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Jahrelang führte Deutschland die Rangliste an: In keinem anderen europäischen Land erschienen mehr Übersetzungen hebräischer Literatur. Noch immer kommen jedes Jahr mehrere israelische Romane auf den deutsprachigen Buchmarkt, doch angeführt wird die Liste inzwischen von – nein, keineswegs England – sondern Italien. Dort engagieren sich neben den bekannten großen Verlagen auch kleinere, von jüdischen Verlegern geführte Häuser für die israelische Literatur.

Solche verdienstvollen Kleinverlage gab es – übrigens nicht nur unter jüdischer Leitung – einst auch hierzulande. Mit Wehmut mag man hier etwa an Alibaba oder an den Bleicher-Verlag denken, die zahlreiche hebräische Prosawerke der deutschen Leserschaft zugänglich machten und dabei bewusst nicht auf die »großen« Namen setzten.

links Schaut man sich als deutscher Leser das Regal mit deutschen Übersetzungen hebräischer Literatur aus jüngerer Zeit an, fällt auf, dass viele der Autoren auch als moderate, linksorientierte Kommentatoren des politischen Geschehens bekannt sind: allen voran Amos Oz und David Grossman, aber auch die jüngeren Autoren Eshkol Nevo, Ayelet Gundar-Goshen oder Assaf Gavron, um nur einige zu nennen.

Gibt es denn gar keine israelischen Autoren, die zum rechten Flügel der Gesellschaft zählen? Doch, nur sind sie im Ausland so gut wie unbekannt. Zu ihnen gehören nationalreligiöse Autoren wie die 40-jährige Yifat Erlich, deren Roman Bekannt und doch fremd die Geschichte einer Siedlerfamilie mit dem Schicksal der Karäer während der Schoa verknüpft.

Zumindest eine Übersetzung ins Englische gelang dagegen Emuna Elon. In Israel ist sie eine bekannte Größe: Neben Kinderbüchern stammen immerhin vier Romane aus ihrer Feder – darunter Große Freude im Himmel, die Liebesgeschichte von Shlomzion und dem Jeschiwe-Bocher Yair, die wochenlang ganz oben auf der Bestsellerliste stand.

gedichte Ein Blick auf die Lyrik lässt zwei neuere Strömungen erkennen. Junge Stimmen machen sich bemerkbar, die in freien, manchmal aber auch gereimten Versen den festen Glauben an Gott zum Ausdruck bringen, oft gepaart mit einer unverhohlen nationalen Einstellung. Anders gestrickt sind die Mitglieder der Gruppe »Ars Poetica«.

Der auf den ersten Blick unverdächtige Name erweist sich als subversives Wortspiel: Keineswegs geht es hier nur um den lateinischen Begriff für die Kunst, sondern auch um das aus dem Arabischen in den hebräischen Slang gelangte Wort »Ars« – eine herabwürdigende Bezeichnung für israelische Misrachim (orientalische Juden). Der Ton der Gedichte ist oft provokant, rau und ätzend. Da die Zahl der Literaturbeilagen in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen ist, veröffentlichen viele israelische Dichter ihre Verse im Internet. Finden sie doch einmal einen kleinen Verlag, der bereit ist, einen dünnen Gedichtband herauszubringen, werden sie ordentlich zur Kasse gebeten.

Die prekäre Lage solcher aufstrebender Autoren mag paradox erscheinen. Denn oft heißt es, die Israelis seien eifrige Leser. In der Tat, die Buchhandlungen sind gut besucht. Schaut man sich jedoch das Angebot an, vor allem aber die Liste der meistverkauften Bücher, überwiegt die Zahl der Übersetzungen fremdsprachiger Romane. Unübersehbar hat in den vergangenen zwei, drei Jahren das Interesse an der einheimischen Belletristik abgenommen.

Übersetzer Der »common reader«, wie ihn Virginia Woolf einst nannte, interessiert sich vielmehr für Bücher skandinavischer oder japanischer Autoren. Auffallend ist zudem die stetig zunehmende Zahl deutschsprachiger Romane. Die Zahl der Übersetzer aus dem Deutschen in die Landessprache nimmt zu, nicht zuletzt dank jener Israelis, die in Deutschland studiert und gelebt haben – oder es immer noch tun.

Unter ihnen finden sich ebenfalls einige Schriftsteller. Ganz neu ist dieses Phänomen zugegebenermaßen nicht. Bereits in den 1920er-Jahren hatte Berlin eine Renaissance der hebräischen Kultur erlebt. Damals verfassten führende Schriftsteller – Frischmann, Agnon, Tschernichowski, um nur die bekanntesten zu nennen – ihre Werke auf Hebräisch. Der Nationaldichter Bialik bemühte sich, wie andere auch, um den Aufbau eines hebräischen Verlagswesens. Wohlgemerkt: Der jüdische Staat war damals noch ein Traum. Heute pendeln die hebräischen Autoren zwischen der deutschen Hauptstadt und Tel Aviv.

In seinem vor Kurzem erschienenen Gedichtband Hebräisch außerhalb seiner süßen Glieder (2017) schreibt Mati Shemoelof, der aus einer misrachischen Familie stammt, über jenen Zustand, den man als permanentes Dazwischen bezeichnen könnte. So beispielsweise in dem leidenschaftlichen Gedicht »Berlin«: Es geht um den Dichter, einen ewigen Wanderer, einen (E-)Migranten »zwischen Sehnsüchten, zwischen Ländern und Identitäten, zwischen Familien und Häusern, zwischen Büchern und Sprachen«.

dazwischen Dieser Zustand des Dazwischenseins schlägt sich auch in der Sprache nieder. 2016 erregte Broken German des ehemaligen Kibbuzmitglieds Tomer Gardi großes Aufsehen – der Titel englisch, das Erzählte in fehlerhaftem Deutsch, unter totaler Missachtung der Grammatikregeln. Shemoelof dagegen streut gerne deutsche Worte in hebräischer Transkription ein.

»Ich schreibe Hebräisch / ich kotew Iwrit« – so beginnt sein Gedicht mit dem Titel – in hebräischer Schrift! – »Ich bin Juden (sic!) Dichter«. Man erkennt: Heimat lässt sich nicht mehr geografisch verorten. Ist also die Muttersprache der einzige sichere Hafen? Angesichts der zunehmenden Zahl israelischer Schriftsteller, die im Ausland leben, ihre Werke jedoch weiterhin auf Hebräisch verfassen, ist inzwischen von einem neuen, diasporischen Hebräisch die Rede.

Ob sich dieses linguistische Phänomen vom israelischen Hebräisch unterscheidet und welchen Einfluss es auf die hebräische Literatur hat – über diese Frage werden wohl schon bald die ersten wissenschaftlichen Abhandlungen erscheinen.

Die Autorin ist Professorin für hebräische und jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

Tobias Korenke

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