Theater

Die mit den Wölfen heult

Theater

Die mit den Wölfen heult

Die esoterisch-durchgeknallte Komödie »Blood Moon Blues« am Berliner Gorki-Theater spielt in einem Aschram am Toten Meer

von Ralf Balke  27.11.2022 10:48 Uhr

Manchmal ist es vielleicht besser, nicht zu wissen, wie man an seinen Namen gekommen ist – so wie im Fall der Medizinstudentin Luna. Da ist von einem uralten Ritual die Rede, vom ersten und zweiten Blutmond, bei dem Frauen zerbrochenes Geschirr sammeln, es mit dem Samen einer roten Rose begraben und in einer langen Prozession zum Toten Meer ziehen, wo sie schmerzerfüllt den Mond anheulen, um unausgedrückte Ideen und unerfüllte Potenziale zu beklagen.

»Das ist der Grund, warum meine Mutter mir diesen Namen gab«, heißt es denn auch direkt im Prolog von Blood Moon Blues, der neuesten Produktion von Yael Ronen, der 1976 geborenen Theatermacherin, die in Tel Aviv und Berlin lebt. Damit ist man auch schon mittendrin in einer temporeichen Komödie, die einen sprichwörtlich in die Wüste schickt. Denn das Setting ist ein Aschram nahe dem Toten Meer, wohin Elinor (Orit Nahmias), eine nur ihrer Selbstwahrnehmung nach erfolgreiche israelische Schriftstellerin, Tochter Luna (Aysima Ergün) sowie die Therapeutin Gabriella (Vidina Popov) einbestellt.

liebhaber Ins Aschram selbst soll die beiden Frauen Greg (Doga Gürer) führen, Elinors juveniler deutscher Liebhaber, ein »Clown, der um die Welt reist, und sich mit Yoga- und Tauchkursen über Wasser hält«. Und so herrlich esoterisch-durchgeknallt wie der Prolog es bereits andeutet, geht es direkt weiter, wenn Greg beschreibt, wie er Elinor kennen- und lieben gelernt hat: »Ich schlief am Strand am Toten Meer – in der Nähe der heißen Quellen. Und auf einmal habe ich die Wölfe heulen hören.« Doch eines der Tiere war gar kein Wolf, sondern eine nackte Frau, schlammbeschmiert, mit langen silbernen Haaren, die am Wasser stand und den Mond anheulte.

Damit bahnt sich bereits der erste Konflikt an – schließlich ist Gabrielle nicht nur Elinors Therapeutin, sondern auch ihre langjährige Geliebte, was Tochter Luna ohnehin nie gefiel, weil dadurch eine der Grundregeln in der Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten verletzt wurde. Und beide Frauen haben ein Problem mit dem verstrahlten Greg, der sie durch die Wüste führt und dabei auftritt wie eine Mischung aus Moses und Pumuckl.

Im Aschram selbst nimmt die Geschichte eine weitere Wendung.

Im Aschram selbst nimmt die Geschichte eine weitere Wendung. Elinor erklärt überraschend, Krebs zu haben und sich keiner weiteren medizinischen Behandlung unterwerfen zu wollen, also in ihrer Höhle im Aschram in der Wüste sterben zu wollen. Aber ob das alles so stimmt oder einfach nur eine der vielen Manifestationen von Elinors bipolarer Störung ist, an der sie seit Jahren leidet und die bereits zu diversen Suizidversuchen geführt hat, ist nicht ganz klar. Denn die Krankheit bezeichnet sie als »Geschenk des Universums«, erklärt jedoch gleichzeitig, Luna und Gabrielle nicht mit Details langweilen zu wollen.

missbrauch Sehr konkret aber zeigt sich das fast schon an emotionalen Missbrauch grenzende Verhalten Elinors gegenüber Luna. Die Thematisierung und Analyse dieses im wahrsten Sinne des Wortes toxischen Mutter-Tochter-Verhältnisses dominiert auch die letzte halbe Stunde des Stücks, wobei sich die vermeintlich echte oder eingebildete Krebskranke als wahre Meisterin des passiv-aggressiven Verhaltens und der Manipulation zeigt.

Auch wenn Blood Moon Blues etwas zu abrupt endet und die Zuschauer mit einigen Fragen zurücklässt, so erweist sich das Theaterstück als ein gelungener Drahtseilakt. Denn die Thematisierung einer ernsthaften psychischen Erkrankung wie der bipolaren Störung im Rahmen einer Screwball-Comedy kann schon eine gewisse Fallhöhe mit sich bringen. Doch es funktioniert! Das Ganze wirkt wie aus einem Guss, nicht zuletzt aufgrund des Enthusiasmus, den die Schauspieler an den Tag legen, wobei das wirklich spektakulär zu nennende Bühnenbild und die düstere musikalische Begleitung einen nicht unwesentlichen Anteil haben.

»Blood Moon Blues« läuft am Gorki-Theater wieder am 27. November und am 27. Dezember.

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Aufgegabelt

Schawuot: Käse-Bourekas

Rezepte und Leckeres

 21.05.2026

Berlin

Daniel-Ryan Spaulding: Pro-israelischer Comedian aus Kanada in Deutschland

»Wenn wir Freiheit, Demokratie und säkulare Werte verteidigen wollen, dann sollten wir alle an der Seite Israels stehen«, sagt der Künstler, der auch zum Aktivisten wurde

von Imanuel Marcus  21.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  21.05.2026

Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland würdigt in seiner Laudatio auf die Jüdische Allgemeine die Verdienste der Redaktion - und ihren Mut

von Abraham Lehrer  21.05.2026

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026