Glosse

Der Rest der Welt

Es wird normal weitergespielt – natürlich bei abgeschlossener Wohnungstür. Foto: Getty Images/iStockphoto

Immer wieder sagte ich mir, ich werde über das Folgende nicht schreiben. Nun mache ich es doch: Seit dem 7. Oktober 2023 tut meine Tochter etwas, das mich besorgt: Sie prüft immer wieder, ob die Haustür abgeschlossen ist. Unmittelbar nach den Attacken des 7. Oktober hatte sie diesen Drang zu wissen, ob jemand zur Tür hereinkommen könnte, ganz stark. Selbstverständlich war es unmöglich, ihr zu verheimlichen, was am 7. Oktober tatsächlich geschehen war. Ich versuchte, ihr in kindgerechter Dosis zu erklären, was passiert war.

Mit ihren damals sechs Jahren verstand sie blitzschnell, dass etwas im Raum war, das nicht gut war, dass eine Gefahr lauerte, die nun auch uns betraf. Selbst wenn sie nicht wusste, was das Ausmaß von Krieg bedeutet. Aber spätestens, als vor einem Jahr einige Kinder aus Israel für einen mehrwöchigen Aufenthalt in die Schule zu uns kamen, um für eine gewisse Zeit den Wirren des Krieges zu entkommen, war für meine Tochter klar, dass etwas Schreckliches geschehen war oder im Begriff war zu passieren.

Mehrmals täglich ging sie zur Tür und schaute nach, ob sie wirklich geschlossen war. Dann ließ es wieder nach. In letzter Zeit habe ich aber beobachtet, dass dieses Verhalten wieder öfter auftritt. Egal, ob sie gerade spielt, Hausaufgaben macht oder vor dem Einschlafen im Bett liegt – immer wieder höre ich sie zwischendurch fragen: »Mama, ist die Tür geschlossen?«

Ich mache daraus keine große Sache. Ich antworte lediglich: »Selbstverständlich.« Wohl wissend, dass die Tür tatsächlich verriegelt ist.

Ich mache daraus keine große Sache. Ich antworte lediglich: »Selbstverständlich.« Wohl wissend, dass die Tür tatsächlich verriegelt ist. Denn ich selbst würde die Tür auch nie unabgeschlossen lassen. Aber ich prüfe es nicht mehrmals nach. Dass meine Tochter dies auch ein Jahr später noch tut, stört mich überhaupt nicht. Sie soll sich sicher fühlen. Und wenn ihr dieses kurze Nachschauen hilft, dann ist es richtig so.

Was mir jedoch viel mehr zu denken gibt, ist die Tatsache, dass unsere Kinder – und damit meine ich die unserer Gesellschaft – auf einmal wieder Zeugen vom Krieg und seinen Folgen werden. Ohne fatalistisch klingen zu wollen, scheint er viel näher zu sein als früher.

Ich selbst bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Krieg sehr weit weg schien. Ich wähnte mich in einer scheinbar sicheren Welt. Wie naiv von mir. Wie schnell ein Weltgefüge auseinanderzubrechen droht, Demokratien erodieren. Der Krieg ist näher gekommen: in Israel, Gaza, in der Ukraine oder in Syrien. Und Kinder stellen Fragen. Das sollen sie auch. Wir Erwachsene sind dafür verantwortlich, ihnen die richtigen Antworten zu liefern, einen kindgerechten Umgang zu finden, um mit ihnen zu reden – und für Frieden im Kleinen zu sorgen.

Jedes Mal, wenn sich meine mittlerweile siebenjährige Tochter mit ihrer kleinen Schwester streitet und die beiden finden, es sei an der Zeit, sich zu versöhnen, geben sie sich den kleinen Finger und sagen das folgende kleine Sprüchlein: »Scholem scholem le’olam, broges broges afpa’am.« – »Friede, Friede für die Welt, kein Kampf niemals.« Wenn es nur so einfach wäre. Dennoch: Danach ist Frieden unter den Schwestern. Es wird normal weitergespielt – natürlich bei abgeschlossener Wohnungstür.

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Heute wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert

Konferenz in Berlin

Wie die Schlagzeile das Israelbild formt

Bei einem Workshop an der Technischen Universität Berlin gingen Wissenschaftler und Journalisten der Frage nach, wie deutsche Medien über Israel berichten, welche Narrative dabei wirken und wo sich Fehler einschleichen

von Ralf Fischer  01.11.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026