Philosophie

Drang zur Tiefe

Hannah Arendt (1906–1975) ist vor allem für ihre philosophischen Schriften bekannt, doch sie schrieb auch Gedichte. Foto: IMAGO/Capital Pictures

Es ging alles ganz schnell. Hannah Arendt erlitt am Abend des 4. Dezember 1975 im Beisein ihrer Freunde Jeanette und Salo Baron in ihrer Wohnung in der 12. Etage am Riverside Drive 370 in Manhattan einen Herzinfarkt. Sie habe, so wird überliefert, mitten im Gespräch – ihrer Hand entglitt dabei die Zigarette – plötzlich heftig gehustet, sei ohnmächtig geworden und sofort gestorben. Schon im Jahr zuvor hatte Arendt einen Herzinfarkt erlitten. Gebrochen aber wurde ihr Herz bereits fünf Jahre zuvor, als ihr Mann Heinrich Blücher starb, ebenfalls infolge eines Herzinfarktes. Sie ist neben ihm auf dem Friedhof des Bard College bestattet.

Hannah Arendt hat sich vielfach mit dem Grauen in den nationalsozialistischen Todesfabriken beschäftigt. In einem legendären Fernsehinterview mit Günter Gaus sagte sie: »Dies hätte nie geschehen dürfen. Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden.« Dennoch war sie fähig, eine Liebe zur Welt zu bewahren.

Eines ihrer Gedichte, das posthum in dem Bändchen Ich selbst, auch ich tanze – Die Gedichte veröffentlicht wurde, ist Zeugnis dieser Liebe:

»Ich lieb die Erde
so wie auf der Reise
den fremden Ort,
und anders nicht.
So spinnt das Leben mich
an seinem Faden leise
ins nie gekannte Muster fort.
Bis plötzlich,
wie der Abschied auf der Reise,
die große Stille in den Rahmen bricht.«

Ein Rückblick auf Arendts Denken zeigt, dass ihr Drang zu verstehen an die Fähigkeit geknüpft ist, sich der Welt zu öffnen, um sie erfahren zu können. Arendt sah in der Geburt jedes Menschen die Kraft eines neuen Anfangs. Dieses Prinzip der Natalität erklärte sie zu einer zentralen Bedingung menschlicher Existenz. Mit der Pointierung der Gebürtigkeit grenzte sich Arendt nicht nur von Martin Heideggers Konzept vom »Sein zum Tode« ab, sondern erzeugte einen Lichtblick nach der vollkommenen Finsternis.

Ihr Opus magnum ist »Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft«

Demgemäß ließ sie ihr Opus magnum Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ausgerechnet mit dem Hinweis auf die fortdauernde Kraft des Neubeginns enden: »Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen.«

Wer das dreiteilige Buch liest, taucht in das »Wie« ihres Denkens ein, das durch eine Verknüpfung disparater Sinnschichten gekennzeichnet ist. So ergibt sich bei der Lektüre aller drei Teile weniger eine Einheit als vielmehr ein im Wandel begriffenes Verständnis. Aus Arendts Einsicht in den allumfassenden Traditionsbruch ging ein »Denken ohne Geländer« hervor, das mit dem Aufbau eines in sich geschlossenen Theoriegebäudes grundsätzlich unvereinbar war. Ihrem Denken war mitunter eine Widersprüchlichkeit zu eigen, die sich teils aus utopischen Hoffnungen und Träumen speiste, obwohl oder vielleicht gerade weil deren Grundlagen durch die Existenz der Vernichtungslager irreversibel beschädigt wurden.

Arendts oft von schneidender Schärfe getragener Ton ruft bis heute affektgeladene Reaktionen hervor, die von Verehrung bis Verfemung reichen. An der Rezeption ihrer Schriften fällt auf, dass sie für gegensätzliche Weltbilder vereinnahmt werden können: War sie nun Radikal-Konservative oder eher Radikal-Demokratin, elitäre Theoretikerin in der Studierstube oder egalitäre Kämpferin für Menschenrechte, Zionistin oder Antisemitin?

