In jedem Stadtteil gibt es Menschen, über die Gerüchte kursieren. Oft sind es Nachbarn, die schon ewig im selben Haus wohnen und alles über das Viertel wissen, Sonderlinge, deren Alter schwer zu schätzen ist. Manche tragen ein Geheimnis in sich.
Eine solche Frau ist Martha E., sie lebt in den 80er- oder 90er-Jahren in Berlin-Schöneberg. »Ihre hautfarbenen Perlonstrümpfe waren von Laufmaschen durchzogen, an den mageren Fußknöcheln legten sie sich in Falten. Meist schlurfte sie in Filzpantoffeln oder abgewetzten Pantoletten durch die Straßen.« Man sagt, sie sei katholisch und sehr fromm, etwas Seltenes in Berlin. »Die so schäbig gekleidete und etwas verwirrt wirkende Frau sei in Wahrheit gar nicht so arm, hieß es.« Im Gegenteil: Sie sei Millionärin. Sogar ein großes Wohnhaus gehöre ihr.
»Alle kannten sie, doch keiner wusste, wer sie war«
»Alle kannten sie, doch keiner wusste, wer sie war.« Mit diesem Satz beginnt das Romandebüt Stunden wie Tage der Berliner Journalistin und Deutschlandfunk-Moderatorin Shelly Kupferberg. Vor fast vier Jahren hat sie in ihrem ersten Buch die Geschichte ihres Urgroßonkels erzählt (Isidor. Ein jüdisches Leben), das zu einem Erfolg wurde und derzeit in einer dramatischen Fassung am Wiener Burgtheater gespielt wird. In ihrem ersten Roman widmet Shelly Kupferberg sich nun einer Frau, die ebenfalls beinahe in Vergessenheit geraten wäre.
In den 30er-Jahren findet Martha über eine Zeitungsannonce eine Anstellung bei Ber und Henry Berkowitz. Die beiden Brüder suchen eine sogenannte Hausbesorgerin – eine Frau, die sich um eines ihrer Mietshäuser kümmert. Martha wird eingestellt und sorgt fortan für Ordnung und Sauberkeit in dem »gepflegten Haus mit vier Etagen, Erkerfenstern und Balkonen«. Sie kassiert die Miete bei den Bewohnern und erledigt kleinere Reparaturen. Die Brüder vertrauen ihr alle Schlüssel an, sie erhält eine kleine Dienstwohnung im Hinterhaus und »ein monatliches Salär«.
Jahrzehntelang wird sich Martha für das Haus verantwortlich fühlen. Sie bleibt den Brüdern Berkowitz treu, auch als diese von den Nazis in die Flucht nach England getrieben werden und sich dort eine neue Existenz aufbauen.
Kupferbergs Roman ist eine Hommage an eine Frau, die in Zeiten voller Grausamkeit nicht nachlässt, voller Wärme und Nächstenliebe für andere zu sorgen. Eine Frau, die darunter leidet, mit ihrem Mann Willy kein Kind zu bekommen, und sich rührend um ein Mädchen sorgt, dessen Mutter überfordert ist. Eine fromme Frau, die »im streng katholischen Haushalt ihrer Eltern dazu angehalten war, züchtig und gehorsam zu sein und sowohl zu Hause als auch in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich aufzufallen«. Doch in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen gerät und Juden entrechtet werden, entwickelt sich Martha zu einer stillen Heldin, die weiß, was zu tun ist, und anständig bleibt.
Spannung und Menschenkenntnis
Gekonnt verwebt der Roman das Schicksal von Martha E. mit dem von Henry Berkowitz, seiner nichtjüdischen Frau Katharina und der gemeinsamen Tochter Liane. Beeindruckend, wie Kupferberg das Seelenleben ihrer Figuren ausleuchtet. Voller Spannung und Menschenkenntnis erzählt sie, wie die Herrschaft der Nationalsozialisten Berlin zu einer Stadt macht, in der Juden um ihr Leben fürchten müssen.
Der Roman entfaltet über lange Passagen eine dichte und einfühlsame Erzählweise. Umso mehr irritiert es, dass einige (wenige) Kapitel plötzlich etwas ungelenk und beinahe steril anmuten.
Dennoch sind dem Roman viele Leser zu wünschen. So wie Shelly Kupferbergs in Wien handelndes erstes Buch Isidor derzeit am Burgtheater zu sehen ist, hat auch ihr Roman Stunden wie Tage das Potenzial, an einem Theater aufgeführt zu werden. Ein großartiger Stoff, den eines der Berliner Häuser hoffentlich bald auf die Bühne bringt.
Shelly Kupferberg: »Stunden wie Tage«. Roman. Diogenes, Zürich 2026. 272 S., 25 €