Finale

Der Rest der Welt

Erst vor wenigen Tagen habe ich die letzten kalten Latkes vertilgt, die von Chanukka noch übrig waren. Was für ein Glück, stellte mein Mann zum Abschluss der Feiertage fest, dass die Öllampe im Tempel nur acht und nicht 80 Tage gebrannt hätte. Recht hat er: Sonst wäre meine Figur endgültig ruiniert. Dann schaute ich auf meinen Kalender und stellte fest, dass ab sofort zwei feiertagsfreie Monate angesagt sind. Okay, Weihnachten nicht eingerechnet, aber das bedeutet für uns Juden doch keinen Stress.

Außer, wir haben nichtjüdische Partner, für deren Mütter, Väter und Schwestern wir die Weihnachtsgeschenke besorgen müssen. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was der jüdische Kalender uns abverlangt. Genießen wir also die relative Ruhe, bevor Purim beginnt! Denn das Anstrengende an den jüdischen Feiertagen ist doch, dass Eltern so höllisch aufpassen müssen, nicht in eines der zahlreichen Fettnäpfchen zu treten, die in jeder Synagoge lauern. Manchmal sehne ich mich zurück nach den Zeiten, als ich als Single »Schabbatot und Chagim« (frei nach Jehudit Ravitz) alleine auf dem Dach verbrachte – beziehungsweise mit einem sogenannten Elefantenschwanz-Cocktail (aus 70-prozentigem Rum) in der Haifischbar in Berlin-Kreuzberg.

Purim Mein Feiertagsstress begann an Purim 2011, als mein Sohn – damals fast zwei Jahre alt – in der Synagoge Oranienburger Straße verschwand, während ich mich kurz unterhalten hatte. Ich scheuchte die ganze Betergemeinschaft auf und rannte eine gefühlte Ewigkeit durch das Treppenhaus, bis ich das weinende Kind im ersten Stock entdeckte. Der Kleine war in den Fahrstuhl gestiegen, der zufällig vor seiner Nase angehalten hatte. Lange Zeit fürchtete ich, er würde ein bleibendes Trauma davontragen. Und tatsächlich erzählte mein Sohn (über ein Jahr lang!) immer wieder, er sei »an Purim alleine in der Synagoge Fahrstuhl gefahren«, Mama sei nicht da gewesen, und ich fühlte mich schlimmer als Haman.

Dann kam Jom Kippur. Diesmal nahm ich den Kleinen mit in die Synagoge Pestalozzistraße, wo er beim abschließenden »Avinu Malkenu« ausbüxte und auf die Bima zurannte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als in die Bankreihen der Männer einzudringen und meinen Sohn wieder einzufangen. Vielleicht hätte ich den Zwischenfall schon längst verdrängt – wenn ich nicht wenige Wochen später, an Simchat Tora, vergessen hätte, in die Synagoge Herbartstraße eine Plastiktüte zum Einsammeln der Süßigkeiten mitzubringen.

Das nahm mir nicht nur mein Sohn übel, sondern vor allem die Heimbewohner, die mit unzähligen Bonbons um sich warfen, während nur drei Kinder zur Verfügung standen, um sie aufzuheben. Ich arbeite immer noch an meiner Feiertagssozialisation, aber irgendetwas geht immer schief. Dieses Jahr habe ich es versäumt, rechtzeitig Chanukkakerzen zu kaufen, und habe die Chanukkia stattdessen am ersten Wochenende mit Geburtstagskerzen bestückt. 2013 muss alles anders werden. Sonst komme ich noch in die Feiertagshölle und muss zur Strafe 8000 Jahre lang Latkes essen. Oder Hamanohren. Oder, noch schlimmer: Mazze!

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