Finale

Der Rest der Welt

... so gesehen ist Frankfurt ja eigentlich das deutsche Bobrujsk Foto: Rafael Herlich

Ich lebe in der »jüdischsten Stadt Deutschlands«. So zumindest lautet das Etikett, das Frankfurt irgendwann einmal von führenden Kommunalpolitikern erhalten hat. Doch was bedeutet es eigentlich? Ich habe keine Ahnung!

Ich kann aber sagen, dass ich die jüdischste Stadt meines Geburtslandes Belarus kenne: Sie heißt Bobrujsk. Zumindest gilt das für die Nachkriegszeit. Doch der Reihe nach: Dort, wo heute die Republik Belarus liegt, lebten vor 100 Jahren sehr viele Juden. In manchen Städten stellten sie sogar die Mehrheit. Jiddisch war zeitweise eine der Amtssprachen. Das war vor 1941. Was in den Jahren danach geschah, wissen wir alle, und dieser Tage lesen wir vielerorts von der Schoa. Bobrujsk ist aber selbst nach dem Zweiten Weltkrieg eine sehr jüdische Stadt geblieben.

60er-Jahre Mein Vater wurde in Bobrujsk geboren. Dort muss es, als er in den 60er-Jahren aufwuchs, vor jüdischen Abenteurern und Lebenskünstlern, heimlichen Privatunternehmern und allerlei anderen wunderlichen Gestalten gewimmelt haben. Die Älteren sprachen untereinander Jiddisch, wenn sie nicht wollten, dass die Jüngeren sie verstehen. Man heiratete weiterhin unter Juden.

So ähnlich muss es früher einmal im Schtetl zugegangen sein! Wozu also Isaac Bashevis Singer oder Mordechai Richler lesen, wenn man die Geschichten aus dem jüdischen Bobrujsk hören kann? Die erzählen mir mein Vater und meine Tante hin und wieder. Heute sind meine Bobrujsker Verwandten verschiedener Grade über die ganze Welt verstreut.

Spirit Sie leben in St. Petersburg und Los Angeles, Haifa und Hanau. Obwohl sie mittlerweile auch Russen und Israelis, Amerikaner und Deutsche geworden sind – der besondere jüdische Spirit ihrer belarussischen Heimatstadt ist ihnen erhalten geblieben.

Denn Bobrujsker Juden sind eine besondere Spezies. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und lassen sich nicht unterkriegen. Sie denken unternehmerisch und bleiben stets unterhaltsam. Doch Moment mal!

Diese Attribute sind ja eigentlich auch einigen Frankfurtern, die ich kenne, eigen. Sie denken geradeaus, packen Dinge an und reden nicht um den heißen Brei herum. So gesehen ist Frankfurt ja eigentlich das deutsche Bobrujsk. Ich lebe also wirklich in der jüdischsten Stadt Deutschlands.

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Deutscher Buchpreis

Hermeskeil ist stolz auf Shida Bazyar

Die Auszeichnung würdigt den Roman einer Autorin aus dem Hunsrück. Das gibt der Stadt neuen Anlass, sich mit den verdrängten Kapiteln seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

von Ira Schaible, Sandra Trauner  07.10.2026

TV-Tipp

Zwischen Terror und Trauma

Eine Reportage von Jan Philipp Burgard auf WELT TV zeigt Israel und seine Menschen drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023

von Detlef David Kauschke  07.10.2026

Im Kino

Mutiges Biopic über Österreichs Ex-Kanzler: »Bruno – Der junge Kreisky«

Harald Sicheritz hat ein Biopic gedreht, das die politischen Kämpfe zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, zwischen der Linken an sich und den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren differenziert darstellt

von Sascha Westphal  06.10.2026

Literatur

Neues Jugendbuch von Holly-Jane Rahlens: Ein eher unbekanntes Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte

Displaced Persons Camps der Nachkriegszeit: Sie stehen im Zentrum eines neuen Buches von Holly-Jane Rahlens. »Frostblüten« heißt und erzählt von der Freundschaft der jüdisch-polnischen Estera und der Berlinerin Lotte

von Nina Schmedding  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Literatur

Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« mit Deutschen Buchpreis ausgezeichnet

Der Preis wurde am Montagabend im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse vergeben

 05.10.2026 Aktualisiert