unterstützt, doch selbst sie distanzieren sich inzwischen mehr oder weniger von ihm.

Das gilt zum Beispiel für den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, oder selbst den politisch rechtsaußen stehenden Unternehmer Sheldon Adelson. Der Republikaner Michael Bloomberg war von Trump so frustriert, dass er zu den Demokraten wechselte, Medienmogul Haim Saban unterstützt seit jeher die Demokraten, und die jüngst verstorbene Oberste Richterin Ruth B. Ginsburg war eine Art Anti-Trump-Ikone.

Trumps jüdischer Schwiegersohn Jared Kushner sowie Finanzminister Steven Mnuchin sind treue Trumpianer, aber der Minderheitschef der Demokraten, der New Yorker Charles Schumer, ist der führende Trump-Gegner im Senat. Mit ihm die jüdische Senatorin aus Kalifornien Dianne Feinstein.

fehltritt Sie leistete sich bei der Anhörung von Amy C. Barrett, Trumps Kandidatin für den Obersten Gerichtshof, einen schlimmen Fehltritt. Sie unterstellte der katholischen Richterin, sie würde das »Dogma« Roms ins Gericht einführen. Man stelle sich vor, Trump würde Feinstein unterstellen, sie sei die Speerspitze der »jüdischen Weltmacht« im US-Kongress und wolle die Halacha in den USA einführen. Der einsetzende Shitstorm gliche einem Erdbeben.

Anders als von vielen seiner Gegner behauptet, ist Trump kein Antisemit.

Fakt 4: Anders als von vielen seiner Gegner behauptet, ist Trump kein Antisemit. Wer es trotzdem behauptet, redet infantilen Unsinn. Oder bleibt Ivanka, die Tochter des vermeintlichen Antisemiten Trump, weiter dessen Lieblingskind, »obwohl« sie zum Judentum konvertiert, einen Juden heiratet und die gemeinsamen Kinder jüdisch erzieht?

Sein jüdischer Schwiegersohn Jared Kushner genießt Trumps Vertrauen wie kaum ein anderer. Er hat es inzwischen vor allem nahostpolitisch gerechtfertigt. Man könnte einwenden: Auch der echte Antisemit Richard Nixon habe dem Juden Henry Kissinger vertraut. Richtig. Doch Kissinger wurde weder Mitglied der Familie Nixon noch sein Freund. Dass Trump Schuld am Bombenanschlag auf die Synagoge von Pittsburgh am 27. Oktober 2018 trage, ist ungefähr so überzeugend, wie wenn man Angela Merkel für das Attentat von Halle verantwortlich machte.

Rückblick Fakt 5: Ausnahmsweise sei die infantil-superlativistische Sprache Trumps übernommen: Trump ist seit 1948 der für Israel beste Präsident. Das beweist ein kurzer historischer Rückblick. Die Demokraten-Administration von Harry Truman zog am 29. November 1947 in der UNO entscheidende Fäden zugunsten Israels Staatsgründung.

Am 8. Dezember 1947 verhängte sie jedoch ein Waffenembargo, das Israel beinahe tödlich getroffen hätte. Dwight D. Eisenhower (Rep.) liebte Israel so sehr, dass er im Februar 1957 Bundeskanzler Adenauer drängte, die Wiedergutmachungszahlungen an Israel einzustellen.

Während deutsche Spezialisten, allesamt NS-»bewährt«, in und für Ägypten Raketen gegen Israel bauten, gewährte John F. Kennedy (Dem.) Israel einige wenige Luftabwehrraketen. Aus Angst, als zu proisraelisch zu gelten, verheimlichte sein Nachfolger Lyndon B. Johnson (Dem.) seine Hilfen an Israel, indem er für Israel überlebenswichtige Waffen über Deutschland liefern ließ. Als Charles de Gaulle, antisemitisches Vokabular gebrauchend, ein Waffenembargo über Israel verhängte, sprang Johnson wenig begeistert ein.

TROST Richard Nixon (Rep.) strebte ein »Gleichgewicht« der USA zwischen Israel und den arabischen Staaten an. Als Israel am Anfang des Jom-Kippur-Krieges kurz vor der Auslöschung schien, lieferten die USA lebensrettenden Nachschub aus Westdeutschland, gegen den Protest der Brandt-Scheel-Regierung aus SPD und FDP. Auch unter Gerald Ford (Rep.) sorgte Henry Kissinger für territoriale Entflechtungen zwischen Israel, Ägypten und Syrien; dem ersten Friedensabkommen Israels mit einem arabischen Staat, Ägypten, half jedoch Jimmy Carter (Dem.) 1977–79 nach.

Die Initiative war von Israels Premier Begin und Ägyptens Präsident Sadat ausgegangen. Carter sprang auf den fahrenden Zug. Gegen Israels Protest verkaufte Carter den damals israelfeindlichen Saudis US-Flugzeuge. Zum »Trost« bekamen »die« Juden das Holocaust Memorial in Washington. Die Idee dieses zynischen Trostpreises kam von Carters jüdischem Berater Stuart Eizenstat.

Nahostpolitisch vermied Trump die Fehler seiner Vorgänger.

Ronald Reagan (Rep.) war ein großer Freund Israels, aber auch er konnte die arabische Mauer um Israel nicht durchbrechen. Ebenso wenig sein Nachfolger George W. Bush. Bill Clinton (Dem.) schien mehr Glück zu haben, weil Israel 1993 mit der PLO das Oslo-Abkommen und 1994 mit Jordanien ein Abkommen schloss, beide Male mit Clintons Hilfe. Seine Initiative war es nicht.

Intifada Die Intifada von 2000 bis 2005 löste am Ende seiner Amtszeit seinen Anfängerfehler aus: der desaströs geplante Gipfel von Camp David. Wenig erfolgreich waren seine Nachfolger Bush Sohn (Rep.) und Oba­ma (Dem.).

Sie alle begingen den gleichen Fehler wie Deutschland und die EU: Sie blickten auf Palästina-Israel und übersahen dabei die arabisch-islamische Welt insgesamt. Genau diesen Kapitalfehler vermied Trump mithilfe von Kushner. Die Folge: Offene Normalisierungen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Sudan. Faktische Normalisierung mit Saudi-Arabien, Oman, Mauretanien, Marokko, Tunesien, Tschad und anderen.

Charakterlich mag Trump Verachtung verdienen. Faktenfeindliche Verdummung wäre es, seine juden- und israelpolitischen Verdienste zu bestreiten.

Der Autor ist Historiker und Publizist sowie Hochschullehrer des Jahres 2017. Zuletzt erschien von ihm »Tacheles: Im Kampf um die Fakten in Geschichte und Politik« (Herder).

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