Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich freitags immer tiefenentspannt bin

von Margalit Edelstein  12.04.2019 15:24 Uhr

Die Kids werden heute von der Schule abgeholt, in den Park gebracht und dort bis fünf Uhr nachmittags von ihren lieben Madrichim betreut. Foto: Getty Images / istock

Warum ich freitags immer tiefenentspannt bin

von Margalit Edelstein  12.04.2019 15:24 Uhr

Es ist Freitagnachmittag, und ich habe die Ruhe weg. Im Schaufenster betrachte ich verliebt meine wundervoll-luftige neue Lockenfrisur. In meinen frisch manikürten Nägeln spiegelt sich die Nachmittagssonne, und ich bin auf dem Weg zu meiner Paleo-Tiefsee-Massage mit frisch gemahlenen Haifischzähnen, Algenbutter und Plankton. Hach!

Dumm nur, dass mir dauernd die anderen blöden Mütter vom Pausenhof über den Weg laufen. Aber wir alle haben heute Nachmittag frei. Und nicht nur heute Nachmittag, sondern komplett durch bis Mitte Mai, Baby!

Lag BaOmer Jawoll! Die Kids werden heute von der Schule abgeholt, in den Park gebracht und dort bis fünf Uhr nachmittags von ihren lieben Madrichim betreut, die ihre Rasselbande innerhalb von wenigen Wochen fit machen für deren großen Auftritt beim Lag-BaOmer-Sportfest.

Frei bis Mitte Mai, Baby!

Jedes Jahr treffen dann sämtliche Jugendgruppen des Landes im riesigen Maccabi-Stadion aufeinander: von den knallharten Jungs von der Noar HaTzioni, den Überflieger-Sportlern der Shomer HaTzair, bis runter zu unserer Bnei-Akiva-Losertruppe.

Chaoten Na ja, macht nichts, dass sich unsere kleinen moppeligen Chaoten jedes Jahr einen ehrenwerten letzten Platz sichern. Zumindest spielen sie fair. Was man von den anderen nicht behaupten kann. Darum geh ich freitags auch nicht mehr in den Park, um beim Trainieren zuzuschauen. Ich muss nicht wirklich mit ansehen, wie unsere Kids von den Steinzeitmenschen der Noar in den Boden gestampft werden wie Zeltheringe. Auch das aggressive Kampfgebrüll der Shomer-Jungs muss ich mir nicht antun. Das machen meine Nerven auf die Dauer einfach nicht mehr mit.

Alles ist erlaubt. Kratzen, beißen, diskrete Schienbeintritte.

Stillschweigendes Abkommen auf dem Sportplatz: Alles ist erlaubt. Kratzen, beißen, diskrete Schienbeintritte. Und so kommen die Kids dann am späten Freitagnachmittag auf allen vieren nach Hause gekrochen, dreckverkrustet, mit blauen Flecken übersät, aber glücklich. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht’s am Sonntagnachmittag weiter. Und ich kann eigentlich nichts weiter tun, als die Truppe mit selbst gebackenen Muffins zu versorgen, Wasserflaschen-Nachschub zum Sportplatz zu karren, die Waschmaschine zu Hause stetig am Laufen zu halten und den Kleinen nebenbei einige besonders fiese verborgene Kneif-Tricks beizubringen, die garantiert kein Madrich mitbekommt.

Waldcafé Bei der eigentlichen Veranstaltung einige Wochen später muss ich dann nur noch auf dem Sportplatz auftauchen, den mehr oder weniger grandiosen Einmarsch meiner Sportler bejubeln, filmen und posten, und dann können wir Eltern still und leise in das entzückende kleine Waldcafé nebenan verschwinden und uns dort auf der Terrasse sonnen, während 100 Meter weiter auf dem Sportplatz die Schlacht um Ruhm oder Schmach geschlagen wird.

Na ja, meistens ist es eine Schlacht um Schmach oder abgrundtiefe Blamage, und sie endet meistens mit – öhm – abgrundtiefer Blamage. Sodass es nach Ende des Sportfests gilt, das kleine versprengte desillusionierte Trüppchen aufzusammeln, Pflaster, Verbände und kalte Kompressen aufzulegen und die glorreichen Filme auf Facebook zu bewundern. Und dann ist wieder Ruhe bis zum nächsten Jahr. Mein Termin auf der Beauty-Farm ist schon gebucht.

Kino

Die Welt hat kein Talent zur Anständigkeit

Dominik Graf verfilmt Erich Kästners hellsichtigen, 1931 erschienenen Roman »Fabian« als atmosphärische Momentaufnahme einer Zeit des Umbruchs

von Thomas Abeltshauser  03.08.2021

Zentralrat der Juden

»Moderner Ort jüdischen Denkens«

Der Bau der Jüdischen Akademie in Frankfurt am Main beginnt im Spätsommer

 03.08.2021

Glosse

Jerusalem, das Ferkel und die alten Israeliten

Was der neueste Fund in der Davidsstadt mit dem Uckermärker Wildschwein zu tun hat

von Ayala Goldmann  03.08.2021

Autobiografie

»Papa war der wichtigste Mensch«

In seinem Bestseller »Freiheit in mir« schreibt Gil Ofarim über seinen berühmten Vater und die eigene Entwicklung

von Katrin Diehl  03.08.2021

TV-Tipp

Schuld ohne Sühne

»Der Fall Collini« nach Ferdinand von Schirachs erzählt von einem düsteren Kapitel deutscher Justizgeschichte

von Cordula Dieckmann  02.08.2021

Ludwig Marcuse

Zeit für eine Wiederentdeckung

Heute vor 50 Jahren starb der deutsch-jüdische Philosoph und Schriftsteller

 02.08.2021

Filmfestival Berlin & Brandenburg

»Shiva Baby« zur Premiere

Im vergangenen Jahr wurden wegen der Corona-Pandemie viele Filme im Internet gezeigt. Dies wollen die Veranstalter auch in diesem Jahr nutzen

von Klaus Peters  02.08.2021

»My Unorthodox Life«

Show statt Reality

Auf Netflix langweilt Julia Haart mit der Inszenierung ihres Familienlebens – der Weg zum Ausstieg aus dem charedischen Judentum bleibt unklar

von Ayala Goldmann  30.07.2021

Bayreuth

»Mein Großvater liebte Wagner«

Daniel Draganov spielt Violine im Orchester der Festspiele – er ist der Enkel von Schoa-Überlebenden

von Maria Ossowski  30.07.2021