Arendts Denkweise war ein Drang zur Tiefe zu eigen, die ihr einen Zauber verlieh, so der Philosoph Hans Jonas. Ob aber selbst Arendts Irrtümer bedeutender waren als die Richtigkeiten vieler kleinerer Geister, wie Jonas in seiner am 8. Dezember gehaltenen Trauerrede auf Arendt verkündete, ist fraglich. Zweifellos bezog er sich damit vor allem auf ihr Skandal-Buch Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1963), das wie kein anderes ihrer Werke einen tiefen Einschnitt in der Werk- und Lebensgeschichte zur Folge hatte.

Ihr schneidender Ton ruft bis heute affektgeladene Reaktionen hervor.

Ein Grund für die heftige Kontroverse um das Buch war Arendts darin erhobener Anspruch, in der »Totalität des moralischen Zusammenbruchs« die übergreifende Erklärung für die »Endlösung der Judenfrage« gefunden zu haben. Sie wollte die Judenvernichtung als einen technokratisch organisierten »Verwaltungsmassenmord« verstanden wissen. Entscheidend für das Böse im moralphilosophischen Sinn sei vor allem Eichmanns Gedankenlosigkeit gewesen. Infolge seiner »Unfähigkeit zu denken« sei es für einen Verbrecher-Typus wie Eichmann fast unmöglich gewesen, »sich seiner Untaten bewusst zu werden«.

Dass sich Arendts Erklärung als unzulänglich erweist, ist auch ihrer Herangehensweise geschuldet: Sie identifizierte die dem Täter unterstellte Gedanken­xlosigkeit mit dem Bösen, ohne gewahr geworden zu sein, dass in ihrer Rede vom vollständigen Fehlen des Denkens bei Eichmann wiederum ihre idealisierte Vorstellung vom Denken zum Ausdruck kam.

Eichmann-Prozess in Jerusalem

Zugleich ging Arendt Eichmanns Verteidigungsstrategie vor dem Jerusalemer Gericht auf den Leim: Dass sie ihm glaubte, er hätte keinen Standpunkt zur »Endlösung«, ja »überhaupt keine Motive« gehabt, wäre keineswegs »von wahnwitzigem Judenhass, von fanatischem Antisemitismus oder von besonderer ideologischer Verhetzung« angetrieben worden, sondern lediglich als fahrlässiger, farbloser Funktionär bei der Verwaltung der Ausrottung bereit gewesen, »alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte«, ist empörend naiv.

Denn de facto war Adolf Eichmann ein glühender Antisemit gewesen, der seine Arbeit eifrig betrieben und selbst noch nach dem verlorenen Weltkrieg bedauert hatte, das Werk, alle 10,3 Millionen Juden in Europa zu vernichten, nicht vollendet haben zu können, wie Bettina Stangneth und Irmtrud Wojak in ihren Büchern zeigen.

Das Beispiellose des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden ist keineswegs, wie Arendt behauptete, durch »schiere Gedankenlosigkeit« erklärbar, sondern hat vielmehr damit zu tun, dass die Nazis laut Dan Diner bis dahin gültige Maßstäbe der Zweckrationalität schleichend aufhoben. Rationalität als Prämisse des Denkens verlor demnach unbemerkt seine Geltung. Da man den Nazis aber eine rationale Handlungslogik unterstellte, war die gegenrationale Logik der Vernichtung um der Vernichtung willen buchstäblich undenkbar, zumal deren absolute Sinn­losigkeit ökonomischen und militärischen Rationalitätsanforderungen zuwiderlief.

Arendts Eichmann-Buch führt praktisch vor, dass Denken keine Gewähr für das Gute ist, ja, dass sich im Drang zu verstehen mitunter sogar eine »Perversität der Brillanz« Ausdruck verschaffen kann. Mit dieser Paradoxie brachte Norman Podhoretz im »Commentary« das Kontroverse des Buches auf den Punkt. Dennoch: Arendts Streben nach gedanklicher Autonomie wurde ihr nach der Flucht in die USA zu einer Wohnstätte des Geistes. Diese Ersatz-Heimat wollte sie um jeden Preis beschützen.

Denn die Unabhängigkeit stellte für sie – ähnlich der empfundenen Liebe für ihre Freunde – nach der totalen Verfinsterung der Geschichte ein bewohnbares Domizil dar, das ihr Orientierung bot. Indessen begreift Arendt Liebe als eine Macht und kein Gefühl. In ihrem Denktagebuch lässt sich nachlesen, dass Liebe sich der Herzen bemächtigt, aber sie nicht im Herzen entspringt.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler und Publizist.

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