Wien

»Die längste Zeit ist vorbei«

Es war Alma mit ihrer starken und würdevollen Persönlichkeit, die stets mit ›der anderen Seite‹ verhandelte, die mit den Lagerkommandantinnen – Mandel und Drechsler – sprach, um zusätzliche Rationen für uns zu bekommen«, schreibt Anita Lasker‐Wallfisch in ihrem Buch Ihr sollt die Wahrheit erben. Auch sie verdankt jener Alma ihr Leben und erinnert sich: »Mit der eisernen Disziplin, die sie uns aufzwang, gelang es ihr, uns von dem abzulenken, was um uns im Lager geschah – von den rauchenden Schornsteinen und dem Elend des Lageralltags zu einem ›f‹, das hätte ein ›fis‹ sein sollen.«

In Wien spürt derzeit eine Ausstellung dem Leben jener legendären Alma Rosé nach. Auf den Bildern ist eine mondäne Dame aus den 20er‐ und 30er‐Jahren zu sehen: Alma im weißen Cabrio, Alma grazil mit zwei Hunden, Alma elegant im Abendkleid und mit Geige. Es sind Bilder aus besseren Zeiten.

»Wir befinden uns hier in der Neuen Hofburg am Heldenplatz«, sagt Monika Sommer, die Direktorin des Hauses der Geschichte. Kein gewöhnlicher Ort, sondern »der Ort, der auch international bekannt ist, weil hier 1938 Adolf Hitler den sogenannten Anschluss seiner Heimat an das ›Deutsche Reich‹ bekannt gegeben hat.«

Mit 15 Jahren debütierte Alma Rosé als Solistin, mit 20 spielte sie virtuos Bach und Beethoven.

Die Direktorin hält kurz inne, ihr Blick schweift im Innenraum an eleganten weißen Treppengeländern empor, vorbei an mit Stuck verzierten Wänden, hinauf zum Altan, einem Balkon. Dieser ist derzeit nicht öffentlich zugänglich, doch man debattiert, ob sich das ändern sollte.

Die Fläche davor im Innenraum heißt »Alma Rosé Plateau«, und genau dort ist die Ausstellung zu sehen: Schwarze Notenständer sind in Halbkreisen angeordnet, als erwarte man ein großes Streichorchester. Notenblätter liegen nicht darauf, sondern Tafeln, die vom Leben der legendären Musikerin und dem ihres Vaters erzählen. Erstmals nun also eine umfassende Schau an diesem Ort. »Denn beide Schicksale verbinden zum einen den sogenannten Hitler‐Balkon und zum anderen unsere Nachbarschaft, nämlich die Sammlung alter Musikinstrumente«, sagt Sommer.

WUNDE Aber da ist noch etwas. Etwas Anstrengendes, Unbequemes: die Wunde im Umgang mit jenem großen Musiker, dem Schwager Gustav Mahlers, Konzertmeister der Wiener Philharmoniker und der Wiener Hofoper. »Er war 57 Jahre dort tätig und eine Ikone des Wiener Musik‐ und Gesellschaftslebens«, sagt Sommer.

Auch Arnold Rosé ist auf den Fotos zu sehen, und auch seine Geschichte wird erzählt: 1923 – zum 60. Geburtstag – wird er Ehrenbürger Wiens, zum 70. Geburtstag ernannte man ihn zum Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker, 1935 erhielt er das Österreichische Verdienstkreuz für Kunst und Wissenschaft.

Trotz allem schleuderte ihm nur wenige Tage nach Hitlers Rede ein junger Musiker entgegen: »Herr Hofrat, Ihre Tage hier sind gezählt.« Die Aufführung von Wagners Tristan und Isolde am 15. März 1938 sollte seine letzte in Wien sein. Drei Tage später wird er von den Wiener Philharmonikern zwangsbeurlaubt.

Die Ausstellung zeigt sein ehemaliges Mitgliederbuch und damit das beginnende Drama: Jüdische Orchestermitglieder, ob prominent oder nicht, Ehrenmitglied der Staatsoper Wien oder des Beethoven‐Hauses Bonn, wurden entlassen und aus der Gesellschaft verstoßen. Einzig interessant war noch ihr Vermögen. Alles über 5000 Reichsmark wurde ihnen genommen.

Auch Arnold Rosés Liste des Eigentums wird in der Ausstellung gezeigt. Seine Frau Justine, die Schwester Gustav Mahlers, starb, vielleicht auch vor Kummer, im August 1938. Für die Hinterbliebenen, und damit auch die Kinder Alma und Alfred, begann eine harte Zeit. Beide waren etablierte Musiker und ab sofort mit einem Auftrittsverbot belegt.

