Fußball

Die Kippa mit der Nummer 14

Unmittelbar vor Beginn des Zweiten Golfkriegs 1990, als die UN dem Irak ein Ultimatum bis zum 15. Januar stellten und Saddam Hussein drohte, Israel mit Raketen zu beschießen, hatte der beste holländische Fußballer aller Zeiten folgenden Ratschlag parat: »Wenn ich Israel wäre, würde ich die Uhr am 15. Januar fünf Minuten vorstellen. Hinterher sagst du dann zum Irak: Ach, war es bei euch noch keine zwölf Uhr?«

Johan Cruyff ist ein großer Freund Israels, und die Zuneigung ist mehr als gegenseitig. Der heute 65-Jährige genießt im jüdischen Staat geradezu irreal hohe Sympathiewerte. Wenn Cruyff eine Partei gründen würde, glaubt der britische Autor Simon Kuper, würde sie auf Anhieb zwei bis drei Sitze in der Knesset gewinnen. Und der israelische Philosoph Saggie Cohen hat einmal gesagt: »In Israel wird Johan Cruyff als der Mann betrachtet, der Anne Frank rettete.« Viele Menschen glauben – fälschlicherweise – sogar, dass Cruyff selbst jüdisch sei. Warum ist das so?

Antworten gibt die neue Cruyff-Biografie von Dietrich Schulze-Marmeling. Sie behandelt ausführlich das jüdische Umfeld in der Familie und bei Ajax. Der Verein, für den Cruyff 1964 debütierte, hatte schon vor dem Krieg jüdische Anhänger, weil das alte Stadion De Meer in der Nähe eines jüdischen Viertels lag. Nach 1945 wurde Ajax für viele männliche Überlebende der Schoa zu einer Ersatzfamilie. Vereinspräsidenten wie Jaap van Praag, Mäzene wie der Textilhändler Leo Horn, Mannschaftsbetreuer wie der Masseur Salo Muller und Spieler wie Bennie Muller gaben dem Verein sein jüdisches Image.

Philosemitismus Schulze-Marmeling, dessen letztes Buch Der FC Bayern und seine Juden als Fußballbuch des Jahres ausgezeichnet wurde, hat bei seinen Recherchen auf zwei ebenfalls lesenswerte Bücher zurückgegriffen. David Winner thematisiert in Oranje brilliant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs auch den seltsamen Philosemitismus nichtjüdischer Ajax-Fans, die bei Spielen israelische Fahnen schwenken, was in Israel ebenfalls zum positiven Bild des Clubs beigetragen hat, von Amsterdamer Juden jedoch eher kritisch gesehen wird. Simon Kupers Ajax, the Dutch, the War wiederum zeigt, welcher Projektionsanteil in der israelischen Sympathie für Cruyff und sein Heimatland steckt. Die Niederlande gelten dort irrigerweise als ein Land, das während der Schoa seine Juden schützte. Im WM-Finale 1974 drückten die Israelis deshalb der Mannschaft um Kapitän Cruyff die Daumen. Das Spiel gegen die Bundesrepublik sollte symbolisch Geschichte korrigieren. Dass das heldenhafte Image der Niederlande der Realität nicht standhielt, wurde verdrängt.

Johan Cruyff selbst, der Spieler mit der Rückennummer 14, wird allerdings nicht zu Unrecht mit dem Judentum in Verbindung gebracht. »Cruyff besaß mehr jüdische Freunde und jüdische Verwandte als mancher niederländischer Jude«, schrieb Schulze-Marmeling in dem von ihm herausgegebenen Sammelband Davidstern und Lederball. Cruyffs Tante heiratete den jüdischen Diamantenhändler Jonas de Metz, die Halbschwester seiner Frau Danny ehelichte ebenfalls einen Juden. Deren Sohn Pascal Shlomo Pop arbeitet mit Cruyffs Tochter Chantal im Management des ehemaligen Starfußballers. Pop ist orthodoxer Rabbiner und gewann 1991 bei der Europäischen Makkabiade als Karatekämpfer eine Silbermedaille. Er, zu dem Cruyff ein enges Verhältnis nachgesagt wird, schrieb auch das Vorwort für das Buch Transfer-vrij. Das Cover ziert ein Fußballtrikot, doch handelt das Buch von den sieben Noachidischen Geboten. Autor Raphael Evers, der Rabbiner von Rotterdam, übergab Johan Cruyff im Juni feierlich ein Exemplar.

Da passt ins Bild, dass Cruyffs Sohn Jordi ab der nächsten Saison Manager des israelischen Erstligaklubs Maccabi Tel Aviv sein wird. Und dass man sich in Israel bisweilen die Anekdote erzählt, Johan Cruyff sei im Land mit einer Kippa mit der Nummer 14 gesehen worden.

Dietrich Schulze-Marmeling: »Der König und sein Spiel. Johan Cruyff und der Weltfußball«. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012, 352 S., 19,90 €

Die Träger des Georg-Stefan-Troller-Preises 2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026

Julia Franck

»Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt«

Die Schriftstellerin über ihre literarische Biografie der Jüdin Baladine Klossowska und den Dichter Rainer Maria Rilke

von Knut Elstermann  11.10.2026

Aufgegabelt

Rote Bete mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 11.10.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Texten der Jüdischen Allgemeinen

 10.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026