Flüchtlingspolitik

Die Diktatur des Guten

Die Grünen-Politiker Claudia Roth (M.), und Stefan Körner (r.), im November 2015 bei einer Demonstration gegen den Bundesparteitag der AfD in Hannover Foto: dpa

Es ist beunruhigend. Gute deutsche Freunde reden nicht mehr mit mir. Meine Meinung dümpelt nach ihrer Meinung in der braunen Brühe rechtsextremer Gesinnung. Was habe ich Schreckliches gesagt?

Wenn Männer auf der Straße eine Frau einkesseln und sie belästigen, kann sich keine Frau davor schützen. Nur wenn sie, wie in islamischen Diktaturen, dem öffentlichen Raum entflieht. Spätestens jetzt wird jede Kommune in Deutschland begreifen, dass Flüchtlingsunterkünfte für 100 Personen gebaut werden können, mehr nicht. Mehr wäre verantwortungslos gegenüber Frauen und Kindern in der Nachbarschaft. Auch bei Anschlägen wäre die Polizei überfordert.

Sofort stehe ich unter Verdacht, jeden Muslim für einen Vergewaltiger zu halten. Das seien rassistische Hetzparolen der Nazis. Drohend werde ich gefragt, sollen wir wieder Schutzhaft einführen, sollen wir alle an der Grenze totschießen oder vergasen? Willst du das?

Fragen Will ich das? Soll ich, die Jüdin, das wollen? Denken sie so von mir? Ist das Manipulation mit Auschwitz, um mich zum Schweigen zu bringen? Meine Befürchtungen machen meinen Freunden Angst. Das nehmen sie mir übel.

Ich lege Wert auf die Unterscheidung zwischen Befürchtungen und Ängsten. Mir fällt auf, dass in den Medien von Ängsten gesprochen wird, wenn jemand Befürchtungen äußert, die sich auf reale Vorkommnisse beziehen. »Wo immer in der Welt unliebsame Tatsachen diskutiert werden«, lese ich bei Hannah Arendt, »kann man häufig beobachten, daß man ihre bloße Feststellung nur darum toleriert, weil dies von dem Recht zur freien Meinungsäußerung gefordert werde, daß also, halb bewußt und halb ohne dessen auch nur gewahr zu werden, eine Tatsachenwahrheit in eine Meinung verwandelt wird.«

Wir sind Zeugen von etwas geworden, was uns alle erschreckt hat: sexuelle Terrorisierung westlicher Frauen durch muslimische Männer, und dem gegenüber eine hilflose Polizei. Nach Aussagen von betroffenen Frauen haben sich die Männer verhalten, als täten sie nichts Außergewöhnliches, nichts Verbotenes.

Das soll nicht wahr sein. Mir wird das Oktoberfest entgegengehalten und der Karneval. Dort treffen sich Tausende Männer und Frauen zum gemeinsamen Trinken und Schunkeln. Doch was da passieren kann, damit rechnet jede Frau, die daran teilnimmt.

einblicke Männer aus der muslimischen Welt seien herausgefallen aus ihrer moralisch strengen Gesellschaft, viele seien unserer Freiheit nicht gewachsen. Stimmt alles. Hinzu kommt ein wachsender Frust. Geld, Arbeit, Auto, Wohnung, Studium. Hohe Ansprüche an Deutschland. Nichts erfüllt sich.

Vor einigen Wochen traf sich eine Mitarbeiterin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge heimlich mit mir. Um der Authentizität willen zitiere ich sie im O-Ton: »Es braucht dringend einen Wachdienst im Amt. Du Frau, gib Geld! Ich Mann! Sitzen vor meinem Schreibtisch, spielen mit’n Taschenmesser, fummeln sich am Hosenschlitz. Respekt wolln’s. Geben tun’s keinen. Des macht ja was mit uns, wie da a kloans Kind tot angespült wird aufn Strand, wo wir mit TUI ins Beachressort fliegen. Der Schwarzafrikaner, der muss Klos putzen im Containerlager, nachts wird er am Klo vom Araber vergewaltigt. Wir, die an der Basis sitzen, wir wissen das alles. Wir kriegen’s ja ab. Der Job, der kostet schon Saft.«

Das darf man nicht veröffentlichen? Damit bedient man Pegida? Die jüdische Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim schrieb um 1920 über jüdische Mädchen, die von jüdischen Mädchenhändlern in Polen geheiratet und nach Deutschland verschleppt wurden. Das Nazi-Blatt »Der Stürmer« bediente sich. Juden forderten Pappenheim auf, zu schweigen. Sie schrieb weiter. Trägt sie Schuld an dem, was dann kam?

Wir leben in der Diktatur des Guten. Wie kam es dazu? Der ganze Schlammassel begann, als die Bundeskanzlerin in Rostock einem palästinensischen Mädchen, kurz vor dessen Abschiebung in den Libanon, unmissverständlich vor laufender TV-Kamera erklärte, weshalb Deutschland nicht allen Menschen helfen könne. Das kam gar nicht gut an. Und wenig später die frohe Botschaft aus Berlin: Deutschland schafft das.

medien Sind Deutsche besonders dafür empfänglich, wenn ihnen von ganz oben Größe beschieden wird? Deutschland schafft das, Deutschland macht das besser als Frankreich, als alle anderen. Es gibt in der westlichen Welt kein zweites Land, das sich dem nicht abreißenden Flüchtlingsstrom aus islamischen Ländern so bedenkenlos öffnet wie Deutschland, dabei geführt von einer Einheitsregierung, unterstützt von sich freiwillig gleichschaltenden Medien.

