Antisemitismusforschung

Die Fakten und die Toten

Antisemitismus in Europa ist längst kein akademisches Thema mehr: Gedenken an die Opfer des Anschlags auf das Jüdische Museum Brüssel Foto: dpa

Im Jahr 1879 veröffentlicht der Historiker Heinrich von Treitschke einen Aufsatz namens »Unsere Aussichten« über »innere Reichsfeinde«, zu denen er die Juden zählt, von denen es bereits »bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf« heiße, dass sie »unser Unglück« seien. Es folgt der Berliner Antisemitismusstreit.

Ein halbes Jahrhundert später wird am Bodensee ein Mann geboren, der erst Wehrmachtssoldat, dann Schriftsteller wird. Er schätzt Treitschke »als Historiker«. Er fühlt sich von Auschwitz und den Juden in seinem Deutschsein und Nationalgefühl belästigt. Auch im Schreiben.

Jedenfalls wünscht er einem von ihnen den Tod. Zwischendurch zeugt er einen Sohn, der in Kolumnen schreibt, dass sich Berlin beugt, wenn Jerusalem anruft. Dieser Sohn hat eine Halbschwester, die als Redakteurin bei einer renommierten Tageszeitung arbeitet. Diese Zeitung leistet sich in jüngster Zeit gleich vier »antisemitisch deutbare Ausrutscher«. Für einen von ihnen ist diese Redakteurin direkt verantwortlich. Dass diese Kontinuitäten deutschen Denkens aber auch immer so verdammt kontinuierlich sein müssen.

liste Das ist so ein Gedanke, der aufkommt, wenn man vergangenen Freitag ein ganztägiges Symposium mit dem Titel »Gebildeter Antisemitismus – eine Herausforderung für die Zivilgesellschaft« besucht. Veranstalter ist die Technische Universität Berlin. Ausgerichtet wird das Symposium aber nicht vom dortigen Zentrum für Antisemitismusforschung. Die Koordinatorin Monika Schwarz-Friesel kommt aus der Linguistik; die Professorin forscht zur »Sprache des Antisemitismus«.

In der Ankündigung hieß es, in einer Reihe von Vorträgen sollten vor allem die medialen Diskurse um Antisemitismus der letzten Jahre analysiert werden. So soll Matthias Küntzel eine Bilanz der Augstein-Debatte ziehen. Küntzel ist gekommen, um ein wenig Radau zu machen. Vor seinem Vortrag verspricht er sich, sagt »Adolf« statt »Augstein«. Der Verlauf der Debatte, so Küntzel, zeige ein Versagen der Öffentlichkeit im Umgang mit Antisemitismus. Als das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles 2012 Augstein auf seine Liste der virulentesten Antisemiten setzte, sei ihm jeder sofort beigesprungen, »darunter sogar der Vizepräsident des Zentralrats der Juden«.

Salomon Korn hatte damals gesagt, das Center sei wohl »sehr weit von der deutschen Wirklichkeit entfernt«, wenn es Augstein wegen seiner Kolumnen als Antisemiten, einen der gefährlichsten der Welt noch dazu, bezeichne. Ist auch er damit Teil des Versagens? Küntzel kritisiert weiter, wie schnell die Einschätzung des Center als überzogen abgetan wurde. Weiß Küntzel eigentlich, dass nicht wenige amerikanische Juden, und nicht nur die mit Selbsthass, diese Liste eher spöttisch betrachten? Versagen auch sie? Oder gibt es vielleicht einfach die Möglichkeit des Meinungsunterschieds?

gewalt Will man am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen, gehört dazu, Kritik, Aggression, vielleicht sogar Feindschaft zu ertragen, wenn sie nicht an Gewalt grenzt. Ohne den kleinen Alltagsantisemitismus, sei es ein plötzliches »Und was ist mit Israel?« beim Wein oder ein lahmer Witz über Geld oder eine schräge Kolumne, wären wir keine richtige Diaspora.

