TV-Tipp

Die befreiende Kraft des Widerstandes

Johann Dörfler (Gerhard Liebmann, M.) legt sich mit Xaver Pröttl (Norman Hacker, r.) an, weil der seinen Sohn Karl (Aaron Friesz, l.) an die Front schicken will. Foto: ZDF/ Bernd Schuller

Wie frei es machen kann, keine Angst (mehr) zu haben – das zeigt dieser Film eindrücklich. Ein Dorf wehrt sich spielt in den letzten Wochen des Nazi-Regimes im österreichischen Altaussee.

Im dortigen Salzbergwerk versteckten die Nationalsozialisten Unmengen geraubter Kunst aus jüdischem Besitz, dazu Werke aus österreichischen Kirchen, Klöstern und Museen: Gemälde von Rembrandt, Da Vinci, Michelangelo, Vermeer, van Eyck – unvorstellbar wertvolle, jahrhundertealte Schätze lagerten tief in den Schächten und Stollen des Berges.

fliegerbomben Doch als sich die Niederlage von Hitlerdeutschland abzuzeichnen begann, wurden dort außerdem acht Fliegerbomben deponiert. Bevor die Kunst dem Feind in die Hände fallen würde, sollte sie lieber zerstört werden. Eine menschen- wie kunstverachtende Logik, die sich perfekt ins abscheuliche Weltbild der Nazis einfügte. Der auf wahren Begebenheiten beruhende Film erzählt die Ereignisse aus dem Frühjahr 1945, als die Bewohner von Altaussee todesmutig diese Pläne vereitelten.

Wie frei es machen kann, keine Angst (mehr) zu haben – das zeigt dieser Film eindrücklich.

Das Drama stellt die (fiktiven) Figuren Sepp, Franz und Elsa in seinen Mittelpunkt: Die beiden Männer sind Freunde seit Kindertagen. Doch während sich der Fischmeister Sepp mit dem Nazi-Regime arrangiert hat, sind der Schuster Franz und seine schwangere Frau Elsa im Widerstand aktiv. Sie helfen jungen Männern, die an die Front geschickt werden sollen, beim Desertieren – und versorgen sie in ihrem Versteck in den Bergen.

Natürlich sind Franz und Elsa nicht frei von Angst – dass sie mit ihrem Tun täglich ihr eigenes und das Leben ihrer Angehörigen aufs Spiel setzen, wissen sie. Doch sie haben beschlossen, sich nicht verbiegen zu lassen, zu ihren Überzeugungen zu stehen.

protagonisten Was sie zu enorm inspirierenden Protagonisten macht: Franz, der mit seinem Mut eine fast kindliche Leichtigkeit und Unabhängigkeit ausstrahlt. Und Elsa, die eine beeindruckende innere wie äußere Stärke an den Tag legt. Harald Windisch und Brigitte Hobmeier verkörpern dieses Ehepaar mitreißend, ohne dabei jemals in die Nähe einer Hagiografie zu geraten: Dafür sind sie viel zu lebendig, und auch zu spröde.

Sepp, ebenso wortkarg wie überzeugend gespielt von Fritz Karl, bildet den Konterpart zu den beiden: Er ist mit seiner etwas duckmäuserischen Art eine gut funktionierende Identifikationsfigur für den Zuschauer.

Es ist eine universelle Geschichte über die furchtbaren Abgründe, die sich auftun, wenn menschliche Macht in den falschen Händen liegt.

Alles andere als ein Held, findet er nur zögerlich den Weg zum Widerstand. Der Einzelne, so meint er, könne ja doch nichts ausrichten. Da hält ihm Franz entgegen: »Viele Einzelne aber schon!« Als der schließlich von den Nazi-Schergen erschossen wird, kann man an Fritz Karls Mimik förmlich ablesen, wie Sepp endlich aus seiner Lethargie erwacht.

pathos Und dennoch kommt auch dieses letzte Drittel von Ein Dorf wehrt sich ganz ohne Pathos aus. Es ist die große Stärke des recht intim, nah an den Protagonisten entlang erzählten Films, dass er auf emotionale Überwältigung ebenso wie auf allzu glatte psychologische Linien verzichtet. Die Figuren hier haben Ecken und Kanten, passend zu der (sehr atmosphärisch eingefangenen) Berglandschaft, die sie umgibt.

Ohnehin merkt man es dem Film an, dass Buch und Regie von derselben Person, nämlich Gabriela Zerhau, stammen: Das in grau-braunen Farben gehaltene Werk ist sicht- und hörbar wie aus einem Guss gemacht. Die Stimmung in dem winterlich düsteren Ort ist bedrückend, beklemmend. Nicht wegen der hohen Berge, die ihn umgeben, sondern wegen der Nazis und dem denunziatorischen Gift, das sie im Dorf verbreiten.

Aber natürlich auch aufgrund der Angst, Schwäche und Selbstverleugnung, die eine solche Situation in jedem Einzelnen zutage fördert. Tief rührende Fragen wirft dieses konstant die Spannung haltende Drama auf. Es ist eine universelle Geschichte über die furchtbaren Abgründe, die sich auftun, wenn menschliche Macht in den falschen Händen liegt. Und die große, im wahrsten Sinne des Wortes befreiende Kraft, die die Widerständigkeit von vielen entwickeln kann. kna

»Ein Dorf wehrt sich«, Mittwoch, 30. Dezember, 20.15 Uhr im ZDF

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime gewaltsam begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026