Der 13. Oktober 2025 sollte ein warmer Tag werden, die Sonne schien, es war Mittwoch, der 738. Tag nach dem 7. Oktober 2023. Wenige Tage zuvor hatte es einen Deal zur Freilassung der israelischen Geiseln gegeben. Nun wartete das ganze Land mit der Familie Cunio auf deren Kinder, den älteren Sohn David und dessen jüngeren Bruder Ariel. Die beiden jungen Männer waren am 7. Oktober 2023 von der Hamas in ihrem Kibbuz Nir Oz gekidnappt worden, während Davids Zwillingsbruder Eitan, der ebenfalls in Nir Oz lebte, den Terroristen entkommen konnte.
Kurz nach neun Uhr dann ein Videocall mit den Gesichtern von David und Ariel: Sie standen, sie sprachen, sie waren am Leben. Das Video, das an diesem frühen Tag im israelischen Fernsehen und in den sozialen Netzwerken zu sehen war, konnte sich Tom Shoval fast nicht ansehen.
Der Regisseur, der Jahre zuvor mit den Zwillingen David und Eitan Cunio für den Film HaNoar/Youth, zu Deutsch »Jugend«, zusammengearbeitet und ihn anschließend mit den beiden jungen Männern in vielen europäischen Städten vorgestellt hatte, war am 13. Oktober »wie gelähmt«, wie er im Interview mit der »Jüdischen Allgemeinen« rekapituliert. »Es war so überwältigend, einfach so überwältigend. Ich saß nur da und konnte nicht einmal richtig fernsehen, ich sah nur Standbilder. So etwas habe ich noch nie empfunden. Es war eine überwältigende Emotion. Der Moment war größer als ich selbst.«
Unfassbarkeit des Moments
Noch heute sieht man Shoval die glückliche Unfassbarkeit über diesen Moment an. Das, woran er immer gedacht hatte, was wieder und immer wieder vor seinem geistigen Auge abgelaufen war, und zwar die Rückkehr der Brüder David und Ariel zu ihren Familien, wurde endlich Wirklichkeit. Als Filmemacher hat sich Tom Shoval auf seine ganz eigene Art mit dem 7. Oktober und dessen traumatischen Folgen auseinandergesetzt. Er drehte einen Film, um ansatzweise zu versuchen, begreifbar zu machen, was niemand begreifen kann.
Shoval entschied sich, einen Brief an David zu schreiben, um die Geschichte der beiden Brüder festzuhalten. A Letter to David hieß die Dokumentation, die 2025 auf der 75. Berlinale Premiere hatte. Was war zu sehen? Home-Videos, spielerische Szenen voller Leichtigkeit, Alltagsvideos, die das Leben der beiden 21-Jährigen zeigen, die Shoval 2013 für seinen Spielfilm HaNoar/Youth für die Hauptrolle ausgewählt hatte. Shoval hatte sie gebeten, einfach mit der Kamera durch ihren Kibbuz Nir Oz zu gehen. Die Aufnahmen, die später in irgendeiner Box landen sollten, zeigen einen Ort, den es heute so nicht mehr gibt. Seine Bewohner sind traumatisiert, weil Familien verschleppt und ermordet wurden; die Häuser verbrannt; die Wände, die noch stehen, sind verkohlt. Ein bleiernes Nichts liegt seitdem über Nir Oz. Inmitten darin Eitan Cunio, der von seinem Bruder, seiner Familie, von Todesangst sprach.
Trauma und Todesangst
Von dem jungen fröhlichen Mann, der 2013 im Casting zu HaNoar/Youth mit seinem Zwillingsbruder Witze riss, war nichts mehr übrig geblieben. Genau das hielt Shoval in A Letter to David fest. »David und Eitan sind mit meinem Leben verankert«, sagte Shoval bei einem Gespräch vor einem Jahr auf der Berlinale. Nach HaNoar/Youth waren die Cunio-Zwillinge in den Kibbuz zurückgekehrt, hatten geheiratet und Familien gegründet.
