Martin van Creveld

»Die Proportionen wahren«

Martin van Creveld, emeritierter Militärhistoriker von Weltruf aus Jerusalem, ist bekannt dafür, Meinungen jenseits des Mainstreams zu vertreten. Mit seinen unpopulären, oft politisch nicht korrekten und provokativen Aussagen eckt der gebürtige Niederländer immer wieder an. Gleichzeitig ist sein Renommee als Militärhistoriker aber unbestritten. In mehr als zwei Dutzend Büchern – darunter Die Zukunft des Krieges, Kriegs-Kultur und A History of Strategy – und mehreren Hundert Zeitungsartikeln diskutiert er unter anderem die Konsequenzen asymmetrischer Kriegsführung, den Einsatz von Frauen in der Armee, die Geschichte der Strategie oder der Kriegsspiele – von den Gladiatoren bis zu Gigabytes.

Herr van Creveld, weltweit werden Armeen im Kampf gegen das Virus Sars-CoV-2 eingesetzt – in China, in Italien und in Spanien, in Großbritannien und in den USA, in Indien und in Israel. Was halten Sie davon?
Natürlich ist es schön, in Krisenzeiten auf Soldaten und Offiziere zurückzugreifen, vor allem, wenn sie sonst wenig zu tun haben. Viele Armeen sind ja inzwischen so eine Art Wohlfahrtsorganisation für Uniformierte. Aber im Ernst: Für den Einsatz im zivilen Bereich sind die Armeen schlecht vorbereitet. Die zivile Welt unterscheidet sich grundlegend von der militärischen. Der Rückgriff auf Soldaten ist nur dann zu empfehlen, wenn sie diszipliniert sind und den Einsatz in den Städten behutsam angehen.

Israel hat eine sehr gut trainierte und bestens ausgestattete Armee, die auf Krisensituationen eigentlich vorbereitet sein sollte. Ist das der Grund dafür, dass Israel laut einer Übersicht der »Deep Knowledge Group« in Sachen Corona am sichersten ist?
Da täuschen Sie sich. Es ist zwar richtig, dass Israel im Vergleich zu ähnlich großen Ländern wie Österreich, den Niederlanden, Schweden oder der Schweiz deutlich weniger Corona-Tote zu beklagen hat. Das bedeutet aber nicht, dass unser Gesundheitssystem besser ist oder dass die Armee etwas dazu beiträgt. Im Gegenteil, die meisten Indikatoren zeigen, dass sich beides seit Jahren verschlechtert hat.

Wie erklären Sie denn die relativ niedrigen Todeszahlen in Israel?
Irgendjemand hat entschieden, nur diejenigen Corona-Patienten zu zählen, die in einem Krankenhaus gestorben sind. Würde man stattdessen alle Toten berücksichtigen, wäre die Zahl der Opfer um ein Mehrfaches höher.

Israels Armee sei auf Krisensituationen ungenügend vorbereitet, sagten Sie. Ist das Ihr Ernst?
Länder wie Israel, dessen Armee ständig auf der Hut sein muss, sind wohl etwas besser vorbereitet als andere, die in einem friedlichen Umfeld leben. Aber auch in Israel stelle ich fest: Es fehlen Masken, Testkits. Zudem mangelt es an der nötigen Ausbildung.

Neuerdings wollen Forscher ja nicht ausschließen, dass das Virus »zufällig« aus einem Labor entwichen sei. Lassen sich die Folgen der Corona-Krise Ihrer Meinung nach mit denjenigen biologischer Kriegsführung vergleichen?
Die neuesten Forschungen zeigen, dass es sich mit Sicherheit nicht um biologische Kriegsführung handelt. Eine solche wäre zudem nicht kriegsentscheidend. Das mussten schon die alten Ägypter und Griechen erfahren. Sie vergifteten Brunnen oder schleuderten Tierkadaver in feindliche Lager. Aber es gelang ihnen nicht, damit zu siegen. Vielmehr zeigt es sich, wie töricht biologische Kriegsführung ist. Corona liefert zudem einmal mehr den Beweis, dass die biologische Kriegsführung problematisch ist, weil sie schnell und leicht außer Kontrolle gerät.

Würden Sie denn überhaupt von einer Kriegssituation sprechen?
Der sogenannte Krieg gegen Corona unterscheidet sich einerseits von einem richtigen Krieg, weil wir nicht einem Feind gegenüberstehen, der ein Bewusstsein hat. Anderseits lässt sich die Situation durchaus mit einem Krieg vergleichen, weil sich das Virus so verhält, als ob es ein Bewusstsein hätte. Es »sucht« nach verletzlichen Stellen, passt sich an, und es verändert sich.

Der Feind ist »dumm«, aber gleichzeitig »intelligent«?
Genau. Er hat es sich zwar nicht zum Ziel gesetzt, uns zu vernichten, aber er schlägt zurück, wenn wir gegen ihn vorgehen. Deshalb benötigt man eine Strategie, um ihn auszuschalten. Wie im »richtigen« Krieg setzt das Informationen über dessen Identität voraus. Man muss wissen, wo er ist, wie er wirkt, und wie wir ihn täuschen können. Und leider muss ich feststellen, dass die Schlacht gegen Corona von Angst geleitet wird – ohne eine durchdachte Strategie und ohne ökonomisches Denken.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach unter Berücksichtigung der Wirtschaft angezeigt?
Das kommt ganz darauf an, wie hoch man die Kosten einer Niederlage einschätzt. Lesen Sie zum Beispiel beim griechischen Dramatiker Euripides nach. Dort sehen Sie, dass es in der Antike üblich war, die Männer einer besiegten Stadt hinzurichten, Frauen und Kinder zu versklaven und die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Um das zu verhindern, wäre wohl kein Preis zu hoch.

Ihr Beispiel impliziert, dass Sie den Krieg gegen Corona befürworten, koste er, was es wolle.
Im Gegenteil. Ich warne vor einer Dramatisierung. In einigen Ländern ist die Erholung ja bereits im Gange. Insgesamt bin ich deshalb optimistisch – vorausgesetzt, dass die Maßnahmen, die gegen Corona erlassen wurden, nicht allzu lange in Kraft bleiben. Wir sollten zudem nicht auf die absolute Zahl der Corona-Toten achten, sondern diese mit der jährlichen Zahl an Grippe-Toten vergleichen, um uns ein Bild über das wahre Ausmaß der Corona-Gefahr zu machen. Dann nämlich sehen wir, dass es sich bei den Opfern des Sars-CoV-2-Virus um eine sehr kleine Zahl handelt. Zudem haben wir ein statistisches Problem. Viele sind nicht an Corona, sondern mit Corona gestorben, weil sie zuvor bereits eine andere Krankheit hatten. In der Statistik werden aber alle Toten über einen Leisten geschlagen, was die Aussagekraft der Zahlen beeinträchtigt.

Mit dem israelischen Militärhistoriker sprach Pierre Heumann.

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