Deutsche Muslime, mutige, kluge Frauen und Männer, warnen vor den faschistischen Strukturen des Islam, sie werden mit Preisen ausgezeichnet, ihre Botschaft bleibt ohne Gewicht, versackt. Ist das nicht merkwürdig? Sie schildern die Unterwerfungskultur, die Frauenverachtung, die Homophobie, den Hass auf Juden. Aus dieser Welt kommen die Flüchtlinge. Geflohen sind sie deshalb nicht.

Meine deutschen Freunde erkennen in dieser Islamkritik landläufige Horrorszenarien. Ähnlich gereizt reagierten im vergangenen Jahrhundert Linke auf politische Flüchtlinge aus der DDR. Das war damals eine westdeutsche Minderheit. Jetzt haben wir es mit einer Mehrheit zu tun, von links über liberal, sozial, christlich, feministisch bis konservativ.

Wie schlecht sich der Flüchtling immer benimmt, egal, bedeutungslos. Ihm wird vom guten Deutschen die Sprache verweigert, er ist Objekt, ist Besitz im deutschen Omnipotenzraum: Wir schaffen das. Verleugnet wird, was stört. Wer diesen Dunstkreis durchbricht, wird abgestraft.

Selfie »Gutmensch« wurde Unwort des Jahres. Ob der Entscheidung gab es in den Medien einhellige Begeisterung. Das Wort habe alle Wir-schaffen-das-Helfer geschmäht. Eine Empfindlichkeit bricht da aus, wie unter Mohammed. Charlie Hebdo in Deutschland? Undenkbar. Das Unwort »Gutmensch« entsprang den Hirnen vieler genervter Bürger und wagte zu ironisieren, was sich in einem weltberühmten Selfie zur Schau stellte.

Betrachten wir es noch einmal. Darf ich? Eine international geachtete Politikerin Wange an Wange mit einem aller Mutmaßungen nach arabischen Flüchtling. Sie hält ihr freundliches Gesicht für Deutschland hin. Der glückliche Flüchtling schmust mit der mächtigen Frau. Wie dieses Bild in den sexistischen Niederungen einer muslimischen Welt interpretiert wird? Wir können es uns vorstellen.

Rufen Flüchtlinge in deutsche Kameras »No camp! No camp!«, oder sieht sich eine kleinstädtische Badeanstalt veranlasst, muslimischen Männern aus den benachbarten Asylunterkünften den Zutritt zu verwehren, bis die bereit sind, Frauen zu respektieren, dann taucht im Gemüt des guten Deutschen wer auf? Sein Jude. Er ist kein Überlebender, er ist ein wohlfeiles Gespenst, dem guten Deutschen stets zu Diensten.

Viele Deutsche fühlen sich auf einmal erinnert an die Flucht ihrer Eltern und Großeltern aus Ostpreußen, aus dem Sudetenland. Manche erzählen Flüchtlingen davon. Mit Muslimen geht das, ohne dabei Schuldgefühle haben zu müssen wegen Auschwitz. Diese Menschen mögen die Juden nicht. Das gehört zu ihrer Kultur seit Generationen. Sie sind für mich nicht antisemitisch, wie es die Deutschen unter Hitler waren. Aber sie mögen die Juden nicht, und sie zeigen es hemmungslos.

Ressentiments Ihr Juden habt Ressentiments gegenüber den Muslimen wegen Israel, wird mir gesagt. Ist das so? Habe ich Ressentiments gegenüber den Muslimen? Nun ja. Steht ein Muslim vor mir, sage ich ihm lieber nicht, dass ich Jüdin bin. Darauf wird er sowieso nicht kommen, denn meine jüdische Familie mütterlicherseits ist in der fünften Generation perfekt integriert, wie man an mir sehen kann. Er wird mich für eine Deutsche halten, die an das Schoa-Märchen glaubt und sich den Juden unterwirft. Soll ich das auf mir sitzen lassen?

Wir Juden, antworte ich, haben Ressentiments gegenüber euch Deutschen. Meine guten Freunde brauchen einen Moment, bis sie begreifen, dass sie darauf von allein nicht gekommen wären. Jetzt soll ich sagen, was Deutschland denn tun solle?

Den eigenen Größenfantasien nicht länger erliegen. Probleme offen benennen. Das Asylrecht nicht verfälschen – und endlich ein Einwanderungsland werden mit Aufnahmebegrenzung!

Viola Roggenkamp wurde 1948 in Hamburg geboren und ist Schriftstellerin. Sie hat sich in ihren Romanen und Sachbüchern (zuletzt »Tochter und Vater«, S. Fischer 2011) immer wieder mit jüdischem Leben im Nach-Schoa-Deutschland auseinandergesetzt.

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