Konferenz

Dreifacher Hass

Schmierereien am jüdischen Kindergarten Berlin, 2007 Foto: dpa

Tobias Mörschel von der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) kann beim Thema Judenfeindschaft keine Entwarnung geben. So haben bei einer repräsentativen Umfrage der FES im Jahr 2006 knapp 18 Prozent der Befragten die Ansicht bejaht, auch heute sei der Einfluss der Juden zu groß. Und 16,3 Prozent vertraten die Ansicht, die Juden passten nicht recht in die deutsche Gesellschaft.

Grund genug für die Stiftung, zusammen mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eine Tagung über den Forschungsstand und aktuelle Tendenzen zum Antisemitismus zu veranstalten. Antisemitismus sei nicht nur eine Gefahr für Juden, sondern für die gesamte Demokratie, warnte die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind. Denn anders als in vergangenen Jahrzehnten bilden sich neue Bündnisse der Ewiggestrigen mit jungen Judenfeinden. Mörschel konstatiert: »Antisemiten tarnen ihre prinzipielle Judenfeindschaft oft als Antizionismus, als Kritik an Israel oder Kapitalismuskritik. Im Kern ist es ein antisemitischer Antizionismus, auf den sich radikale Islamisten, Neonazis und zum Teil auch Linksextremisten einigen können.«

exportschlager Der europäische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts habe erst Mitte des 20. durch die Propaganda der Nazis auch in der orientalischen Welt Gehör gefunden. Mittlerweile habe sich in der islamischen Welt eine regelrechte Hasskultur entwickelt, die multimedial in die westlichen Länder re-importiert werde, meint der Historiker Robert Wistrich von der Hebräischen Universität Jerusalem. Ob Kapitalismus, Moderne oder Globalisierung, alle Veränderungen würden als jüdische Bedrohung des Glaubens und der eigenen Gesellschaftsordnung angesehen. Eine Meinung, die man bei hohen muslimischen Politikern wie etwa im saudischen Königshaus, aber auch in weiten Teilen der muslimischen Mehrheitsgesellschaften finden könne, so Wistrich. In der Sicht der Radikalen stelle der Kampf gegen Israel heute nur eine Fortsetzung des uralten Kampfes dar, den der Prophet Mohammed bereits im Arabien des 7. Jahrhunderts gegen die Juden führte.

Diese dschihadistische Ideologie verbinde sich im Westen seit geraumer Zeit mit alt-linken Ideen der 68er-Bewegung: »Die Dritte Welt ist das eigentliche Opfer. Ulrike Meinhof und die RAF haben sich als terroristische Vorhut der Dritten Welt in der Ersten Welt definiert. Und diese Vorstellung wird nun auf die Palästinenser als angeblich Nichtweiße gegenüber der angeblich weißen Ethnie von Israel übertragen. Weiß ist böse, nicht-weiß ist gut«, sagt der Rechtsanwalt Klaus Faber, Mitbegründer des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums.

Die dritte Kraft in der neuen antijüdischen Allianz sind die Rechtsradikalen. »Der Antisemitismus bildet sozusagen das innere Betriebssystem für den Rechtsextremismus«, sagt Anetta Kahane von der Amadeo-Antonio-Stiftung. Oft trete der Antisemitismus nur indirekt und versteckt auf, zum Beispiel auf der türkisch-deutschen Internet-Plattform muslim-markt.de. Einerseits gebe es dort Buttons zum Anklicken mit einem »Aufruf gegen Antisemitismus«, berichtet Kahane. Andererseits fänden sich Sätze wie »Ich boykottiere Israel, aber nicht die Juden.« Für Außenstehende bleibe es diffus, wie die Seite einzuordnen sei. Israelis werden als »zionistische Henker« bezeichnet, gleichzeitig aber wird zu Liebe und Versöhnung aufgerufen.

irreführung Das Doppelangebot hat Methode. So gebe es einerseits die offizielle Website der islamischen Milli-Görus-Bewegung mit geschönten Inhalten, während die antisemiti- schen Hetzreden im parallelen Milli-Görus-Forum stattfänden, weiß der Kölner TV-Journalist Ahmet Senyurt, der seit Jahren in der islamistischen Szene recherchiert. Auch hier würden die Naziverbrechen gleichgesetzt mit der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern. Die deutsche Milli Görus könne sich davon stets distanzieren, stehen solche Pamphlete schließlich nicht auf ihrer offiziellen Webseite, so Senyurt.

Die Behörden sehen keinen Handlungsbedarf – auch nicht im Falle der iranischen TV-Serie »Sarahs Augen«, in der Juden kleine muslimische Kinder töten, um an ihre Organe zu gelangen. »Sie können die DVDs am Kottbusser Damm in einem türkischen Buchladen ohne Probleme kaufen. Selbst bei der Staatsanwaltschaft in Darmstadt hieß es, das ist künstlerische Freiheit, wir können das nicht verbieten«, berichtet Senyurt. Für ihn sind solche antisemitischen Sendungen keine Randerscheinungen, sondern Bestseller und Mainstream in der arabischen und türkischen Community. Er sieht wie fast alle Teilnehmer auf der Konferenz darin ein wachsendes Konfliktpotenzial.

Entgleisung

Kein Skandal ist der Skandal

Milo Rau macht aus Wagners »Fliegendem Holländer« an der Deutschen Oper Berlin eine groteske Abrechnung mit Israel – und erntet dafür kaum einen Buh­ruf

von Maria Ossowski  26.10.2026

Brüssel/Gütersloh

Lucky Luke wird in Jubiläums-Comic zum Heiligen

Ein Cowboy kann nach acht Jahrzehnten noch viel erleben. Zwischen Saloon und Prärie warten in dem lange von einem jüdischen Texter dominierten Comic häufig Gegenwartsthemen

von Shireen Broszies  26.10.2026

Sachbuch

Tee mit Groys

In einem neuen Gesprächsband erzählt der Philosoph Boris Groys aus seinem Leben und verliert kein Wort über den Krieg. Warum unser Rezensent das Buch trotzdem zufrieden zuklappte: eine sehr persönliche Lektüre

von Dmitrij Belkin  25.10.2026

Aufgegabelt

Fenchel-Tarte-Tatin mit Trauben und Oliven

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  25.10.2026

Kino

Ali G ist zurück – und stößt auf Ablehnung

Nach 24 Jahren schlüpft Sacha Baron Cohen wieder in die Rolle seiner Kultfigur. Doch die Branche will ihn boykottieren

von Nicole Dreyfus  25.10.2026

Shkoyach!

Alles auf Pro oder Die Sehnsucht nach neuer Übersichtlichkeit

Die Einteilung in Pro-Dieses und Pro-Jenes halte ich für profan. Aber für Prokrastination bin ich immer zu haben

von Eugen El  25.10.2026

Zahl der Woche

90,8 Prozent

Funfacts & Wissenswertes

 25.10.2026

Film

Serienhit geht weiter: Warum will jeder »Nobody Wants This«?

Eine freizügige Sex-Podcasterin und ein charmanter Rabbiner verlieben sich. Ihre Geschichte ist ein gelungener Gegenentwurf zu klischeehaften Rom-Coms. So geht die Erfolgsserie weiter

von Simone Andrea Mayer  23.10.2026

Berlin

Wenn Wolf Biermann den roten Bademantel trägt

Die Stasi wollte den Liedermacher zum Alkoholmissbrauch verleiten und seine Beziehungen zerstören. Ein Film zeigt, wie er das überstand - und was er mit fast 90 macht: Kraulen in der Ostsee zum Beispiel

von Lisa Forster, Sven Gösmann  23.10.2026