Glosse

Der Rest der Welt

»Summer, summer, summer time ... « – aber so richtig cool ist es nur im Heimatmuseum. Foto: Getty Images/Big Cheese Photo RF

Glosse

Der Rest der Welt

Cool werden in Möhringen-Plieningen

von Margalit Edelstein  21.08.2022 06:42 Uhr

Und hier sind wir wieder in unserem Feriendomizil: der schmucken Dachwohnung meiner Eltern, wo wir jedes Jahr mit der ganzen Familie zur Sommerfrische eintreffen. Dumm nur, dass die Durchschnittstemperatur dieses Jahr bei 31 Grad liegt, die Dachwohnung keine Klimaanlage hat und hier Temperaturen herrschen wie in der Wüste Gobi.

Gehen Sie durch die Wohnung, von Zimmer zu Zimmer, und Sie entdecken in jedem Raum irgendein Familienmitglied, das ermattet auf dem Sofa liegt, einen Eisbeutel auf dem Kopf, auf dem Teppich vor dem großen Ventilator rumhängt oder vor dem offenen Kühlschrank, auf der verzweifelten Suche nach etwas Abkühlung.

planschbecken Sie gelangen dann zum Balkon, wo ein Planschbecken steht, aus dem ein paar Füße mit rotem Nagellack ragen. Im Planschbecken schwimmen Eiswürfel, darin liegt eine Person mit Taucherbrille und Schnorchel. Das bin ich. Ich kann diese Hitze nur unter Wasser ertragen. Oder im Schwimmbad.

Wir waren vergangene Woche jeden Tag im Schwimmbad. Erst im Edel-Schwimmbad im Nobel-Vorort, was mir sehr gut gefallen hat. Dann, als uns das Geld ausging, im demokratisch niedrigpreisigen Freibad. Als mir das zu laut wurde, wurden wir Stammgäste im sogenannten Reha-Bad, Altersdurchschnitt um die 70, aber überall diese herrlichen Massagedüsen!

Und jetzt haben meine Kids die Nase voll, sie streiken und wollen für den Rest der Ferien nicht mehr ins Schwimmbad gehen. Und darum liege ich hier in meinem Planschbecken und komme erst heute Abend nach Sonnenuntergang wieder raus. Hat jemand etwas dagegen?

taucherbrille Ab und zu muss ich kurz auftauchen und meine Taucherbrille abnehmen, weil mein Mann mir entweder eiskalte Cola vorbeibringt oder mit irgendwelchen Broschüren vor mir herumwedelt, um mich mit tollen Ausflugs- und Freizeitideen aus meinem Pool zu locken. Vergiss es! Keine zehn Pferde kriegen mich hier raus.

Entspannt liege ich auf dem Boden des Pools, über mir schwimmt ein Haufen Eiswürfel im Wasser, und ich betrachte die flirrende Hitze und den knallblauen Himmel durch einen schimmernden kühlen Wasser-Baldachin! Herrlich!

Auf einmal dringt durch die Wassermassen ein verführerisches Zauberwort an mein linkes Ohr, das mich sofort zum Auftauchen bewegt. Das Wort heißt: Klimaanlage! Mein kluger Göttergatte hat sich den ganzen Morgen ans Telefon gehängt, um einen Ort mit Klimaanlage zu finden, an dem man gratis einige Stunden verweilen kann. Und so landen wir schon kurze Zeit später im Heimatmuseum Möhringen-Plieningen.

Meine Kinder stöhnen schon bald vor Langeweile, aber ich schreite gaaaanz langsam durch die Museumsräume und koste die Kühle so richtig aus … und schon bald wissen meine Kinder alles über das Möhringer Spitzkraut und die Kunst, es richtig zu stapeln, sind bestens informiert über die Möhringer Obstgehölze-Pflege sowie die örtliche Streuobst-Strategie, haben Dutzende von steinalten Möhringer Bettpfannen und Hochzeitshäubchen begutachtet und betteln mich an, den morgigen Tag doch bitte, bitte wieder im Freibad zu verbringen. Na bitte, geht doch.

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 08.09.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  08.09.2026

Der deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel

Potsdam

Philosoph Fraenkel neuer Direktor des Potsdamer Einstein-Forums

Das Einstein-Forum in Potsdam hat mit dem Philosoph Carlos Fraenkel einen neuen Direktor. Für seine Zeit formuliert er deutliche Ziele

von Benjamin Lassiwe  07.09.2026

Berlin

»Du, lass dich nicht verhärten«: Wolf Biermanns beste Lieder

Der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher ist der vielleicht deutsch-deutscheste seiner Zunft. Am Freitag erscheint ein neues Album im Rückblick auf sein Werk

von Verena Schmitt-Roschmann  07.09.2026

Tel Aviv

Immer mehr Ärzte verlassen Israel – fast 1400 Mediziner gehen ins Ausland

Der sogenannte »brain drain« könnte langfristig erhebliche Folgen für das israelische Gesundheitssystem haben

 07.09.2026

New York

Art Garfunkel: »Ich bin ein Sänger«

Der legendäre Künstler spricht über Rastlosigkeit, Versöhnung und ein spätes zweites Leben auf der Bühne

 07.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  06.09.2026

Exklusiv-Interview

»Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«

Der Historiker und Bestsellerautor Götz Aly über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots

von Michael Thaidigsmann  06.09.2026