Finale

Der Rest der Welt

Ich lese also bin ich. Foto: Getty Images/iStockphoto

Finale

Der Rest der Welt

Warum Zeitunglesen das neue Meditieren ist

von Eugen El  29.04.2021 08:59 Uhr

Neulich, als ich beim Mittagessen wieder einmal Radio hörte, geschah etwas Unerwartetes. Als die Uhr 13 Uhr anzeigte, sendete der Deutschlandfunk nämlich statt der Nachrichten erst einmal meditative Stille. Dann lief zwei Minuten lang Instrumentalmusik vom Band. Ich dachte mir, nanu, der sonst so seriöse Sender experimentiert mit neuen Formaten! Toll! Doch eigentlich wollte ich ja auch irgendwie wissen, was in Deutschland und der Welt gerade so los ist.

Ich wollte natürlich erfahren, welcher Politiker oder Funktionär sich wie zu welchem Thema geäußert hat. Nicht zuletzt interessierte mich das Wetter im Norden, Osten, Süden und Westen Deutschlands. Auf die Instrumentalmusik folgten direkt die »Informationen am Mittag«.

Moderator Der über das unangekündigte Experiment seines Senders offenbar selbst verdutzte Moderator bat zwar um Entschuldigung, die 13-Uhr-Nachrichten aber fielen ersatzlos aus. Ich war vollkommen bestürzt! Nun werden Sie wahrscheinlich sagen: Die Nachrichten gibt es doch auch online, und zwar nicht nur zur vollen Stunde! Sie haben ja recht.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich vollkommen altmodisch bin, was den Medienkonsum betrifft. Während andere schnell mal auf ihrem Smartphone die News checken, lese ich am allerliebsten gedruckte Zeitungen. Es hat doch was für sich, abends in aller Ruhe die Nachrichten vom Vorabend zu studieren! Und es ist nun einmal ein viel angenehmeres, entschleunigtes Lektüreerlebnis. Wer braucht da noch Yoga und Meditation? Ganz abgesehen davon, wie praktisch so eine gedruckte Zeitung ist!

Damit lassen sich zum Beispiel preisgünstig ganze Zimmer tapezieren. Ich kenne Menschen, die so etwas tun. Sie werden sich jetzt bestimmt fragen, woher meine Leidenschaft für Zeitungen kommt. Vielleicht geht sie auf meine Kindheit in Belarus zurück. Als dort in den frühen 90er-Jahren für kurze Zeit die Pressefreiheit ausbrach, schickte mich mein Vater jeden Morgen zum Kiosk, mit dem Auftrag, mindestens vier Tageszeitungen zu besorgen.

Kiosk Schon damals sah mich die Kioskverkäuferin etwas schräg an. Heute schauen die Verkäufer eher mitleidig! Wir Zeitungskäufer sind ja eine seltene Spezies geworden. Fast so wie die Leute, die noch Mixtapes machen oder einen Videorekorder haben.

Als ich auf Facebook von meinem Deutschlandfunk-Erlebnis berichtete, gossen meine Freunde ihre Verwunderung in etliche Emojis und Kommentare. Vielleicht dachten sie: Wir sollten dem Eugen endlich einmal beibringen, wie dieses Online funktioniert.

Vielleicht überlegten einige aber auch, mir ein Abonnement zu schenken, samt Aufenthalt im Yoga-, pardon, Lese-Retreat? Eine Idee, für welche Zeitung, hätte ich da schon. Allgemein sollte sie sein. Vielleicht meldet sich ja jemand bei mir? Ich jedenfalls muss jetzt erst einmal Nachrichten hören, wenn sie denn kommen.

Aufgegabelt

Spätsommer im Glas: Granatapfel-Slushie

Rezepte und Leckeres

 31.08.2025

Glosse

Der Rest der Welt

Zwei Croissants, einen starken Kaffee und drei Tagträume von Tel Aviv, bitte

von Nicole Dreyfus  31.08.2025

Interview

»Von Freude und Schmerz geprägt«

Susan Sideropoulos über ihr neues Buch, den Tod ihres Vaters und darüber, wie man in schweren Zeiten glücklich wird

von Mascha Malburg  31.08.2025

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Katrin Richter  29.08.2025

Kino

Shawn Levy beginnt »Star Wars«-Dreh

Für Mai 2027 hat Lucasfilm den neuen »Star Wars«-Film mit Ryan Gosling angekündigt. Jetzt sind die Dreharbeiten angelaufen

 29.08.2025

Markus Lanz

Wolkige Rhetorik und rhetorische Volten

In der ZDF-Sendung bemühte sich Kanzleramtsminister Thorsten Frei, den Rüstungsexportstopp seiner Regierung zu erklären, während taz-Journalistin Ulrike Herrmann gar einen »Regimewechsel« in Israel forderte

von Michael Thaidigsmann  29.08.2025

Musik

Der Lachende

Eine Hommage an den israelisch-amerikanischen Violinisten, der am 31. August 1945 geboren wurde

von Maria Ossowski  29.08.2025

Radsport

»Israel Premier Tech«-Radfahrer Froome im Krankenhaus

Chris Froome hat sich bei einem Trainingssturz mehrere Knochenbrüche zugezogen. Der 40-Jährige wurde per Helikopter ins Krankenhaus gebracht und muss operiert werden

 28.08.2025

"Zeit"-Interview

Iris Berben kritisiert Judenhass im linken Spektrum

Die Schauspielerin bezeichnet sich selbst als links. Dennoch sieht sie im linken Milieu viel Problematisches – darunter Antisemitismus

 28.08.2025