»So etwas wie ein Happy End gibt es nur im Film.«
Bei dem Gespräch 2025 gab der Regisseur Einblicke in die Entstehung des Films A Letter to David. »Dass sie auseinandergerissen wurden, ist für mich unvorstellbar. Ich fragte mich damals also: Was kann ich tun? Ich meine, ich kann nicht mit ihm reden, ich kann ihn nicht kontaktieren. Mein erster Impuls war, alle anzurufen, die ich kenne, damit sie über David schreiben. Ich stand komplett unter Schock.« Diesem Schockzustand verlieh er in A Letter to David Ausdruck. Shoval hoffte in seinem filmischen Brief vor allem darauf, dass es ein richtiges Ende zu seiner Dokumentation geben würde, sobald David und Ariel Cunio wieder in Freiheit wären.
Neufassung des Films von 2025
Jetzt, vier Monate nach der Freilassung der Cunios aus den Tunneln der Terrororganisation Hamas, ist die neue Fassung des Films zu sehen. Am 20. Februar wird sie im Berliner Kino Babylon gezeigt. Alle werden kommen: die Familien der Cunios, Tom Shoval, Gäste und Freunde, Menschen, die 738 Tage gehofft und gebangt haben. Für Tom Shoval war es ganz klar, dass er mit nach Berlin fahren würde: »Ich glaube, es ist genau das, was ich mir die ganze Zeit über, in der wir den Film
A Letter to David gezeigt haben, in meiner Fantasie ausgemalt habe: dass wir diesen Moment erleben würden.«
Er hatte viel darüber nachgedacht, was er David Cunio fragen würde. Denn dieser wusste gar nicht, dass es über ihn eine Dokumentation gab. Welche Antwort hatte er also erwartet auf die Frage, ob die freigelassene Geisel diesem Film zu seiner kompletten Version verhelfen würde? »Als ich David getroffen habe, bin ich da ganz klar gewesen: Ich würde jede Antwort Davids akzeptieren und verstehen.« Shoval sei es wichtig gewesen, David Cunio zu vermitteln und zu versichern, dass er nichts tun werde, womit jener sich nicht wohlfühlt.
»Aber David sagte: ›Auf keinen Fall. Ich möchte es tun, es ist wichtig für mich. Ich werde alles tun, was du möchtest.‹ Das war sehr bewegend«, berichtet Tom Shoval. »Ich war immer etwas angespannt, weil ich einen Film über David drehte, ohne dass er davon wusste. Und ich hatte auch etwas Angst davor, dass er den Film sehen würde und sagen könnte: ›Ich will nicht, dass die Leute diesen Film noch sehen.‹ Das hätte ja auch passieren können. Dann hätte ich ›A Letter to David‹ zurückgezogen.«
Warten auf den richtigen Moment
Umso erleichterter war Shoval, dass er nach seinem ersten Treffen mit David wusste, dass er auf dem richtigen Weg zu seiner vollständigen Version von A Letter to David war. Die beiden trafen sich morgens, etwa vier Wochen nach dem 13. Oktober.
Tom Shoval blieb bis zum späten Abend. Silvia Cunio und die Familie hatten ihm vorgeschlagen, direkt schon am 13. Oktober 2025 mitzukommen, sodass er David und Ariel hätte in die Arme nehmen können – wie es alle taten. Aber Shoval sagt, dass er der Familie diesen intimen Moment lassen wollte. »Also habe ich geduldig auf meinen Moment gewartet, und als er kam, war es unglaublich.«
Dass sich Ariel und David trotz aller Torturen und aller Unmenschlichkeit der Zeit in den Tunneln selbst treu geblieben waren, ihrem Humor, ihren Streichen, ahnte Shoval aber schon, als er am Abend des 13. Oktober die Begegnung mit der Familie im Fernsehen sah: Die beiden Brüder versteckten sich in einem Zimmer und warteten, bis alle ihre Lieben den Flur des Krankenhauses betreten hatten. Dann sprangen sie hervor, riefen »Boom« und waren wieder bei ihnen.
Emotionaler Abschluss
Ob es mit dem Film nun eine Art emotionalen Abschluss geben wird, kann Shoval nicht beantworten. »Ich denke, es ist schwer, den Kreis zu schließen, nachdem man diese Sache durchgemacht hat, zurückkommt und alles wieder normal sein soll. So etwas wie ein Happy End gibt es nur im Film.«
Die Paare und Familien ständen jetzt vor ganz anderen Herausforderungen. Tom Shoval vertraut darauf, »dass sie wieder zu sich finden«. Bis dahin sei es aber ein langer Weg.