Finale

Der Rest der Welt

Frau Dr. Kindergarten, bitte! Foto: Getty Images / istock

Bevor die Kinder in den religiösen Kindergarten gingen, wusste ich bereits: Jetzt brauchen wir bald viele Rollen Tesafilm. In religiösen Kindergärten erhalten die Mädchen und Jungen nämlich viele Diplome.

Der Anlass kann ziemlich niederschwellig sein. Zum Beispiel, wenn sie einmal alle hebräischen Buchstaben schön ausgemalt oder das erste Kindergartenjahr bestanden haben.

Osteuropa Die Diplome selbst sehen aus wie alte akademische Urkunden, mit geschwungenem Schriftzug über einer ausgebreiteten Pergamentrolle. Ähnlich sehen wohl gekaufte Doktortitel aus Osteuropa aus.

Unsere drei Kinder haben jeweils drei Jahre diesen streng religiösen Kindergarten besucht. In der Küche hingen also neun Graduierten-Diplome. Für jedes überstandene Kindergartenjahr eines.

Wenn ich ehrlich bin, sind mir diese vielen Diplome ein Gräuel.

Irgendwann gab es in der Küche keinen Platz mehr für weitere Diplome. Ich hing die feierlichen Urkunden für erfolgreiches Beenden des Lesehefts darum in der Toilette auf. Und selbst dort wurde es langsam eng. Ich ärgerte mich, wenn die sehr jungen Kindergärtnerinnen mitten im Kindergartenjahr heirateten. Das kam ziemlich häufig vor.

Urkunden Zum Abschied händigten die Glücklichen den Kindern laminierte Urkunden aus. Darin stand, dass das Fräulein große Freude mit unserer frechen Tochter hatte. Und dass Gott, der Barmherzige, unser fünfjähriges Mädchen weiterhin beschützen und sie in naher Zukunft ebenfalls in den Hafen der Ehe führen soll – Amen. Und zur Sicherheit nochmals Amen.

Wenn ich ehrlich bin, aber das bin ich selten, sind mir diese vielen Diplome ein Gräuel. Ich finde, an den Wänden soll nur hängen, was auch wirklich speziell ist. Dazu zählen leider auch die Teilnahme-Medaillen vom Sohnemann, der zwar sein Bestes beim Rennen gegeben hat, aber eben nur 21ster oder 24ster wurde.

Batmizwa Vergangene Woche erhielt die große Tochter einen Brief. Die jüdische Gemeinde schickte ihr ein zerknittertes Diplom. Darin stand, dass sie den Batmizwa-Kurs erfolgreich bestanden hatte. Der Kurs ging ein halbes Jahr.

Einmal musste sie Challa backen, ein anderes Mal besuchte sie einen Rabbi, der ihr abenteuerliche Geschichten über junge Mädchen erzählte, die vom richtigen Weg abgekommen waren.

Ich habe keine Ahnung, wie man diesen Kurs nicht bestehen kann. Vielleicht, indem sie die Challa im Ofen extra vergessen oder den Rabbi am weißen Bart gezogen hätte. Ausnahmsweise waren wir mal gleicher Meinung und warfen das Diplom ins Altpapier.

Sie tippte mir auf die Schulter und meinte: »Papi, kannst auch gleich alle anderen Diplome wegwerfen.« »Auch das hier, das du für dein erstes Mal Schuhbinden bekommen hast?« Sie nickte tapfer. Ich war sehr beeindruckt. Am liebsten hätte ich ihr dafür eine Urkunde ausgestellt.

Hollywood

Zwei große Favoriten für die Oscars - und jede Menge Außenseiter

Zwei Filme, die originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das Oscar-Rennen an - und das mit einer neuen Rekordzahl von Nominierungen. Doch in der Nacht zum Montag könnte es auch Überraschungen geben

von Marius Nobach  12.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026

Aufgegabelt

Kräuter-Hühnersuppe mit Hawaij

Rezepte und Leckeres

von Katrin Richter  12.03.2026

Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Eine Überdosis an Chatgruppen oder Was das Jüdische daran ist

von Nicole Dreyfus  12.03.2026

Tischtennis

Wer waren Marty Reisman und Alojzy Ehrlich?

Der Oscar-nominierte Film »Marty Supreme« knüpft an wahre Biografien an

von Martin Krauss  12.03.2026

Hollywood

Curtis zu Chalamets Opernspruch: Vermächtnis beschädigt

Oper und Ballett interessierten niemanden mehr: Mit solchen Äußerungen sorgt der Oscar-nominierte Timothée Chalamet weiter für Wirbel. Nun meldete sich auch Oscarpreisträgerin Jamie Lee Curtis zu Wort

 12.03.2026

Kolumne

Die Schließung des HIAS Wien ist das Ende einer Ära

Aus für einen Leuchtturm: Die Hebrew Immigrant Aid Society war die erste Anlaufstelle für sowjetische Juden, die in den Westen oder nach Israel auswandern wollten

von Eugen El  12.03.2026

Kinderfilm

Mit dem Aufzug ins Jahr 1938

»Das geheime Stockwerk« zeigt die Zeitreise eines Jungen als Detektivgeschichte. Ein gelungener und mehrfach ausgezeichneter Kinderfilm

von Gabriele Hermani  12.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026