Soziologie

Die Kunst des Zuhörens

Narrative Interviews: Frei erzählen lassen statt abfragen Foto: Marco Limberg

Bei Befragungen stört oft ein dominant‐autoritärer Interviewstil. Man kennt das von manchen Fernsehmoderatoren: Sie unterbrechen und provozieren ihre Gesprächspartner, beenden unvermittelt eine Argumentation, flechten eigene Bewertungen ein und setzen sich gern selbst in Szene.

Bei Sozialforschern, Psychologen und Linguisten gelten idealerweise andere Prämissen: Sie interessieren sich für ihre Interviewpartner, wollen deren Handlungsmotive, Alltagstheorien und Selbstinter pretationen verstehen lernen. Deshalb ist es für sie verpflichtend, den Interviewpartnern ausreichend Ruhe, Raum und Zeit zu geben und ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, damit diese ihre Sichtweisen entfalten und erläutern können.

nicht unterbrechen Ein von dem Sprachsoziologen Fritz Schütze Mitte der 70er‐Jahre auf dieses Ziel hin entwickeltes Verfahren zur empirisch‐sozialwissenschaftlichen Datenerhebung und zu deren Auswertung ist das »narrative Interview«, für den österreichischen Soziologen und Kulturanthropologen Roland Girtler die »Königin« unter den soziologischen Methoden.

Diese Interviewform basiert nicht auf einem vorher festgelegten Fragenkatalog, sondern primär auf der freien Erzählung persönlicher Erlebnisse durch die Befragten. Nach dem autobiografischen Anfangsbericht, der vom Interviewer nicht unterbrochen wird, folgen ein erzählgenerierender Nachfrageteil und eine abschließende Bilanzierung, die aus der Aufforderung zur abstrahierenden Beschreibung von Zuständen sowie aus theoretischen Warum‐Fragen und ihrer argumentativen Beantwortung besteht.

Dieses Verfahren gelangte bei Befragungen von Menschen, die unter nationalsozialistischem Terror gelitten haben, in jüngerer Zeit mehrfach zur Anwendung. Zum einen in Stefan Bambergs Monografie mit dem Titel Holocaust und Lebenslauf: autobiografisch‐narrative Interviews mit Überlebenden des Konzentrationslagers Theresienstadt (2007). Zuvor in Arbeiten der zuletzt in Salzburg lehrenden Germanistin Anne Betten – und nun in einer von ihr betreuten Dissertation, die Martina Majer unter dem Titel Stimmen gegen das Vergessen vorgelegt hat.

Untersucht werden darin Interviews mit fünf männlichen und fünf weiblichen, zwischen 1902 und 1923 geborenen jüdischen Emigranten aus Flacht (Rheinland‐Pfalz), Berlin, Stettin, Nürnberg, Oppeln, Wien und Prag, die in der Zeit von 1933 bis 1940 nach Palästina ausgewandert sind. Die Befragungen erfolgten in Israel zwischen 1990 und 1994 durch Anne Betten und drei Mitarbeiterinnen im Rahmen eines Forschungsprojekts.

sprecherprofile Majers brillant formuliertes und luzide argumentierendes Werk untersucht die Struktur dieser Interviews bezüglich der Interdependenzen von Intention, Textsortenwahl und Identität, wobei sie ihre Analysemethoden aus Bereichen der Erzählforschung, der Textsorten‐ und Gesprächslinguistik sowie der Psycho‐ und Soziolinguistik erschließt. Dabei versteht sie es, das kommunikative Verhalten der Interviewten mit verschiedenen außersprachlichen Variablen zu korrelieren.

Die Analysebeispiele thematisieren Erfahrungen der Befragten mit Antisemitismus, die Einstellung des Elternhauses zu Religion, Zionismus und Emigration sowie die Auswanderung selbst, erste Eindrücke im neuen Land, aber auch die dortige sprachlich‐kulturelle Integration. Zu den Schlüsselerlebnissen der Biografien zählen ferner das Schicksal der Familie, die erste Rückkehr nach Deutschland oder Österreich, die heutige Haltung gegenüber diesen Ländern sowie das Verhältnis zu Kindern und Enkeln. Es ergeben sich bewegende individuelle Sprecherprofile, die einzigartige Zeitdokumente darstellen.

Das Werk vermittelt nicht nur vielfältige sprachwissenschaftliche Erkenntnisse. Es will darüber hinaus, wie von der Autorin selbst bekundet, »vor allem die Erinnerung an die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg aufrechterhalten. Erinnern an das Leid, den Schmerz, die zerstörten Hoffnungen, Träume und Existenzen.«

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