Psychologie

Düstere Gedanken

Tränen lügen nicht? Manchmal erkennt man Anzeichen für seelisches Leiden auch ohne Software. Foto: fotolia

In Weblogs und Online-Foren Privates auszubreiten, ist für viele Menschen mittlerweile ganz alltäglich geworden. Und trotzdem sind ihre virtuellen Freunde regelmäßig fassungslos, wenn sie plötzlich durch die Nachricht aufgeschreckt werden, dass sich ein Blogger umgebracht hat. Denn an den Texten war die Suizidabsichten ihrer Meinung nach nicht abzulesen gewesen.

Eine ganz neue israelische Software könnte nun dabei helfen, depressive Tendenzen in Internet-Veröffentlichungen zu erkennen. »Pedesis«, so der Name des Programms, wurde von Wissenschaftlern der Ben-Gurion University of the Negev in Beer Sheva um Professor Yair Neuman entwickelt. Neuman ist bekannt dafür, Erkenntnisse unterschiedlicher Fachgebiete zu bündeln, um Probleme aus einer ungewöhnlichen Perspektive heraus anzugehen. 1998 machte er an der Hebräischen Universität Jerusalem seinen Bachelor-Abschluss in Psychologie und Philosophie und promovierte im Fach Kognitive Psychologie. Neumann verfasste Bücher über Semiotik, theoretische Biologie, Systemtheorie, Linguistik und Psychologie.

unwissenheit Eigentlich, sollte man denken, gibt es im Internet mehr als genug Informationsmöglichkeiten über die Krankheit, die ihren Namen dem lateinischen deprimere, »niederdrücken«, verdankt. Die mittlerweile in jeder Sprache verbreiteten Online-Selbsttests können zwar dabei helfen, herauszufinden, ob die Ursache für quälende Symptome wie Schmerzen ohne körperliche Ursachen, Dauermüdigkeit oder Antriebslosigkeit eine Depression sein könnte. Sie haben allerdings einen großen Nachteil: Wer sie aufruft, hat zumindest schon den Verdacht, an der Krankheit zu leiden, und würde das Thema vielleicht beim nächsten Arztbesuch sowieso zur Sprache bringen.

Viele Menschen ahnen jedoch nicht einmal, dass ihre Beschwerden Resultat einer Depression sind – oder wollen es nicht wahrhaben, denn psychische Erkrankungen gelten in manchen Kreisen immer noch als etwas Peinliches, über das man nicht spricht.

sprache Pedesis sei »speziell dazu designt worden, depressive Inhalte zu finden«, erklärte Neuman bei der Vorstellung des Programms. Pedesis sucht nach Schlüsselwörtern, die Rückschlüsse darauf ermöglichen, ob der Verfasser eines Textes depressiv sein könnte. Welche dies genau sind, wollen die Wissenschaftler nicht verraten – wohl auch, um Missbrauch durch Laien auszuschließen. Neuman erklärt, dass die Software sowohl metaphorische Umschreibungen bestimmter Gefühle (wie das englische »black«) als auch Wörter aufspürt, die auf konkrete Depressions-Symptome wie Schlafstörungen und Einsamkeit hinweisen.

Die Software sucht dabei nicht nach offensichtlichen Begriffen wie »Depression« oder »Selbstmord«, sondern nach versteckten sprachlichen Anzeichen. »Ein Psychologe ist darauf trainiert, die unterschiedlichsten emotionalen Zustände intuitiv zu erkennen. Hier haben wir nun ein Programm, das genau dies mithilfe innovativer Web-Intelligenz methodisch tut.«

Zunächst begann das Team um Neuman mit linguistischen Forschungen. Mittels Suchmaschinen durchforsteten die Mitarbeiter das Internet nach englischen Begriffen, die Depressionen umschrieben. Daraus wurde dann die Liste der Worte zusammengestellt, nach denen Pedesis sucht.

In einem ersten Test erwies sich Pedesis als durchaus erfolgreich: Das Programm durchsuchte mehr als 350.000 Texte von fast 20.000 Bloggern, die zuvor um Erlaubnis gebeten worden waren, und listete anschließend jeweils die – den Ergebnissen zufolge – einhundert depressivsten und die einhundert am wenigsten depressiven Autoren auf. Vier Psychiater hatten die Artikel ebenfalls analysiert – in 78 Prozent aller Fälle stimmten Menschen und Maschine im Ergebnis überein.

Intuition Obwohl Pedesis eigentlich zunächst nur für den Einsatz im akademischen Bereich konzipiert wurde, könnte es vielleicht eines Tages sogar Leben retten. Neuman hofft, dass die Depressions-Suchmaschine dazu eingesetzt werden kann, drohende Selbstmorde rechtzeitig zu erkennen. In einer Art automatisierter Voruntersuchung könnte das Programm Nutzer für die Wahrnehmung ihres eigenen Gemütszustands sensibilisieren oder ihnen nahelegen, professionellen Rat einzuholen – und medizinischem Personal entscheiden helfen, wer einer Behandlung bedarf.

»Das menschliche Urteilsvermögen kann allerdings nichts ersetzen«, betont das Pedesis-Team. Denkbar wäre zudem, dass Webseiten zu Gesundheitsthemen Pedesis installieren oder dass Internet-User, deren Texte als depressionsverdächtig eingestuft werden, per Pop-up-Fenster gewarnt werden.

Im September will Yair Neuman Pedesis auf der »International Conference on Web Intelligence and Intelligent Agency Technology« im kanadischen Toronto vorstellen. Ob Neumans Traum Wirklichkeit wird, hängt allerdings nicht nur vom Urteil der Kollegen ab. Eine Software, die Auskunft über den psychischen Zustand eines Users liefern kann, könnte schließlich auf vielfältige Weise missbraucht werden. Beispielsweise von Hackern, Arbeitgebern oder auch nur von neugierigen Seitenbetreibern, die in der Privatsphäre ihrer Nutzer herumschnüffeln wollen.

Kino

Spielbergs »Disclosure Day« feiert Kinostart

Als Inspiration für dieses Projekt nennt der jüdische Regisseur einen »New York Times«-Artikel über geheime UFO-Programme des Pentagon

 08.06.2026

Berliner Revue

»Berlin, Du coole Sau!«: Sharon Brauner auf Tour

Es handelt sich um eine der aufwändigsten Bühnenproduktionen ihrer Karriere. Im Herbst beginnt die Deutschlandtournee

 08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Berlin

Ein Engelskuss

Der Künstler Charles Abecassis präsentiert seine Arbeiten in einer Verkaufsausstellung, deren Reinerlös an das Projekt »The Way Shalom« geht

 07.06.2026

»documenta«

Kulturrat: Antisemitismus letztlich nicht zu verhindern

Olaf Zimmermann will mit einem »Code of Conduct« Antisemitismus, Rassismus »und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiventgegentreten«

von Susanne Rochholz  07.06.2026 Aktualisiert

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 07.06.2026

Berlin

»Tänzerinnen Brunnen« gehört nun zu US-Privatsammlung

Das Kunstwerk wurde als Highlight der Sommerauktion bei Auktionshaus Grisebach versteigert – für vier Millionen Euro

 07.06.2026

Zeitgeschichte

Wie ein grausames Märchen

In ihrem aktuellen Buch schreibt die Historikerin Irina Scherbakowa über die verlorene Freiheit in Russland. Nun ist »Der Schlüssel würde noch passen« für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert

von Ralf Balke  07.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Zeitraffer und Geschichte oder Warum alte Fotos mehr erzählen

von Nicole Dreyfus  07.06.2026