Kino

Der vergessene Kaufhauskönig

Exzentrischer Lebenskünstler: Max Emden (1874–1940) Foto: Real Fiction Filmverleih

In Hamburg erinnert eigentlich nichts mehr an Max Emden. Dabei beeinflusste der wohlhabende Mäzen das kulturelle Leben der Hansestadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts maßgeblich. Eva Gerberding und André Schäfer erinnern nun in ihrem Film Auch Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden an das Leben des Geschäftsmannes, der reich wurde, weil er mit der Erfindung des uns heute bekannten Kaufhauses das moderne Lebensgefühl prägte.

1927 emigrierte der Exzentriker in die Schweiz, um auf den Brissago-Inseln im Lago Maggiore einen Palast im Florentinischen Stil zu errichten. Schwarz-Weiß-Filme zeigen einen glatzköpfigen Lebenskünstler, der zwischen barbusigen Musen herumtanzt. Ganz im Stil jener Freikörperkultur, die von der Reformbewegung auf dem nahen Monte Verità propagiert wurde.

Der Film zeichnet nach, wie die Nazis das Vermögen des Hamburger Juden Max Emden systematisch plünderten.

AUSSTEIGER Allein schon die Bilder dieses mondänen Aussteigers, der sich in einen ästhetizistischen Privatkosmos zurückzog, böten genug Stoff. Doch der auf Fotos stets betrübt erscheinende Blick dieses Mannes erweitert den Horizont auf die Geschichte hinter der Geschichte. Der Dokumentarfilm zeichnet nach, wie die Nazis das Vermögen des Juden plünderten – der unter anderem mit einer Anschubfinanzierung das legendäre Berliner Kaufhaus KaDeWe mit auf den Weg gebracht hatte – und ihn zwangen, seine Immobilien in Deutschland weit unter Wert zu verkaufen, unter anderem an die Firma Reemtsma.

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Der wie eine geruhsame TV-Dokumentation beginnende Film arbeitet heraus, wie Emden in dieser Zwangslage auch seine wertvolle Gemäldesammlung zu Spottpreisen hergeben musste. Ein Werk des Venezianers Bernardo Bellotto, die berühmte Dresdner Stadtansicht, gelangte so zunächst in Hitlers Sammlung, zierte zwischenzeitlich das Dienstzimmer des Bundespräsidenten in Bonn und hängt heute in einem Dresdner Museum.

Emden starb 1940 an chronischer Erschöpfung. Sein Sohn floh als Staatenloser nach Chile, 80 Jahre später kehrt nun der Enkel Juan Carlos Emden nach Deutschland zurück – und führt als Protagonist durch diesen Film. Was ist mit den Kunstschätzen des Großvaters geschehen? Zu Wort kommende Experten, Historiker und Biografen rekonstruieren ein Szenario, dessen Zynismus schwer nachvollziehbar ist.

Entschädigung? In den 50er-Jahren pochten Richter darauf, dass Emden als junger Mann Protestant geworden war.

ARGUMENTATION So raubten die Nazis den Kunstliebhaber aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus. In den 50er-Jahren pochten Richter der jungen Bundesrepublik jedoch darauf, dass Emden als junger Mann Protestant geworden war. Die Argumentation, er sei juristisch gesehen also gar kein Jude, weshalb er auch keine Entschädigungsansprüche habe, erscheint wie eine Fortsetzung des NS-Unrechts mit demokratischen Mitteln.

Bis heute gilt Emden nicht wirklich als Verfolgter. Liegt es daran, dass er vielen Deutschen nicht dem Bild eines typischen NS-Opfers entspricht? Gewiss, aus seiner Familie wurde niemand deportiert. Der einstige Kaufhaus-Mogul spielte Polo und umgab sich mit Carrara-Marmor. Der Film arbeitet den perfiden Mechanismus einer Verdrängung auf, die sich noch auf der visuellen Ebene widerspiegelt. In Hamburg wurde kürzlich ein popeliger Fußweg nach Max Emden benannt. Selbst hier hat jemand eine der beiden Hinweistafeln verschwinden lassen.

Ab 25. April im Kino.

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