STRADIVARI »Mysa« nannte Arnold Rosé seine Stradivari, die er 1913 von der Wiener High Society geschenkt bekam, benannt nach Gräfin Mysa von Wydenbruck‐Esterházy, die als Mäzenin fungierte und eine Gesellschaft gegründet hatte, um für Arnold Rosé, der eigentlich Arnold Josef Rosenblum hieß, zum 50. Geburtstag dieses Geschenk zu ermöglichen. Er hatte als 16‐Jähriger im Leipziger Gewandhaus debütiert und 1881 Karl Goldmarks Violinkonzert op. 28 in Wien uraufgeführt. Es war der Start seiner 57 Jahre währenden Musikerkarriere in dieser Stadt.

Der Schriftsteller Arthur Schnitzler erwähnte in seinem Tagebuch die Besuche im Hause Rosé und die Begegnung mit Gustav Mahler. Man pflegte den Austausch und die Liebe zur Musik, die man auch den Kindern vermittelte. Alma erhielt Geigenunterricht, ihr Bruder Alfred wurde nach Berlin geschickt, um bei Arnold Schönberg Komposition zu studieren. Beide zeigten Talent, und mit 15 Jahren debütierte Alma als Solistin.

Auf Bildern aus ihrer Teenagerzeit ist sie im dunklen Kleid mit rundem Spitzenkragen und langem glatten Haar zu sehen, konzentriert den Geigenbogen haltend. Als 20‐Jährige spielte sie bereits virtuos Bach, Beethoven und das Violinkonzert von Tschaikowsky, auch wenn sich manch ein Kritiker bemüht sah, »dem dunkeläugig‐rassigen Mädchen« ans Herz zu legen, »noch immer einiges für Technik und Ausdruck zu tun«.

Die Frauen spielten Märsche, Schlager, Operetten und Arien – inmitten der Hölle.

Zu sehen sind Bilder der jungen Alma in weißer voluminöser Bluse mit Weste, selbstbewusst, stolz mit der Geige in der Hand, das Haar zum modischen Pagenkopf frisiert. Es folgen Auftritte mit den Wiener Philharmonikern, diverse Rundfunkaufnahmen. Das Doppelkonzert für zwei Violinen von Bach aus den späten 20er‐Jahren ist heute noch überliefert. Sie reift zur Dame und ist auf Fotos im eleganten Abendkleid zu sehen, den Pagenkopf noch etwas kecker und kürzer, neben ihr der Vater mit schlohweißem Haar und Bart.

FLUCHT 1930 heiratet Alma den tschechischen Geiger Váša Príhoda und nimmt dessen Staatsbürgerschaft an. Das gemeinsame Glück ist nur von kurzer Dauer. Fünf Jahre später ist sie wieder in Wien, wo sich die Zeiten rapide ändern, nachdem Hitler den Altan der Neuen Burg betreten hat. Für die Jüdin Alma Rosé wird die Zeit in Wien immer schwieriger. Sie flüchtet nach London. Dort lebt bereits ihr Vater, der sich mit einzelnen Konzerten über Wasser hält und eine leidvolle Existenz bestreitet.

Almas nächste Lebensstation sind die Niederlande. In Den Haag gibt sie Hauskonzerte, doch auch dort wird sie ab Ende 1940 verfolgt. Ihr Pass enthält dann schon das »J« für »Jüdisch«. Sie plant mit Hilfe des Bruders ihre Ausreise in die USA.

Doch alle guten Ideen kommen zu spät, denn das US‐Konsulat wird geschlossen, und auch eine Scheinehe mit einem niederländischen »Arier« hilft ihr nicht. Es folgen Razzien und Verhaftungen.
1942 beginnen die ersten Deportationen, und Alma beschließt die Flucht über Frankreich. Einer Freundin überlässt sie ihre wichtigsten Dinge, vor allem ihre kostbare Geige und das Tagebuch mit einem letzten Eintrag: »Die längste Zeit ist vorbei.«

VERHAFTUNG Ihre Pläne scheitern, sie wird denunziert und am Bahnhof von Dijon verhaftet. Unter ihrem niederländischen Namen erhält sie die Nummer 916 und befindet sich am 18. Juli 1943 von Paris aus im Transport Nr. 57. Die Ausstellung belegt den Umfang der Transporte: Allein hier ist von 1000 Personen die Rede, die, in Güterwaggons gepfercht, zwei Tage später in Auschwitz‐Birkenau ankommen. 440 werden gleich ermordet. 191 Frauen und 369 Männer überleben die erste Selektion. Nur 30 Männer und 22 Frauen können später befreit werden.

