Glosse

Der Rest der Welt

Dank unserer Party-Bekanntschaft weiß ich ja jetzt, wohin die Reise geht. Foto: PantherMedia / Uwe Norkus

Glosse

Der Rest der Welt

Ich will nicht nach Berlin – oder doch?

von Eugen El  03.11.2021 10:18 Uhr

Es ist gar nicht lange her, da feierte eine gute Freundin die Einweihung ihrer neuen Wohnung in Neukölln. Jedenfalls reisten wir aus Frankfurt an und kamen irgendwann im Verlauf des sehr langen Abends mit einem etwas jüngeren Partygast ins Gespräch, der aus Moskau stammt, erst seit ein bis zwei Jahren in Berlin lebt und uns in bestem Gegenwartsrussisch davon berichtete, wie toll er die deutsche Hauptstadt findet. Die sei nämlich klein und überschaubar, und überhaupt wirkten die Berliner generell auf ihn äußerst entspannt und entschleunigt.

Nun ja, musste ich da denken, unser Party-Gesprächspartner war nicht der erste Moskauer, dem sämtliche deutsche Städte wie das viel beschworene Bullerbü vorkamen. Noch schlimmer, erinnerte ich mich, fiel der Kulturschock bei einigen in den 90er-Jahren zeitgleich mit meiner Familie nach Deutschland eingewanderten Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion aus.

kleinstadt Denn ebenso wie wir wurden sie nach dem berühmt-berüchtigten »Königsteiner Schlüssel« einer landschaftlich zwar sehr reizvoll gelegenen, kulturell aber äußerst arm ausgestatteten Kleinstadt in Osthessen zugeteilt.

Wie Bad Soden-Salmünster, die Stadt, in der auch wir 1997 landeten, auf die stolzen ehemaligen Bewohner Moskaus und Sankt Petersburgs gewirkt haben muss, kann ich mir heute sehr gut vorstellen. Wenn das Kulturangebot vom Bolschoi oder Mariinski-Theater zum Kurkonzert am Sonntagvormittag zusammenschrumpft, dann bricht für die frisch Eingewanderten womöglich wirklich eine Welt zusammen. Eigentlich kamen sie in das Land Goethes und Schillers, stattdessen aber landeten sie in der unerschütterlichen Profanität der ausgehenden Kohl-Ära.

stolz Da hatten meine Eltern es als lediglich zugezogene Minsker leichter. Kein metropolitaner Stolz erschwerte ihnen die mentale Ankunft in Deutschland. In Bad Soden-Salmünster verbrachten wir neun Jahre, und jedes Mal, wenn ich aus dem nicht allzu weit entfernten Frankfurt dorthin komme, staune ich über die Langsamkeit und Ungerührtheit des dortigen Lebens.

Aber wenn vor sich hin grasende Kühe und grunzende Wildschweine die vielleicht einzige Attraktion einer Stadt sind, dann komme ich doch so langsam ins Grübeln. Wenn ich also demnächst wieder Entschleunigung und Ruhe suche und dabei nicht auf Museums-, Theater- und Restaurantbesuche verzichten will, dann weiß ich dank unserer Party-Bekanntschaft ja jetzt, wohin die Reise geht.

Weltmeisterschaft

Die Kraft des Gemeinsamen

Vom Hoffen, Mitfiebern und Leiden: Eine Liebeserklärung an die Macht und die Möglichkeiten des Fußballs

von Awi Blumenfeld  11.06.2026

Kulturfest

Jüdische Woche in Leipzig

70 Leipziger Institutionen und Vereine gestalten ein Programm zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Erwartet werden internationale Gäste

 11.06.2026

Hass auf der Bühne

»Hofnarr der Hamas«: Bassem Youssef tritt heute in Berlin auf

Der amerikanisch-ägyptische Comedian relativiert die Hamas-Verbrechen vom 7. Oktober und verbreitet Verschwörungsmythen über Israel. Nun werden Forderungen nach einer Absage seiner Vorstellung im Tempodrom laut

von Imanuel Marcus  11.06.2026 Aktualisiert

Festival in Köln

»Shalom-Musik.Koeln« 2026 bringt jüdische Musik in die ganze Stadt

Avi Avital, Sharon Brauner, Omer Klein und Bar Zemach sind nur vier der vielen Künstler, deren Performances auf dem Programm stehen

 11.06.2026

Hollywood

Hasswelle gegen Gwyneth Paltrow wegen Israel-Werbung

Die Datstellerin mit jüdischem Familienhintergrund ist das Werbegesicht für das israelische Luxusbauprojekt 51 Park in Herzliya. Die Quittung: Sie wird online als »genocide queen« beschimpft

 11.06.2026

Leo-Baeck-Preis

»Seine Arbeit hat rettende Relevanz«

Ahmad Mansour lobte in seiner Laudatio auf Dieter Nuhr den Mut und die intellektuelle Unbestechlichkeit des Kabarettisten. Eine Dokumentation

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Rede

»Sie beweisen Zivilcourage und folgen mit ihrem Mut dem Beispiel von Leo Baeck«

Zentralratspräsident Schuster hob bei der Vergabe des Leo-Baeck-Preises Dieter Nuhrs ebenso fairen wie kompetenten Blick auf den jüdischen Staat hervor

von Josef Schuster  10.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  10.06.2026

Programm

Fast ohne Fußball: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 11. Juni bis zum 18. Juni

 10.06.2026