Comic

»Die beste Show der Welt«

Alles beginnt mit dem Aufstieg. Foto: PR

Comic

»Die beste Show der Welt«

Yuval Harari, David Vandermeulen und Daniel Casanave erzählen die Geschichte der Menschheit – im Schnelldurchlauf und in Bildern

von Ralf Balke  17.10.2020 19:12 Uhr

Die erste Frage vorweg: Lassen sich zehntausende Jahre Geschichte des Homo sapiens überhaupt in eine Graphic Novel von knapp 250 Seiten pressen? Der israelische Erfolgsautor Yuval Harari hat es probiert.

Oder anders ausgedrückt: Der belgische Comic-Künstler David Vandermeulen und der französische Illustrator Daniel Casanave haben den Bestseller Eine kurze Geschichte der Menschheit des an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrenden Historikers in eine bunte Bilderstory umgewandelt. Harari selbst übernimmt dabei die Rolle eines Reiseführers, der die Leser durch diesen ambitionierten Parforceritt begleitet.

»Ich weiß, Historiker reden normalerweise nicht über Physik, Chemie oder Biologie«, betont das gezeichnete Alter Ego von Harari, der manchmal – ob unfreiwillig oder nicht – wie ein Märchenonkel daherkommt, wenn er mit einem Buch in der Hand auf dem Sessel sitzend etwas erklärt. »Sie sprechen eher über so Sachen wie die Französische Revolution. Eigentlich ist Menschheitsgeschichte aber die direkte Fortsetzung von Physik, Chemie und Biologie.«

Der Historiker Harari redet auch über Physik, Chemie und Biologie.

Und damit wird schon recht schnell deutlich, was der Autor mit seinem Buch bezweckt, nämlich auf die oftmals übersehenen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Disziplinen sowie historischen und evolutionären Entwicklungssträngen hinzuweisen. »Wir können Dinge wie die Französische Revolution nur verstehen, wenn wir wissen, wie die Menschen entstanden sind. Menschen sind Tiere, und alles, was in der Geschichte passiert ist, folgte den Gesetzen von Physik, Chemie und Biologie.«

NILPFERD Das alles klingt erst einmal staubtrocken. Doch beim Anschauen der Bilder muss man schon oftmals grinsen. So gibt es direkt im Anschluss an diese einleitenden Ausführungen von Harari das berühmte Bild der Mondlandung – nur stecken in den Raumanzügen diesmal ein Elefant und ein Nilpferd. In der Sprechblase neben einem der beiden Dickhäuter ist zu lesen: »Das ist ein kleiner Schritt für ein Nilpferd, aber ein riesiger Sprung für die Säugetierheit.«

Und damit wird auch die Stoßrichtung klar. »Dieses Buch wird erklären, warum die Sache nicht so ausging …« – weshalb also der Mensch das Rennen zum Mond machte und nicht etwa Meerschweinchen, Delfine oder Giraffen. Geradezu spielerisch skizziert Harari die sechs verschiedenen Menschenarten, die vor 50.000 Jahren und mehr so etwas wie die genetische Plattform des heutigen Homo Sapiens bildeten. »Evolution – die beste Show der Welt!« Aber warum?

Und genau jetzt zeigen sich die Potenziale einer Graphic Novel, um diese recht komplexen Prozesse so zu skizzieren, dass auch diejenigen, die bei den Themen Genetik und Evolutionsgeschichte im schulischen Biologieunterricht eher ein Fragezeichen auf der Stirn hatten, es verstehen können.

GEHIRN Ein großes Gehirn beispielsweise bringt Vorteile, aber zu groß darf es auch nicht sein, weil ein zu voluminöser Schädel sich nicht leicht herumschleppen lässt und noch mehr Energie gebraucht wird, um es in Gang zu halten. Hinzu kommen die Vorteile des aufrechten Gangs und die Fähigkeiten der frühen Menschenarten, mit ihren Händen sehr diffizile Aufgaben zu erledigen.

Das Fazit all dieser Entwicklungen: »Bis vor Kurzem waren wir unbedeutende Tiere irgendwo in der Mitte der Nahrungskette«, lässt Harari einen seiner Protagonisten, die Biologieprofessorin Saraswati, erzählen. »Dann sind wir plötzlich ganz nach oben gesprungen. Vielleicht zu plötzlich. Löwen, Adler und Haie haben Millionen Jahre gebraucht, um nach und nach die Spitze zu erreichen.«

Und Harari wäre nicht Harari, wenn er nicht zugleich seine Skepsis gegenüber all dem mitschwingen lassen würde. »Aber die Menschheit sprang so schnell an die Spitze, dass das Ökosystem keine Zeit hatte, sich anzupassen.« So manche Katastrophe der Vergangenheit lässt sich seiner Ansicht nach vor allem durch genau diese überhastete Entwicklung erklären.

Darüber hinaus verweist er auf die kognitiven Fähigkeiten, die dem Homo sapiens einen gewaltigen Vorteil in der Evolution verschaffen sollten und ihn zugleich von allen anderen Arten unterschieden – auch gegenüber solchen, die zur Kommunikation oder Zusammenarbeit in einer Gruppe fähig sind.

Vandermeulen arbeitet im Stil der École Marcinelle um den »Spirou«-Zeichner André Franquin.

»Wenn es ein Bienenschwarm mit einer neuen Gefahr oder einer neuen Chance zu tun bekommt, können die Bienen nicht einfach das Sozialsystem des Schwarms umkrempeln«, so der gezeichnete Harari gegenüber seiner Nichte Zoe. »Sie können zum Beispiel nicht einfach ihre Königin hinrichten und eine Republik ausrufen.« Spätestens jetzt dürfte jedem klar sein, warum der Historiker die naturwissenschaftlichen Disziplinen unbedingt in seine Betrachtungen über die Geschichte der Menschheit mit einbeziehen will.

UNIVERSALGELEHRTER Man muss kein Harari-Fan sein, um diese Graphic Novel mit Genuss und Erkenntnisgewinn lesen zu können. Dafür sorgt allein die Intention des Autors, über den Tellerrand zu blicken und sich als Universalgelehrter zu positionieren, der möglichst vielen Perspektiven zur Geltung verhelfen möchte, ohne dabei aber postmodern beliebig daherzukommen.

Liebhaber der gezeichneten Geschichten kommen hier ebenfalls auf ihre Kosten. Denn Vandermeulen, einer der beiden Macher, arbeitet ganz im Stil der »École Marcinelle«, also jener legendären Gruppe belgischer Comic-Künstler rund um André Franquin und Pierre Culliford, die vor allem in den 50er- und 60er-Jahren durch ihre dynamischen und humorvollen Strips wie Spirou stilprägend für ganze Generationen von Zeichnern wurden. Insofern darf man die Zusammenarbeit eines Historikers mit Illustratoren durchaus als Glücksgriff bezeichnen.

Yuval Noah Harari, David Vandermeulen und Daniel Casanave: »Sapiens – Der Aufstieg«. C.H. Beck, München 2020. 248 S., 25 €

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026