Redezeit

»Deutschland ist zweischichtig«

Marianna Salzmann Foto: Lutz Knospe

Frau Salzmann, was bedeutet Ihnen Heimat?
Ich bin damals nach dem Abitur nach Israel gereist, um genau das herauszufinden. Ich war auf der Suche und dachte, weder Deutschland noch Russland sind mir Heimat, vielleicht ist es ja Israel. Als ich von der Reise zurückkam, wusste ich: Der Glaube an einen Ort, dem man sich zugehörig fühlt, der wird für mich nie funktionieren.

Bliebe noch das viel zitierte portative Vaterland.
Nun, meine Muttersprache, mein Mameloschn, ist Russisch, meine Staatsangehörigkeit deutsch, aber fühlen tue ich mich in der Tat als Jüdin.

Wie haben Sie Ihre Gespräche mit rechten Politikern und mit von den Einwanderungsgesetzen betroffenen Migranten erlebt?
Ich habe zum ersten Mal am eigenen Körper erlebt, welche Erniedrigung politische Rhetorik ist. Es ist regelrechte psychopathologische Pornografie. Aber das war keine große Überraschung. Worauf ich nicht vorbereitet war, war mein eigener Umgang mit den Betroffenen der Gesetze, die mich bei meiner Recherche interessiert haben – in diesem Fall Ehegesetze. Ich hatte so viel Mitleid und Wut in mir. Was sich danach einstellte, war Scham.

Warum?
Ich habe mich meines privilegierten Mitgefühls wegen geschämt. Wer bin ich, dass ich diese Leute, die in Dänemark unter härtesten Bedingungen für sich und ihre Partner kämpfen, mir unterordne, indem ich sie zu Opfern mache? Sie sind viel lebensfähiger als ich, viel stärker in ihrem Glauben an Gerechtigkeit und Liebe und all diese großen Worte, die für jemanden wie mich romantische Vorstellungen sind, aber vor denen man in der Praxis versagt.

Steht bei Ihnen Dänemark und seine restriktiven Einwanderungsgesetze exemplarisch für die in Europa immer mehr an Zustimmung gewinnenden rechtspopulistischen Inhalte?
Der Philosoph Carsten Jensen sagt, Dänemark sei gerade das Loboratorium Europas. Die anderen Länder sehen zu und merken sich, wie weit man mit Menschenrechten und Menschenwürde spielen kann. Übrigens erwähne ich Dänemark in meinem Text mit keinem Wort. Das Stück spielt vielmehr in Europa, wo es politisch gesehen zusehends düsterer wird. Ich sehe auf unserem Kontinent eine Entwicklung zu einer neuen Art Faschismus – siehe Ungarn, Frankreich, Holland oder eben Dänemark.

Ihr Werk legt nahe, dass Sie die Bundesrepublik von Ihrer Kritik keineswegs ausnehmen.
Wie auch? Die Residenzpflicht etwa ist nur ein Beispiel von vielen dafür, wie menschenunwürdig man in Deutschland leben kann. Die Willkür der Behörden, die Asylbewerber in einem Bereich einzuzäunen. Aufenthaltsgenehmigungs‐ und Statusvergabe erfolgen nach Tagesform der Beamten, Erniedrigungen zum Beispiel durch permanente Abschiebedrohungen, dann die konkrete Abschiebehaft und Knast.

Und doch ist es das beste Deutschland, das es je gab, in dem wir leben.
Geschenkt. Die Bundesrepublik ist nichtsdestoweniger ein zweischichtiger Raum: Einerseits, und das leugne ich nicht, ist es ein toller Ort für Künstler wie mich beispielsweise, die vom Schreiben fürs Theater leben können – in anderen Ländern undenkbar! Und dann gibt es noch das andere Deutschland. Ein Land, das Menschen in dritter Generation mit Begründung der Gene nicht dazuzählen will.

Sie spielen auf Thilo Sarrazin und seine biologistischen Thesen an.
Auch, aber nicht nur. Ich spiele auch auf jenes Deutschland an, das privilegierten Europäern oft verborgen bleibt, und umso größer ist ihre Bestürzung, wenn man ihr Deutschland kritisiert oder eben als Oberfläche enttarnt, das auf der Ausbeutung, Abschiebung und Ausnutzung derer basiert, die durch das weißeuropäische Raster fallen. Ein Land, das an sein altes stures Leitkulturdenken glaubt und sich selbst als Vorbild in Sachen Vergangenheitsbewältigung sieht. Ich bin auch hier aufgewachsen, ich habe nicht viel von der häufig besungenen Aufklärung in meinem öffentlichen Umfeld gesehen.

Ist der Kampf gegen Antisemitismus ein reines Elitenprojekt?
Jedenfalls beunruhigt mich Deutschland. Das Reden um kriminelle Gene, die man testen kann; die Leugnung der Genozide in Afrika; die Hetze gegen eine Minderheit, die dieses Land mitaufgebaut hat; die Vorfälle um die NSU und die Verwicklungen des Verfassungsschutzes. Und plötzlich sind wir aschkenasischen Juden die »besseren« Was‐auch‐immer und werden im Namen der »christlich‐jüdischen Tradition« Europas gegen die Muslime und andere, die nicht »biodeutsch« sind, in Stellung gebracht. Das ist bei aller Vergangenheitsbewältigung sehr deutlich in der Meinung der breiten Bevölkerung spürbar, finde ich.

Das Gespräch führte Philipp Peymann Engel.


Marianna Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren und wuchs in Moskau auf. Seit 1995 lebt sie in Deutschland. Sie studierte an der Universität Hildesheim Literatur, Theater und Medien sowie Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Publikationen ihrer Kurztheaterstücke erschienen in mehreren Magazinen und Zeitungen. 2009 gewann sie den exil‐DramatikerInnenpreis, dieser Tage erhielt sie den Kleist‐Förderpreis für junge Dramatiker.

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