Glosse

Der Rest der Welt

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Foto: Getty Images / istock

Ich war über Pessach erst ein Mal in einem Hotel. Und zwar an den beiden letzten Tagen des Festes. Das Hotel befand sich in den Schweizer Bergen, ich weiß aber nicht mehr, wo genau. Im Hotel gab es ein kleines Fitnessstudio und viele Rabbiner. Die hielten die ganze Zeit Vorträge. Auch während der Mahlzeiten. Da das Hotel sehr religiös geführt wurde, fehlten in den Hotelzimmern auch die Fernsehapparate.

Fitnessstudio Die einzige Ablenkung, die es gab, war das Fitnessstudio. Allerdings ist der Begriff »Studio« etwas irreführend. Es gab zwei Standfahrräder und ein paar Gewichte zum Stemmen.

An den beiden Tagen regnete es unaufhörlich. Mein Zimmer lag direkt über der Hotelküche. Wenn ich das Fenster einen Spalt öffnete, drang Fettgeruch ins Zimmer. Außerdem befand sich mein Zimmerchen direkt an der einzigen Dorfstraße, die auch vom Kraftverkehr in Anspruch genommen wurde.

Ich war damals 20 Jahre alt und etwas orientierungslos im Leben. Ich kam aus der Jeschiwa. Kein Schulabschluss, kein Mädchen, kein Job, kein Lebensplan. Ich beherrschte Deutsch … und Jiddisch. Das war’s.

Prospekt Der Aufenthalt in diesem Koscherhotel gab mir den Rest. Ich zählte die Stunden, bis Pessach endlich vorbei war. In der Hotellobby entdeckte ich einen alten Prospekt über das Feriendorf, dessen Name ich nicht mehr weiß. Ich weiß nur noch, dass ich den Prospekt etwa dreimal durchlas, so langweilig war mir.

Ich kam aus der Jeschiwa. Kein Schulabschluss, kein Mädchen, kein Job, kein Lebensplan.

Dann sah ich eine junge Frau. Etwa 18 Jahre alt. Tochter eines reichen Amerikaners, der mit seiner Familie eine Etage des Hotels in Beschlag nahm.

Spannend an der Familie war, dass alle dick waren. Der Vater, die Mutter, die Söhne, die Töchter. Es sah schlimm aus, wenn sie aßen und quatschten. Beides taten sie zur gleichen Zeit. Nur nicht die eine Tochter. Die war nämlich schlank wie ein Reh. Braune Augen, schwarze Haare, die Haut aus Elfenbein.

Schönheit Und: Sie schien sich ebenso sehr zu langweilen wie ich. Wir saßen beide in der Hotellobby. Im großen Saal nebenan redete schon wieder ein Rabbiner. Ich guckte die wunderbare Schönheit an. Die junge Frau, chassidisch, saß hinter einem Gummibaum.

Sie bemerkte meinen Blick und nestelte mit ihren Fingern am Tehilim-Buch. Dann strich sie ihren Rock gerade und eine Locke aus dem Gesicht. Es folgte ein Augenaufschlag und der eindringlichste Blick, den ich je erfahren habe.

Da ging die Türe auf, der langweilige Vortrag war anscheinend zu Ende. Der dicke Papa machte der Tochter ein Zeichen: Die nächste Mahlzeit steht schon an. Nu? Aber endlich hatte ich wieder ein Ziel vor Augen: Englisch lernen, aber richtig. Ein paar Jahre später heiratete ich dann auch – eine Deutsche.

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026