Finale

Der Rest der Welt

»Tief Ahmet« und »Hoch Chana« oder Let the sunshine in!

von Ayala Goldmann  14.01.2021 09:56 Uhr

Das Hoch Chana kommt. Foto: Getty Images/iStockphoto

»Tief Ahmet« und »Hoch Chana« oder Let the sunshine in!

von Ayala Goldmann  14.01.2021 09:56 Uhr

Ein Hoch auf »Tief Ahmet« und »Tief Dimitrios«! Beide haben endlich wieder Schnee in unsere Breitengrade gebracht, und das in Zeiten, in denen es sonst nicht viel Grund zur Freude gibt. Und sie haben vor allem ihr Ziel erreicht, das Bewusstsein für Diversität im Einwanderungsland Deutschland zu stärken!

Facebook Übrigens auch in unserer eigenen Community: »Ahmet und Dimitrios, gibt es hier nur Türken und Griechen? Und was ist mit Jakub und Igor?«, schrieb mir ein empörtes Gemeindemitglied – ich nenne es hier Dimitrij – auf Facebook. »Wir Juden haben die tiefsten Tiefs! Wir werden wieder einmal vergessen!« Recht hat der Mann, ein unglaublicher Vorgang, dachte ich und war kurz davor, den Antisemitismusbeauftragten anzurufen.

Zum Glück hatte ich die Telefonnummer nicht gleich parat. Denn die Initiative #wetterberichtigung hat uns Jüdinnen und Juden keineswegs vernachlässigt: Unter den Namen für die ersten 14 Wetterlagen des Jahres, für die die Initiative Patenschaften übernommen hat, ist auch das »Hoch Chana«. Und zwar nicht einfach nur Chana, sondern Chana Salomon! Natürlich ist ein Hoch kein Ersatz für ein Tief, aber teurer ist es auf jeden Fall: Chana hat 299 Euro gekostet, Ahmet und Dimitrios jeweils nur 199 Euro.

Freude Für meinen Facebook-Freund ist das Hoch Chana trotzdem kein Anlass zur Freude. »Was soll daran gut sein?«, moserte Dimitrij. »Hinterher behaupten sie, dass man für uns Juden mal wieder mehr Geld ausgibt als für alle anderen.« Und überhaupt, Chana sei ein israelischer Name, da sehe man doch mal wieder, dass Kontingentflüchtlinge bei migrantischen Initiativen nicht einmal als Quotenjüdinnen herhalten dürften.

Olga, okay, ein Hoch namens Olga würde er akzeptieren, aber Chana? »Gib doch zu, dass du dich verarschen lässt«, schrieb mir Dimitrij. »In Wirklichkeit hassen sie alle den Staat Israel!«

Ich habe ihm nicht mehr geantwortet, weil Dimitrij mir auf den Wecker geht. Entfreunden kann ich ihn leider nicht bei Facebook, sonst beschwert er sich bei seinem Rabbi, und der beschwert sich dann bei mir, weil ich angeblich Gemeindemitglieder disse, die zu seinen Stammbetern gehören.

Synagoge Dabei geht mein Facebook-Freund gar nicht in die Synagoge, ich treffe ihn da jedenfalls nie – was natürlich auch an mir liegen kann. Aber so unter uns, Dimitrij, ich weiß genau, dass du unsere Zeitung liest. Kannst du nicht ein einziges Mal irgendetwas positiv sehen?

Ich hingegen freue mich jetzt schon auf Hoch Chana, es wird bestimmt ein echter Lichtblick. Gerade für uns Berliner: Sobald in Sachen Corona die Sieben-Tage-Inzidenz 200 beträgt, gilt ein Bewegungsradius von 15 Kilometern rund um die Stadt. Richtung Südwesten sind dann noch Reisen nach Potsdam erlaubt, im Norden dürfen wir immerhin bis Wandlitz.

Ich habe mir jetzt schon vorgenommen, mit dem Fahrrad zum Liepnitzsee aufzubrechen und am Ufer das Hoch Chana mit dem Sonnengruß willkommen zu heißen. Und vielleicht macht ja sogar Dimitrij mal sein Fenster auf, um ein kleines bisschen Sonne reinzulassen?

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