NS-Geschichte

Der Völkermord vor Auschwitz

»Nicht gesondert berichten«: Mahnmal für die Ermordeten in Babi Jar Foto: Marco Limberg

Am Morgen des 29. September 1941 klopfte es bei Frau Nartowa in Kiew an der Tür. Vor der Wohnung stand ihr Nachbar: »Schauen Sie, was sich auf der Straße tut.« Die Lehrerin trat auf ihren Balkon hinaus – und blickte auf eine schier endlose Kolonne Tausender Menschen, die die ganze Straße ausfüllte. »Es gehen Frauen, Männer, junge Mädchen, Kinder, Greise, ganze Familien«, hielt sie ihre Eindrücke in ihrem Tagebuch fest. »Viele führen ihr Hab und Gut auf Schubkarren mit sich, aber die meisten tragen ihre Sachen auf den Schultern. Sie gehen schweigend, leise. Es ist unheimlich.«

Tags zuvor hatten die deutschen Besatzer die Juden der ukrainischen Hauptstadt über Aushänge aufgefordert, sich am Stadtrand beim Lukjanowka‐Friedhof zur »Umsiedlung« einzufinden. Schon am Abend jedoch verbreitete sich in Kiew der Verdacht, die Juden würden nicht deportiert, sondern ermordet. »Diejenigen, die sie bis zu dem Ort begleiteten, wo sie laut Befehl erscheinen sollten, sahen, dass alle Juden durch eine Formation deutscher Soldaten gingen und alle Sachen fallen ließen«, notierte eine weitere Tagebuchautorin, Irina Choroschunowa. Bekannte berichteten ihr, sie hätten von Babi Jar her, einer tiefen Erosionsrinne hinter dem Friedhof, »pausenlos Maschinengewehrfeuer« gehört. Zwei Tage später die Gewissheit: »Es sind keine Züge von Lukjanowka abgefahren. Leute haben gesehen, wie Autos warme Kleider und andere Sachen vom Friedhof abtransportiert haben. Die deutsche ›Sorgfalt‹. Sie haben sogar schon die Trophäen sortiert!« Zu diesem Zeitpunkt hatten die Mordkommandos bereits nach Berlin gemeldet, in Kiew exakt 33.771 Juden erschossen zu haben.

Dynamik Bis heute verbinden wir den Holocaust fast ausschließlich mit dem »industriell« betriebenen Massenmord in den Gaskammern – und übersehen dabei, dass deutsche Polizisten, SS‐Männer und Wehrmachtssoldaten in Kiew und zahllosen anderen sowjetischen Ortschaften bereits etwa 500.000 Juden in blutiger Handarbeit umgebracht hatten, bevor die erste Todesfabrik ihren Betrieb aufnahm. Diese auf Auschwitz verengte Perspektive ist befremdlich, weil die Massaker in aller Öffentlichkeit stattfanden und der Judenmord unter deutschen Soldaten einen regelrechten Hinrichtungstourismus auslöste. So traf der Marinesoldat Karl‐Heinz L. am Strand des lettischen Liepaja im Juli 1941 mehrere Hundert Wehrmachtsangehörige an, die teils noch in Badehosen die abendliche Judenerschießung begafften. »Ein neben mir stehender Matrose erzählt, es kämen heute Abend 45 Männer und sieben Frauen dran!!«

Der Holocaust, so redete sich die deutsche Öffentlichkeit lange ein, wurde an abgeschirmten Orten wie Auschwitz ab 1942 von einer kleinen Gruppe Sadisten auf Weisung weniger Schreibtischtäter vollzogen. Massaker wie das in Babi Jar sowie die jetzt erstmals umfassend publizierten Dokumente zum Judenmord in den Ostgebieten zeigen hingegen, dass Hitlers »Beschluss« vom Dezember 1941, alle Juden im deutschen Machtbereich umzubringen, lediglich die Ausweitung eines bereits im Gang befindlichen Genozids bedeutete, der seine Dynamik erst durch das mörderische Engagement eines bedrückend weiten Spektrums von Mittätern gewann.

