Finale

Der Rest der Welt

Das Leben als Kolumnistin ist manchmal schwerer, als Sie glauben. Um mit authentisch jüdischem Humor zu bestechen, müsste die Autorin wenigstens ab und zu selbst etwas Lustiges erleben. Aber was, wenn Ihre Kolumnistin keine Zeit mehr für solche Erlebnisse hat? Wo soll da der jüdische Witz herkommen? (Selbstverständlich ist mein Arbeitsplatz keine humorfreie Zone. Dort werden jede Menge Witze erzählt. Allerdings nicht solche, die ich an dieser Stelle zitieren könnte.)

Was kann ich Ihnen also Humoristisches bieten? Allzu gerne hätte ich mich anlässlich der neuen Ausstellung »Die ganze Wahrheit – Was Sie schon immer über Juden wissen wollten« in die Glasvitrine des Jüdischen Museums Berlin gesetzt. Dann hätte ich Ihnen lang und breit darlegen können, wie sich eine »Vitrinenjüdin« fühlt. Das wäre bestimmt sehr lustig geworden.

Objekt Aber leider hat mich das Museum – im Gegensatz zu meinem viel berühmteren Kollegen, was für eine Pleite – gar nicht eingeladen, obwohl nicht nur er, sondern auch ich dem werten Publikum eine Ia jüdische Nase präsentieren könnte. Dabei ist seine nur deshalb länger, weil er ein Mann ist! Doch selbst wenn die Kuratorinnen des Jüdischen Museums meinen Zinken gebührend gewürdigt hätten, hätte ich mich nicht zum Schauobjekt machen können.

Denn nach Dienstschluss habe ich gar keine Zeit für solche Scherze, weil ich nachmittags meinen vierjährigen Sohn hüte. Aber warum nehme ich ihn eigentlich nicht mit ins Museum? Ich könnte mit dem Kleinen von der Kita mit der U-Bahn nach Kreuzberg fahren. Nach der Sicherheitskontrolle würde ich ihm seine Kippa aufsetzen und ihn zusammen mit seinem Teddy in die Vitrine sperren.

Wahrscheinlich würde unter den Museumsbesuchern sofort eine emotionale Debatte darüber entbrennen, woran man ein jüdisches Steiff-Tier erkennt. Wie ich meinen Sohn kenne, würde er sich das Gespräch aber nicht lange mit anhören, sondern halsbrecherisch aus der Vitrine klettern – mit dem Kopf zuerst. Das wiederum böte dem nichtjüdischen deutschen Publikum eine einmalige Gelegenheit, ein deutsch-jüdisches Kind und einen mutmaßlich jüdischen Teddybären zu retten – ein Erlebnis, kathartischer als der Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter in der ARD.

Psychoanalyse Die Teilnehmer könnten das Event anschließend in öffentlich-rechtlichen Talkshows breittreten oder in privatem Setting zelebrieren: bei Familienaufstellungen à la Bert Hellinger beziehungsweise in langen Sitzungen beim Psychoanalytiker. Und ich hätte genug Stoff für mindestens drei Glossen.

Leider gibt es aber ein Problem: Mein Mann, der mir streng verboten hat, an dieser Stelle weiterhin über ihn zu schreiben, weil unser Privatleben die Leser nichts angeht, würde wegen Kinderquälerei die Scheidung einreichen. Dann hätte ich gar nichts mehr zu lachen. Sie verstehen, dass ich dieses Risiko nur wegen einer Pointe auf Seite 22 nicht eingehen kann. Ein Trost bleibt mir und Ihnen: In drei Wochen schreibe ich meine nächste Glosse. Beim Texten ist es manchmal wie beim Frühlingswetter: Es kann nur besser werden!

Frankfurt/Main

Erinnern ohne Zeitzeugen

Eine internationale Konferenz befasst sich mit der Zukunft der Gedenkkultur und gesellschaftlicher Verantwortung

von Ingo Way  18.11.2019

Reise

Lost in Ramallah

Wie leben eigentlich die Menschen im Westjordanland? Unser Autor fuhr mit drei Freunden hin

von Joachim Lottmann  17.11.2019

Auszeichnung

Thomas Buergenthal erhält Edith-Stein-Preis

Der Jurist und Holocaust-Überlebende wird für seinen Kampf um die Würde des Menschen geehrt

 17.11.2019

Auszeichnung

Barbara Honigmann erhält Bremer Literaturpreis

In ihrem Roman »Georg« zeichnet die Schriftstellerin das Porträt eines Kommunisten und deutschen Juden

 16.11.2019

NS-Raubgut

Verbesserung der Provenienzforschung

Die Limbach-Kommission soll eine Geschäftsstelle in Berlin erhalten, die ihr beratend zur Seite steht

 16.11.2019

Restitution

»Wegducken und Wegschauen«

WJC-Präsident Ronald Lauder: Deutschland muss die Rückgabe von NS-Raubkunst beschleunigen

 15.11.2019