Biografie

»Der schnellste Jude Deutschlands«

Läufer Alex Natan (l.) in den 20er-Jahren Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/SpoA 3908

Wenn man seinem Großonkel, dem Galeristen Alfred Flechtheim, glauben darf, dann war Alex Natan »der schnellste Jude Deutschlands«. Doch selbst wenn er nur der zweit- oder dritt- oder siebtschnellste Jude seiner Zeit gewesen wäre, so lohnt doch ein genauer, ein biografischer Blick auf das Leben dieses Mannes.

Geboren 1906 als Heinz Alexander Nathan wurde der Berliner zugleich Sportjournalist und Spitzensportler. Seit den späten 1920er-Jahren schrieb Natan für den »Vorwärts« und die »Welt am Montag«. Und so ganz nebenbei lief er 1929 mit der 4-mal-100-Meter-Staffel des SC Charlottenburg Weltrekord.

außenseiter Der SCC aber warf seinen schnellen Juden schon 1931 wegen »unpatriotischem Verhalten und schmutziger Charakterlosigkeit« hinaus. Dass da Antisemitismus mitspielte, kann man vermuten, doch wie sein Biograf, der deutsch-englische Historiker Kay Schiller, bei der Buchpräsentation im Berliner Olympiapark ausführte, war Alex Natan ohnehin ein »existenzieller Außenseiter«, aus drei Gründen: jüdisch, schwul, intellektuell.

Geboren in eine säkulare Berliner Familie, begeisterte sich Natan für das gesellschaftliche Leben der Weimarer Republik, und dank seines Großonkels konnte er daran auch in vollen Zügen teilhaben. Er verstand sich als »politischer Sportjournalist«, wie Schiller es ausdrückt: einer, der die Interessen und Rechte der Athleten betonte gegen eine Sportwelt, die von nationalistischen Heuchlern regiert wurde.

BAR KOCHBA HAKOAH Nach seinem Rauswurf aus dem SCC schloss sich Natan dem Sportklub Bar Kochba Hakoah in Berlin an. Enttäuscht war er nicht nur vom bürgerlichen Sport, sondern zugleich von der Arbeiterbewegung. 1933 floh Natan nach England, wo er familiäre Kontakte hatte. In seiner Selbstwahrnehmung entkam er Deutschland nicht, weil er als Jude verfolgt wurde, sondern »aufgrund eigener politischer Überzeugungen«, denn er hatte als Sportredakteur der »Welt am Montag« deutlich gegen die Nazis angeschrieben.

In England kam er in Kontakt zu Widerstandskreisen der sogenannten Vizekanzleigruppe, die Hoffnungen auf Franz von Papen (früher Zentrum, dann NSDAP) setzte, der ihnen moderater als Hitler schien. In Großbritannien wurde Natan zwar drangsaliert und musste sich mit Gelegenheitsarbeiten als Journalist, Leichtathletiktrainer oder Deutschlehrer durchschlagen. Doch er engagierte sich stark für diese hochgradig widersprüchliche Opposition gegen Hitler; illegal bereiste er für sie sogar Deutschland.

INTERNIERUNG 1939 wurde Natan in England als »feindlicher Ausländer« verhaftet. Anders als die meisten, die vor den Nazis aus Deutschland geflohen waren, kam er jedoch nicht nach wenigen Monaten frei. Vier Jahre dauerte die Internierung, was mit großer Wahrscheinlichkeit Natans Homosexualität geschuldet war. Nach 1945 wurde er Lehrer in England, schrieb für deutsche Verlage etliche Bücher, war politischer Englandkorrespondent des »Tagesspiegel«, schrieb für die »Frankfurter Allgemeine« und die »Zeit«, und sehr fleißig hat er für den Südwestfunk Radiobeiträge geliefert. 1971 starb Alex Natan im Alter von nur 65 Jahren in England.

Linker wollte Natan nicht mehr sein, Deutscher auch nicht, und dass er Jude war, hatte keine größere Bedeutung für ihn. Aber seine Homosexualität wollte und konnte er nicht verdrängen, und den Sport liebte er; mit scharfem Intellekt analysierte er ihn. Kay Schillers Biografie ist zu verdanken, dass wir uns wieder mit diesem Alex Natan beschäftigen können, der – vergessen sollte man diese Information nicht – in den 1920er-Jahren zu den schnellsten Juden Deutschlands zählte.

Kay Schiller: »›Der schnellste Jude Deutschlands‹. Alex Natan (1906–1971). Eine Biografie«. Wallstein, Göttingen 2022, 398 S., 28 €

"Es ist kein Einzelfall, dass jungen Frauen die Kette mit dem Davidstern vom Hals gerissen wird": Ute Cohen

Literatur

Kein Licht im Club der Versehrten

Ute Cohen zeigt in ihrem neuen Roman »Willents Brut« wie die deutschen Dämonen in einer Nachkriegsfamilie zerstörerisch nachwirken

von Stefan Meetschen  25.09.2026

Berlin

Vor 70 Jahren lief »Das Tagebuch der Anne Frank« auf deutschen Bühnen

Ihr Tagebuch gehört zur Weltliteratur. Das gleichnamige Theaterstück polarisierte dagegen

von Nikolas Ender  25.09.2026

Yotam Ottolenghi

Auch einfach lecker

Der israelisch-britische Koch hat sein neues Buch »Simple Too« in Berlin vorgestellt

von Katrin Richter  25.09.2026

Frankfurt

Jüdische Gemeinde Frankfurt erhöht Druck auf Hessischen Rundfunk

Im Streit um das in der NS-Zeit enteignete Grundstück der örtlichen B’nai-B’rith-Loge stehen nun auch personelle Konsequenzen im Raum

 25.09.2026

UEFA Nations League

Wirbel um Eckfahnen-Jubel nach Gelb-Rot für Israels Stürmer

Der israelische Stürmer Sayed Abu Farkhi schnappte sich beim Torjubel im Spiel gegen Österreich die Eckfahne - und wurde daraufhin vom Platz gestellt

 25.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  25.09.2026

Berlin

Iris Berben: Antisemitismus entschieden entgegentreten

In Lesungen, Schulbesuchen oder öffentlichen Diskussionen tritt die Schauspielerin unermüdlich für jüdisches Leben ein. Dafür wurde sie nun ausgezeichnet - und erhält emotionale Worte von Igor Levit

 25.09.2026

Los Angeles

Rapper Macklemore kündigt »Free Palestine Tour« in Europa an

Wegen israelfeindlicher Äußerungen wurde der US-Rapper aus dem Vorprogramm der Tour von Popstar Ed Sheeran gestrichen. Jetzt kündigt er drei europäische Auftritte an

 25.09.2026

TV-Tipp

Jonah Hill in tollem Sportdrama: »Die Kunst zu gewinnen - Moneyball«

Film über ein Baseball-Team aus anderswo aussortierten Spielern

von Jan Lehr  24.09.2026