Für Alma Rosé war Block zehn des Stammlagers vorgesehen, jener Block, in dem ärztliche Experimente zur Sterilisation vorgenommen wurden. Der Überlieferung nach wird die prominente Geigerin von einer holländischen Häftlingskrankenschwester erkannt und damit wohl auch gerettet. Alma gab heimlich Konzerte, später auch mit Erlaubnis der Lagerleitung. Die Oberaufseherin des Frauenlagers, Maria Mandel, hatte die Idee, ein Frauenorchester zu gründen.

PERFEKTION Alma schien prädestiniert dafür und setzte eisern mit einer »unkonventionellen Kollektion« aus Musikerinnen und Instrumenten diese Idee um. »Sie war unerbittlich streng. Sie bestrafte uns, wenn wir falsch spielten«, erinnert sich Anita Lasker‐Wallfisch, die ihr dennoch dankbar ist für die verordnete Härte und Disziplin. »Vielleicht war dies für sie selbst die einzige Möglichkeit, nicht den Verstand zu verlieren. Sie zog uns alle in den Bann ihres Wahns, aus dem Repertoire, das wir spielten, etwas Perfektes zu machen – und gerade damit half sie uns, dass auch wir nicht den Verstand verloren«, schreibt Lasker‐Wallfisch.

»Frau Alma« genoss den Respekt der Lagerleitung und erkämpfte Privilegien für die Musikerinnen.

Das Mädchenorchester war in Sichtweite von Gaskammern und Krematorium untergebracht. Es gab etwa 50 Mitglieder. Alma Rosé war bemüht, circa 200 Musikstücke zu orchestrieren – für Mandolinen, Geigen, Gitarren, ein Cello, Sängerinnen, Akkordeon, Flöte, Trommeln, Kontrabass und später auch Klavier. Sie spielten am Lagertor Märsche, ansonsten Schlager, Operetten, Arien – und für den berüchtigten Lagerarzt Josef Mengele Schumanns Träumerei inmitten der Hölle.

NOTIZBUCH »Frau Alma« genoss den Respekt der Lagerleitung und erkämpfte Privilegien für die Musikerinnen: bessere Kleidung, eine wöchentliche Duscherlaubnis, zusätzliche Lebensmittel, sogar einen Eisenofen für die Musikbaracke. All diese Dinge dienten dem Überleben der doch sehr unterschiedlichen Gruppe. Anita Lasker‐Wallfisch berichtete nach dem Krieg davon, auch Hilde Grünbaum, die später nach Israel in einen Kibbuz zog und sogar Almas Notizbuch und Stift aus dem Lager rettete.

Die Nacht vom 4. auf den 5. April 1944 sollte das Leben der Musikerinnen völlig verändern. Am Abend zuvor war Alma zu einer Feier eingeladen. Ab diesem Zeitpunkt beginnen die wilden Spekulationen. War es eine Geburtstagsfeier? War es eine Feier für sie? Fest steht, dass sie jenen Abend nicht überlebte. War es der Alkohol oder eine ungenießbare Fleischkonserve? Eine Vergiftung oder Virusinfektion? Sie starb – völlig unerwartet und dramatisch – noch in derselben Nacht. Auch, dass man sie vergiftet hat, sei nicht auszuschließen. Selbst, dass man ihr am folgenden Tag sogar die Freiheit schenken wollte, wird gemunkelt.

Die Mädchen der Kapelle wurden Ende 1944 nach Bergen‐Belsen transportiert. Anita Lasker‐Wallfisch und ihre Schwester Renate überlebten. Später traf die Cellistin den Vater von Alma in London.

Sie konnte ihm nicht alle grauenvollen Details berichten, aber das, was ihn stolz machen musste auf seine Tochter, die nicht das Glück hatte, zu überleben. Arnold Rosé starb kurz darauf in London.

DISKUSSION Das Leben von Alma Rosé ist auch verfilmt worden. Doch Zeitzeugen gingen mit dieser Version des Erzählten hart ins Gericht und äußerten sich sehr kritisch zum Film von Arthur Miller und dem zugrunde liegenden Drehbuch.

In Wien diskutiert man aktuell auch darüber, ob man den Altan öffentlich zugänglich machen sollte oder nicht. Die Besucher des Hauses können derzeit darüber abstimmen. Nach jetzigem Stand liegen die Befürworter vorn, die dem Genius Loci eine andere Bedeutung und vor allem andere Botschaft geben wollen, als es am 15. März 1938 in der frenetisch bejubelten »Heldenplatz‐Rede« geplant war.

Die Ausstellung »Nur die Geigen sind geblieben« im Haus der Geschichte Österreichs am Heldenplatz in Wien ist noch bis zum 12. Mai zu sehen.

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