Finale

Der Rest der Welt

Gerade will ich in ein Schoko‐Minz‐Plätzchen beißen, da klingelt es – zum fünften Mal heute Nachmittag. Wahrscheinlich wieder ein Schnorrer. Mein Haus, inmitten der Antwerpener Tscholent‐Insel gelegen und größtenteils von chassidischen Großfamilien bewohnt, ist wohl so eine Art Schnorrer‐Eldorado. Seufzend öffne ich die Tür. Draußen steht ein semmelblonder junger Mann mit dunkler Schuhcreme im Gesicht, verkleidet als »Schwarzer Piet«, seines Zeichens Knecht vom Nikolaus. Er steckt in einem mittelalterlichen Samtkostüm und Schnabelschuhen mit kleinen Glöckchen dran.

»Darf ich mal Ihre Toilette benutzen?«, fragt er, drückt mir sein Clipboard in die Hand und marschiert in die Wohnung. Auf dem Clipboard eine Unterschriftenliste. »Verein zur Abschaffung des Schwarzen Piet« steht da – ansonsten ist die Liste leer. Kurz darauf sitzt er mit einer Tasse Tee auf meinem Sofa und klagt sein Leid: Er mache seit Stunden die Runde von Tür zu Tür, und niemand wolle unterschreiben.

gallionsfigur Dabei ginge es doch um einen guten Zweck, nämlich gegen den Schwarzen Piet, die Gallionsfigur des Imperialismus und Rassismus, jawohl. Gerade hat er sich in Schwung geredet, da klingelt es schon wieder an der Tür. Draußen steht ein weiteres Dutzend Schwarzer Piets, die ihren Kumpel suchen. »Madame wollte bei unserer Unterschriftenaktion behilflich sein«, erklärt Piet Nummer eins seinen Kollegen und nickt mir aufmunternd zu. Verdattert öffne ich den Mund. »Na gut«, sage ich unter begeistertem Applaus. »Aber wir müssen die Strategie ändern. Hier auf der Tscholent‐Insel zählen nur drei Dinge: Essen, Kinder und Simcha‐Partystimmung!«

Gesagt, getan. Bei Herskovitz erstehen wir massenweise Süßigkeiten, Partyhütchen, Konfetti, Luftschlangen und Tröten, gehen von Tür zu Tür, verteilen großzügig Bissli und Bamba. Bald sind wir umringt von einer johlenden Kinderschar. Unter Jubeln und dem Abgesang chassidischer Nigunim bewegen wir uns langsam durch die Straßen, Konfetti und Luftschlangen werfend. Piet eins holt eine Dose Schuhcreme hervor und verpasst mir den richtigen Look.

bonbons Aus den Fenstern werden Köpfe herausgestreckt, es wird gejubelt und mit Bonbons geworfen, während wir fleißig die Unterschriftenlisten kreisen lassen, die unbesehen unterschrieben werden. Die Straße ist gesäumt von Menschen, einige halten ihre Handys in die Luft und fotografieren die Party. Ich habe mich selten so gut amüsiert.

Weniger amüsant finde ich, dass mir am nächsten Morgen mein schwarzes Schuhcreme‐Konterfei auf Facebook entgegengrinst. Die jüdische Schülerzeitung bringt es auf Seite eins, und im Briefkasten finde ich ein Schreiben der »Aktion contra Schwarzer Piet«, die mich zur Vizepräsidentin ernennen will, sowie einen Brief der Antwerpener Faschingsgarde, die den Ehren‐Piet vergibt. Da fällt die Wahl schwer.

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