leitlinien Schon vor dem Überfall auf die Sowjetunion plante die deutsche Führung, im Verlauf des Kriegs so viele sowjetische Juden umzubringen wie möglich. Im März 1941 vereinbarten Hermann Göring und der Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich, der Truppe Merkblätter über die »Gefährlichkeit der GPU‐Organisation, der Polit‐Kommissare, Juden usw.« auszuhändigen, »damit sie wisse, wen sie praktisch an die Wand zu stellen habe«. Dies zielte vor allem auf die vermeintlich »bolschewistisch‐jüdische Führungsschicht«. Offensichtlich gingen die mündlichen Anordnungen, die Heydrich den Kommandeuren der Mordkommandos Mitte Juni 1941 erteilte, noch weit über die schriftlichen Weisungen hinaus. So berief sich der Chef der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, auf »grundsätzliche, schriftlich nicht zu erörternde Befehle von höherer Stelle«, als er Anfang August 1941 forderte, »die im Ostraum gegebenen neuen Möglichkeiten zur Bereinigung der Judenfrage« rücksichtsloser auszunutzen. Bei Heydrichs Anweisungen handelte es sich daher weniger um strikte Anordnungen, sondern vielmehr um Leitlinien, die flexibel der jeweiligen Situation angepasst werden sollten – die Kommandoführer sollten austesten, wie weit sie gehen konnten.

Beschränkten sich die meisten Kommandos zuerst darauf, Rabbiner und jüdische Honoratioren zu ermorden, dehnten einzelne Kommandeure den Kreis ihrer Opfer sofort maximal aus; bemerkenswerterweise preschten hier zunächst Polizisten vor, die nicht den Einsatzgruppen angehörten. So begannen Gestapobeamte aus Tilsit schon am 24. Juni, im deutsch‐litauischen Grenzgebiet alle jüdischen Männer über 15 Jahren zu erschießen, drei Tage später trieben Angehörige des Polizeibataillons 309 in Bialystok etwa 800 jüdische Männer, Frauen und Kinder in die größte Synagoge der Stadt und steckten sie in Brand. Erst am 1. August erteilte Himmler, der die Truppen unablässig persönlich zu radikalerem Vorgehen antrieb, den expliziten Befehl: »Sämtliche Juden müssen erschossen werden. Judenweiber in die Sümpfe treiben.«

In den folgenden Wochen löschten die Kommandos ganze Gemeinden aus. Fast täglich meldeten die drei Höheren SS‐ und Polizeiführer, die den Heeresgruppen folgten, Himmler per Funk ihre Mordtaten; am 7. August berichtete einer, dass »die Zahl von 30.000 in meinem Gebiet überschritten« sei. Der britische Geheimdienst, der diesen Funkverkehr abhörte, bemerkte dazu: »Die Führer der drei Gebiete wetteifern anscheinend um die ›besten‹ Ergebnisse.«

kooperation Während die Mordkommandos untereinander einen für die Opfer tödlichen Konkurrenzkampf ausfochten, war ihr Verhältnis zur Wehrmacht kooperativ; so druckte die Feldkommandantur in Kiew die vermeintlichen Umsiedlungsaufrufe und lieferte für das Massaker in Babi Jar 100.000 Schuss Munition. Oft ging die Initiative auch von Wehrmachtsoffizieren selbst aus. Schon einen Monat vor Babi Jar hatte der Befehlshaber der Heeresgruppe Süd, Karl von Rouges, mit dem Höheren SS‐ und Polizeiführer Friedrich Jeckeln vereinbart, die aus Ungarn ins westukrainische Kamenec‐Podolskij deportierten Juden noch vor der Übergabe der Stadt an die deutsche Zivilverwaltung umzubringen: Die jüdischen Flüchtlinge galten den Offizieren als Problem, da es an Nahrungsmitteln mangelte und die Juden angeblich einen Seuchenherd darstellten. Pünktlich zum 30. August meldete Jeckeln die Erschießung von 23.600 Juden, einschließlich 8.000 Einheimischer.

Binnen weniger Wochen hatten die Deutschen den antijüdischen Terror in den Ostgebieten zum Völkermord ausgeweitet. Den Mitarbeitern des britischen Geheimdienstes war das Ausmaß dieser Verbrechen schon damals bewusst. Ihr Bericht an Premierminister Churchill vom 11. September zu den jüngsten abgefangenen Funksprüchen schloss mit den Worten: »Die Tatsache, dass die Polizei alle Juden ermordet, die ihr in die Hände fallen, sollte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Es ist daher nicht vorgesehen, weiterhin gesondert über diese Gemetzel zu berichten, es sei denn auf ausdrücklichen Wunsch.« Das war drei Wochen vor dem Massaker von Babi Jar.

Der Autor ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte in München. Alle Zitate stammen aus dem soeben erschienenen Band: »Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945«, Bd. 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I. Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. Bearbeitet von Bert Hoppe und Hildrun Glass. Oldenbourg, München 2011, 891 S., 59,80 €

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