Clemens J. Setz

Die Erde als Hohlkugel

Der österreichischee Schriftsteller Clemens J. Setz Foto: picture alliance/dpa

Die Mondlandung war eine Inszenierung aus Hollywood, die Corona-Pandemie eine Erfindung von Bill Gates. Elvis lebt heimlich weiter und Paul McCartney ist in Wirklichkeit schon seit Jahrzehnten tot. Verschwörungstheorien wie diese haben aberwitzig viele Anhänger, vor allem im Internet.

Dass sie aber nicht erst seit der Erfindung von Facebook einen Reiz auf Menschen ausüben, kann man im neuesten Werk des Büchner-Preisträgers Clemens J. Setz nachlesen.

Träumer In dem Roman »Monde vor der Landung« gräbt der österreichische Autor die fast vergessene und wahre Geschichte von Peter Bender aus, einem hochbegabten, aber exzentrischen Träumer, der vor 100 Jahren in der rheinhessischen Lutherstadt Worms lebte. Die von Setz geschaffene literarische Version von Bender hält die Erde für eine Hohlkugel, gründet eine auf freier Liebe basierende Religionsgemeinschaft und gerät wegen »ketzerischer« Schriften regelmäßig in Konflikt mit den Behörden.

Als die Nazis an die Macht kommen, sehen er, seine jüdische Ehefrau Charlotte und ihre beiden Kinder sich zunehmenden Anfeindungen ausgesetzt, die schließlich auf tragische Weise eskalieren.

Setz, der ein Faible für skurrile Gestalten und Alltagsbeobachtungen hat, verlässt für sein neuestes Buch die bisherigen Pfade des Verstörend-Kafkaesken und erprobt sich in dem für ihn ungewohnten Feld des historischen Romans. Auf über 500 Seiten gewährt er Leserinnen und Lesern einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen zwischen Genie und Wahnsinn, der in einer völlig anderen Realität lebt als seine Mitmenschen.

Ausnahmetalent Seinem Ruf als Ausnahmetalent der deutschsprachigen Literatur wird der vielfach preisgekrönte Schriftsteller auch in seinem neuesten Werk gerecht, was vor allem an der außergewöhnlich bildhaften Sprache deutlich wird. Jedoch zeigen sich hier und da auch kleinere Schwächen im Erzählfluss und in der nicht immer lückenlosen Figurenzeichnung.

Die Geschichte selbst lässt sich ohne Weiteres auf die heutige Zeit übertragen. Etwa das Streben der Hauptfigur danach, in einer von Krisen gebeutelten Gesellschaft eine möglichst große Gefolgschaft zu schaffen - oder wie man auf Neudeutsch sagen würde: Reichweite zu generieren. Der Roman ist deshalb nur auf den ersten Blick eine tragische Familiengeschichte am Vorabend des Holocausts.

Denn vor allem lässt er sich als Parabel auf die Orientierungslosigkeit des Menschen lesen, der in jedem Zeitalter getrieben ist von der Suche nach charismatischen Erlöserfiguren.

Clemens J. Setz, Monde vor der Landung, ist am 13. Februar im Suhrkamp Verlag erschienen.

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 20.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026

Kunst

Von Guggenheim bis Geffen

Wie jüdische Mäzene im 20. Jahrhundert der Moderne zum Durchbruch verhalfen

von Jana Talke  20.08.2026

Kulturkolumne

Some like it cold

Warum Disneys Eiskönigin nicht nur gegen Hitze hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird heute 80 Jahre alt. Eine persönliche Würdigung

von Reinhard Mohr  20.08.2026

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026