ESC

Diese verflixte Website

33.012 ESC-Begeisterte sind vor mir dran, Wartezeit circa 38 Minuten. Ich finde, das geht noch.

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Diese verflixte Website

»Dare to dream« oder Wie ich daran scheiterte, ein Ticket für den Eurovision Song Contest zu ergattern

von Andrea Kiewel  06.03.2019 17:16 Uhr

Mein Hebräischlehrer ist nicht einfach nur mein Hebräischlehrer. Er ist derjenige, der mir Land und Leute erklärt. Er schickte mir im April letzten Jahres den Song »Toy«, mit dem Netta Barzilai sechs Wochen später den Eurovision Song Contest gewann. Mein Lehrer wusste es schon Anfang April: »Sie ist sehr talentiert und very special, niemand macht Musik wie sie, sie wird den ESC nach Tel Aviv holen.«

Und nun sitzen der Lehrer und ich vor unseren Computern (er im Büro, ich daheim) und versuchen, Tickets dafür zu ergattern. Das Prozedere ist wahnsinnig kompliziert. Man kann die Tickets nur online kaufen. Bei genau einem Anbieter. Man googelt die Website, betritt den virtuellen Ticketraum und bekommt angezeigt, wie lange man warten muss, und wie viele Personen sich aktuell in der Warteschlange befinden.

generalprobe 33.012 ESC-Begeisterte sind vor mir dran, Wartezeit circa 38 Minuten. Ich finde, das geht noch. Währenddessen chatten Noel und ich miteinander. Wir träumen von einem herrlichen ESC-Generalproben-Abend. Bei der Live-Show am 18. Mai kann ich nicht dabei sein, da ich ja am Sonntag meine eigene Live-Show im ZDF moderiere.

33.012 ESC-Begeisterte sind vor mir dran, Wartezeit circa 38 Minuten.

»Karten für die große Generalprobe zu bekommen, ist nicht gaaanz so utopisch«, textet mir mein optimistischer Lehrer. Natürlich ist er Optimist, schließlich versucht er, mir seit nunmehr zwei Jahren Hebräisch beizubringen. Und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt ...

37 Minuten später sind nur noch 563 Menschen vor mir in der Ticketschlange, die Website spricht von weniger als einer Minute. Ich bin bestens vorbereitet: Pass, Kreditkarte, Akku geladen – es kann gar nichts schiefgehen.

ip-adresse Ich mache es kurz: Natürlich gelingt es weder Noel noch mir, Karten für die ESC-Generalprobe am 17. Mai in Tel Aviv zu ordern. Mein Lehrer bekommt den Hinweis angezeigt, dass keine seiner IP-Adressen identifiziert werden kann. Dabei sitzt er in einem öffentlichen, legalen Büro mitten in Tel Aviv. Merkwürdig.

Ich hingegen starte sehr erfolgreich, suche zwei Tickets aus, beste Plätze, Preis pro Ticket: 1250 Schekel. Das sind umgerechnet ungefähr 300 Euro. Why not? Warum nicht?

Ich versuche es 20-mal, ich schreibe »Germany« in allen nur denkbaren Varianten – und dann fliege ich aus der Leitung.

Ich gehe mit meinem Warenkorb zur Kasse, und ab da nimmt das Unglück seinen Lauf: Ich scheitere abwechselnd an der Eingabe meiner ID/meines Landes auf dem Login-Formular dieser Ticket-Homepage. Wir haben ja keine ID in Deutschland. Unsere Personalausweise haben Nummern, ebenso unsere Pässe. Wenn wir amtliche Papiere ausfüllen müssen, wird stets nach der Passnummer gefragt.

germany Ich versuche es 20-mal, ich schreibe »Germany« in allen nur denkbaren Varianten – und dann fliege ich aus der Leitung. Meine zehn Minuten (mehr gewährt einem der Ticketanbieter nicht) sind um, 500.000 andere Leute warten hinter mir auf ihre Chance.

Oh, es gibt gar nicht genug böse Wörter, die ich verwenden möchte, um meinen Frust zum Ausdruck zu bringen. Richtig böse Wörter. Grrrrrr ... Es wird eine zweite Verkaufswelle geben, niemand weiß, wann das sein wird. Man munkelt: rund um Purim.

Ich habe keine Ahnung, wie ich die ID-Länderfalle umgehen kann, ich muss diese Felder ausfüllen, um mich auf der Ticketverkaufsseite anzumelden. Irgendwelche Ideen? Her damit.

»Dare to dream« lautet das ESC-Motto in diesem Jahr. Ich will mich ja trauen zu träumen, nur wie? Und ich würde so gern mit Noel am 17. Mai dabei sein. Live. Und in Farbe. Bis dahin rufe ich dem Programmierer der verflixten Website ganz in Nettas Sinne zu: »I’m not your toy, you stupid boy!«

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