Wenn es nicht an Gewalt grenzt. Bisher ging es nur um die Brutalität einer Schlagzeile oder Kommentarspalte. Jetzt spricht Daniel Alter. Der Berliner Rabbiner ist nicht eingeladen, um über den Angriff mutmaßlich arabischer Jugendlicher 2012 auf ihn zu sprechen, heißt es, sondern, um ein paar allgemeinere Beobachtungen mitzuteilen. Dennoch wirkt es so, als ob er hier als Zeuge auftritt.

Ein Drittel der Bevölkerung hat antisemitische Einstellungen, sagt Alter. Man kann in der Öffentlichkeit also abzählen: eins, zwei, Antisemit ... Das ist belastend. Es gibt aber eine Grenze zwischen belastend und unerträglich. Wenn diese überschritten sei, so Alter, dann werde er nach Israel auswandern. Alter verliert sich kurz in einem Gedanken und bittet um Entschuldigung. »Ja, das ist aber auch ein schwieriges Thema«, sagt Schwarz-Friesel. Der Begriff eines »Antisemitismus-Symposiums« lädt zu Zynismus ein, ein solcher Moment bestätigt ihn. Henryk M. Broder würde das ganze Unternehmen vermutlich als typisch deutsche Obsession abtun.

Andererseits: Eine exklusiv jüdische Veranstaltung, bei der jeder im vertrauten Kreis seine Leiden klagt, hilft niemandem. Ein Herumschleichen um den Begriff Antisemitismus, eine »Näherung« mit den ewig gleichen Zitaten von Adorno et al., kann es aber auch nicht sein. Die subjektive, die erlebte Dimension muss Teil einer Betrachtung sein.

rückzug Bei jeder akademischen Konferenz gibt es jemanden, meist aus dem Publikum, der die Dinge durchschaut, die richtigen Fragen stellt und damit die Veranstaltung rettet. Hier ist es die Journalistin Esther Schapira. Sie kennt Alter noch aus Frankfurter Zeiten im Jugendzentrum. Sie freuen sich, sich nach Jahrzehnten wiederzusehen.

Ist es nicht so, fragt Schapira, dass wir heute von Normalität viel weiter entfernt sind als damals? Wir erleben einen Rückzug in jüdische Zusammenhänge, eine Abschottung. Der Freundeskreis wird kleiner, die Erfahrung des Antisemitismus erfolgt meistens medial und aus zweiter Hand. Von Ausnahmen wie dem Angriff auf Alter mal abgesehen.

Hier könnte eine schwierige, aber vielleicht notwendige Diskussion ansetzen: eine über die Rolle der Juden in Deutschland im Diskurs über Antisemitismus. Kein Jude hat Lust, permanent öffentlich Antisemitismus anzuklagen – schließlich ist der kein Problem der Juden, sondern der Antisemiten, alles andere wäre Kausalumdrehung.

Verschweigen Und überhaupt ist man ja kein Jude, nur um den Antisemiten zu trotzen, um mit Leon Wieseltier zu sprechen. Doch genau diese Verweigerung – die gelegentlich in Verschweigen oder Leugnung umschlägt – kann in der nichtjüdischen Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, dass alles gut ist. Bis es eben nicht mehr gut ist.

Wie in Frankreich. Seit Januar werden in Paris immer wieder Juden angegriffen, körperlich und verbal. Der antisemitische Komiker Dieudonné hat den »Quenelle«-Gruß populär gemacht. Joel Rubinfeld von der Belgischen Liga gegen Antisemitismus hat eine Verbindung zwischen Dieudonné, dem antizionistischen belgischen Politiker Laurent Louis und den Morden in Brüssel gezogen. Schließlich kam der Attentäter Mehdi Nemmouche aus Frankreich. Nicht erst seit Toulouse 2012 verlassen immer mehr Juden das Land.

Der Sozialpsychologe Andreas Zick aus Bielefeld stellt in seinem Vortrag verschiedene Versuche der Erhebung von Antisemitismus durch Umfragen vor. Nur zu Frankreich gibt es keine Daten, weil dort die Untersuchung per Dekret verboten wurde. Eine interessante Tatsache. Vielleicht sogar ein eigenes Symposium wert.

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