Glosse

Der Rest der Welt

Zeev Engelmayer Foto: IMAGO/Pond5 Images

Der israelische Protestkünstler Zeev Engelmayer ist vor allem für seine Aktivistenfigur Shoshke bekannt, die bis zum 7. Oktober beliebter Stargast bei Anti-Regierungs-Protesten war. Shoshke, eine unverschämte Cartoon-Figur, die zum Leben erwacht, wenn Engelmayer sein rosa Schaumgummi- und Flanellkostüm in Form einer nackten Frau anzieht, mit blonder Perücke, roten Fingernägeln und High Heels sowie einer Brille mit langen schwarzen Wimpern dran.

Seit dem 7. Oktober liegt das rosa Shoshke-Kostüm zusammengeknüllt in der Ecke seines Ateliers, und anders als sein extravagantes Alter Ego trägt Zeev jetzt ganz nüchtern Pullover, Jeans und karierte Hemden. Denn Zeevs Kunst konzentriert sich im Moment vor allem auf eine Obsession, die er mit vielen seiner Landsleute teilt: das Schicksal der Israelis, die am 7. Oktober entführt wurden und seit 100 Tagen (und mehr) in Gaza als Geiseln festgehalten werden.

Postkarten, Kinderfilzstifte und Yoga-Unterricht

Jeden Tag postet Zeev eine neue Postkarte auf seinen Social-Media-Plattformen (die zu »Shoshke Engelmayer« gehören), er malt mit bunten Kinderfilzstiften, zeigt die Geiseln in warmen, zuversichtlichen Szenen: beim Yoga-Unterricht in einem Tunnel, flankiert von einem schlecht gelaunten Hamas-Terroristen, oder wie sie über einen strahlenden Regenbogen von Gaza zurück nach Hause tanzen. Sehr schnell fanden seine Bilder ihren Weg durch das Internet und hinaus in die reale Welt. Ausstellungen mit den Bildern werden nicht nur in ganz Israel gezeigt, sondern auch an so weit entfernten Orten wie Brasilien, Deutschland und Mexiko-Stadt.

Als die Postkarten immer bekannter wurden, schrieben ihm auch Familien von Geiseln und Opfern des 7. Oktober. Heute entstehen die meisten Karten auf Anfrage von Familienmitgliedern oder engen Freunden von Geiseln oder Opfern der Hamas, die darum bitten, ihre Angehörigen auf diese Weise zu verewigen.

»Ich habe das Gefühl, dass die Geiseln im Moment ein Teil meines Lebens sind – ich kann nicht aufhören, an sie zu denken. Selbst in diesem Moment, während wir hier in meiner Wohnung sitzen, weiß ich, dass die Geiseln in den Tunneln sitzen und leiden«, sagt Zeev in einem Interview.

Zeevs Atelier ist momentan ungewöhnlich spärlich, erklärt er. Normalerweise ist es voll mit Shoshke-Utensilien, aber die meisten sind derzeit im Herzliya Museum of Contemporary Art ausgestellt. Das Museum zeigt jetzt auch seine Postkarten an den Außenwänden. »In der Vergangenheit war ich ein Kämpfer, ein Aktivist. Mit den Geiseln in Gefangenschaft ist alles, was ich tue, weicher – ich habe das Gefühl, dass Mitgefühl im Moment wichtiger ist als Kritik«, erzählt er weiter.

Und Shoshke? Die wird eines Tages zurückkehren, da ist sich Zeev ganz sicher. Sie sei immer noch in ihm drin, versichert er mit einem verschmitzten Lächeln, »und ich fühle, dass sie raus will«.

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026