Glosse

Der Rest der Welt

Wenn ich schlafe, zittern die Wände, so laut schnarche ich. Foto: Getty Images

Bald ist »Sijum Haschass«, Abschluss eines über siebenjährigen Lernzyklus. Jeden Tag eine Doppelseite Talmud lernen. Der Talmud besteht aus über 63 Teilbüchern und insgesamt 5422 Seiten. In Amerika und Israel wird in den ersten Januartagen 2020 der »Sijum Haschass« gefeiert. In New Jersey wurde das MetLife-Stadion für den Anlass reserviert. Es hat mehr als 100.000 Plätze, die günstigsten kosten 25, die teuersten 1800 Dollar.

Ich habe auch einmal jeden Tag eine Seite des Talmuds gelernt. Ich war damals 20 und hatte keine Freundin. In der Lerngruppe saßen knapp zwei Dutzend Männer, Durchschnittsalter etwa 50. Ein Rabbiner ratterte den Text runter, und wir hörten ihm zu. Viel habe ich nicht verstanden. Auch die anderen nicht. Einer hat stets geschlafen, ein anderer nickte in der Mitte des Vortrags ein.

schnarchen Ich bewunderte die beiden Männer. Wenn ich schlafe, zittern die Wände, so laut schnarche ich. Die beiden Gelehrten hingegen schlummerten sanft wie kleine Babys. Man musste sie auch nicht wecken, wenn der Lernvortrag endete. Eine magische Hand strich über ihre Glatzen, und sie schlugen erstaunt die Äuglein auf.

Auch die anderen Teilnehmer kämpften gegen den Schlaf an. Manchmal gähnte ich zum Spaß und beobachtete, wie das Gähnen, ähnlich einer La-Ola-Welle im Stadion, die anderen Teilnehmer ansteckte. Ein älterer Mann guckte eine Dreiviertelstunde lang immer auf die gleiche Stelle des Talmuds und dachte wahrscheinlich an eine Frau oder an das Geschäft.

Der Rabbi hat sich während seines Vortrags immer nur drei Teilnehmern zugewandt. Das waren die drei, die ihm einigermaßen folgen konnten.
Ich habe natürlich keine sieben Jahre durchgehalten. Nach zwei, drei Wochen hatte ich keine Lust mehr zu kommen. Die beiden Schläfer hielten besser durch. Nur noch ein paar Wochen, und dann dürfen sie Anfang Januar auch den »Sijum Haschass« feiern.

monsterspinnen In jüdisch-orthodoxen Zeitschriften werden die Männer Helden genannt, die über sieben Jahre lang jeden Tag eine Seite des Talmuds gelernt haben. Ich finde den Begriff in diesem Zusammenhang etwas unpassend. Was ist ein Held? Jemand, der zum Beispiel gegen giftige, zehn Meter große Monsterspinnen kämpft.

Aber Männer, die abends vor dem Abwaschen wegrennen und sich in der Synagoge ein Nickerchen gönnen? Solche Männer sind mehr als Helden – sie sind meine Vorbilder! So ein Mann wäre ich gerne geworden. Ich muss am Abend der Frau beim Haushalt helfen und die nervigen Kinder ins Bett bringen. Vielleicht gehe ich wieder zum Lernen.

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