Wuligers Woche

Die säkulare Mazze

Samstagabend isst unser Autor Mazze. Was aber isst er am Montag? Foto: Thinkstock

Auf einer amerikanischen jüdischen Website habe ich neulich einen – eher mäßig komischen – Witz gelesen: »Wie nennt man Menschen, denen Ungesäuertes schmeckt? Mazzochisten!« Ich bin kein Mazzochist. Mir schmecken die Fladen nämlich nicht besonders. Sollen sie ja auch nicht. »Das ist das Brot des Elends, das unsere Väter im Lande Ägypten gegessen haben«, heißt es in der Haggada. Kulinarische Empfehlungen sehen anders aus.

Trotzdem esse ich natürlich an Pessach Mazzen. Jedenfalls beim Seder. Die ganzen acht Feiertage halte ich allerdings nicht durch. Womit ich mich nach eigenen empirischen Beobachtungen offenbar in guter Gesellschaft der Mehrheit der Juden befinde. Aber wenigstens an Erew Pessach müssen Mazzen sein. Nicht, weil ich religiös wäre. Ich bin das, was fromme Juden auf Jiddisch verächtlich einen »Apikojres« nennen, ein vom Glauben Abgefallener. Auch das habe ich mit der Majorität der Judenheit weltweit gemein.

Transgender Pessach feiern wir Ungläubigen dennoch. Zumal es zum Auszug aus Ägypten maßgeschneiderte Angebote für die Kinder Israels – gleich welcher Couleur – gibt. Schwule, lesbische und Transgender-Juden haben die Stonewall-Haggada, in der die Genderdiversität gefeiert wird. Linke können Pessach als Fest der sozialen Gerechtigkeit begehen.

Das hat Tradition. 1922 erschien in der Sowjetunion die Komsomolishe Haggada für jüdische Jungkommunisten, die statt des klassischen »Le schana haba’a bi Jiruschalajim« versprach: »Nächstes Jahr die Weltrevolution«. Für Sportfans hat Rabbinerin Sharon Forman aus Scarsdale im US-Bundesstaat New York eine Baseball-Haggada verfasst, weil fast zeitgleich mit dem Feiertag auch die Spielsaison beginnt.

Wer immer noch Single ist, kann auf die Dating-Haggada des Partnersuchportals J-Date zurückgreifen. Und selbst Israelkritiker können ideologisch korrekt Pessach feiern, mit Legacies of Resistance: An Anti-Zionist Haggadah for a Liberation Seder, herausgegeben vom »International Jewish Anti-Zionist Network«.

Manche Rabbiner wird es jetzt möglicherweise schütteln. Muss es aber nicht. Dass selbst hartgesottene Verächter von Religion und Tradition an diesem und an anderen Feiertagen schwach werden, spricht für die ungebrochene Kraft des Judentums. Offenbar steckt irgendwas in unserer DNA, das uns wenigstens ein paarmal im Jahr gegen allen inneren Widerstand zurück zu unseren Wurzeln zieht.

Schinkenbrötchen Auch wenn, statt sämtliches Chametz gründlich zu entfernen, die Wohnung vor dem Seder nur kurz gesaugt und durchgewischt wird, wenn Gastgeber und Gäste die Brachot nicht kennen und sich an der Transkription entlang hangeln, wenn auf dem Sederteller Ostereier aus dem Supermarkt liegen: Pessach ist Pessach.

Was mich angeht: Kann sein, dass ich mir schon am Montag wieder ein Schinkenbrötchen gönnen werde. Aber Samstagabend esse ich Mazzen! Chag Pessach sameach!

Musik

Der große Romantiker: Bruno Mars ist der König des Soul

Das Warten hat sich gelohnt. Mit »The Romantic« zeigt der 40-jährige Künstler mit jüdischem Familienhintergrund, dass er weiter in einer eigenen Liga spielt

von Philip Dethlefs  27.02.2026

Berlin

Wegner: Berlinale darf nicht für Propaganda genutzt werden

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) nimmt zum jüngsten Skandal bei den Filmfestspielen Stellung

 27.02.2026

Online-Hass

Hugh Laurie und die Anti-Zionisten

Der britische Filmstar Hugh Laurie wurde zum Ziel von Anti-Zionisten, nachdem er öffentlich um die verstorbene israelische Produzentin Dana Eden getrauert hatte

 27.02.2026

Essay

Ich habe Xavier Naidoos öffentlicher Abbitte geglaubt ...

Da steht er also wieder vor dem Kanzleramt. Nicht als Sänger, nicht als geläuterter Rückkehrer, nicht als jemand, der seine eigenen Irrwege wirklich aufgearbeitet hätte, sondern als Lautsprecher für den nächsten verschwörungsideologischen Ausnahmezustand

von Serdar Somuncu  27.02.2026

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Interview

»Lachen statt verzweifeln«

Ein Gespräch mit der Meme-Künstlerin ruth__lol über jüdischen Humor, die komische Seite des Antisemitismus und eine Leerstelle in den sozialen Medien

von Joshua Schultheis  26.02.2026

Reaktionen

»Plattform für antisemitische Hetze«: Das sagen Künstler und Politiker zur geplanten Tuttle-Absetzung

Wolfram Weimer will die Berlinale-Chefin nach dem jüngsten Antisemitismus-Skandal absetzen. Das sorgt – so wie die Rede von Abdallah Alkhatib – für kontroverse Diskussionen. Ein Überblick

 26.02.2026

Berlinale

Tom Shoval unterstützt Tricia Tuttle

Der israelische Regisseur schreibt in einem Instagram Post Tuttle sei »eine Person von beispielloser Integrität.«

von Katrin Richter  26.02.2026

Programm

Berliner Rebellin, Kafkas Schwester und ein junger Detektiv: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. Februar bis zum 4. März

 26.02.2026