Finale

Der Rest der Welt

Unser Autor versprach Gott unter Tränen, die vielen VHS-Kassetten unter seinem Bett nicht wegzuwerfen. Foto: Getty Images

Finale

Der Rest der Welt

Die VHS-Kassette und die unruhigen Nächte meines Vaters

von Beni Frenkel  20.09.2018 19:23 Uhr

Jom Kippur ist seit etwas mehr als einer Woche vorbei, aber es gibt etwas, was mich jedes Jahr daran erinnert. Als ich noch jünger war, habe ich an Jom Kippur immer an zwei Stellen des Gebetbuches geweint. Und zwar geht es um das Sündenbekenntnis am Ende des Morgengebets. Da steht: »Die Sünde, die wir vor Dir begangen haben durch Unzucht.« Und ein paar Zeilen weiter: »Die Sünde, die wir vor Dir begangen haben durch Verabredung zur Unzucht.«

Mir wurde immer angst und bange: »Mich schreibt der Ewige sicher nicht in das Buch des Lebens ein!« Denn ich habe immer Schulmädchenreport auf Sat1, Tutti Frutti auf RTL plus und Black Emanuelle auf ProSieben geguckt. Der einzige Sender, der mich nicht in Versuchung führte, war das Schweizer Fernsehen. Da lief zu fortgeschrittener Stunde nur das Testbild.

mitternacht Das Problem früher war, dass die oben genannten Sendungen erst nach Mitternacht auf dem Bildschirm flackerten. So lange konnte ich nicht wach bleiben. Ich glaube, es ist der Talmud, der irgendwo feststellt: Nichts ist stärker als der Schlaf. Auch nicht die Begierde.

Was tat ich also? Ich verabredete mich zur Unzucht. Ich programmierte auf unserem alten Videorekorder den neunstelligen ShowView-Code von Tutti Frutti. Und das ging so: Mitten in der Nacht erzeugte der Videorekorder laute Geräusche, die in etwa vergleichbar waren mit dem späteren 56k-Modem-Klang. Zu technisch? Also, der Videorekorder machte um Mitternacht dieses Geräusch: Tschibuchschutschi-ojnk-zisch! Das war so laut, dass mein Vater immer verwirrt aufwachte und auf die Toilette ging.

videorekorder Ich hatte aber folgendes Problem: Die Kassette, die ich um acht Uhr morgens aus dem Videorekorder zog, war koscher. Kein Tutti Frutti, dafür viel Morgenshow, Wetterprogramm, Frühgymnastik. Der dumme Videorekorder nahm alle Sendungen ab Mitternacht auf und überspielte die Sexszenen mit alten Alf-Sendungen, die um vier Uhr morgens liefen. Damit war natürlich niemandem gedient. Mein verwirrter Vater klagte am Sonntagmorgen über eine unruhige Nacht, und ich guckte hopsenden Mittvierzigern zu.

Die Lösung kam mit der EMTEC VHS 300 EQ Videokassette. Die konnte fünf Stunden aufnehmen, bevor sie die alten Daten wieder überspielte. Mein Glück kannte keine Grenzen. Die Kassetten waren zwar ziemlich teuer, dafür konnte ich mich endlich fortbilden.

An Jom Kippur aber meldete sich dann prompt das schlechte Gewissen: »Die Sünde, die wir vor Dir begangen haben durch Unzucht.« Ich versprach Gott unter Tränen, die vielen VHS-Kassetten unter meinem Bett nicht wegzuwerfen, aber wenigstens mit züchtigen Morgengymnastik-Sendungen zu überspielen.

Glosse

Der Rest der Welt

Wöchentliche Papierflut oder Die kleinen verkannten Kunstwerke

von Nicole Dreyfus  27.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  27.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  27.09.2026

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

"Es ist kein Einzelfall, dass jungen Frauen die Kette mit dem Davidstern vom Hals gerissen wird": Ute Cohen

Literatur

Kein Licht im Club der Versehrten

Ute Cohen zeigt in ihrem neuen Roman »Willents Brut« wie die deutschen Dämonen in einer Nachkriegsfamilie zerstörerisch nachwirken

von Stefan Meetschen  25.09.2026

Berlin

Vor 70 Jahren lief »Das Tagebuch der Anne Frank« auf deutschen Bühnen

Ihr Tagebuch gehört zur Weltliteratur. Das gleichnamige Theaterstück polarisierte dagegen

von Nikolas Ender  25.09.2026

Yotam Ottolenghi

Auch einfach lecker

Der israelisch-britische Koch hat sein neues Buch »Simple Too« in Berlin vorgestellt

von Katrin Richter  25.09.2026

Frankfurt

Jüdische Gemeinde Frankfurt erhöht Druck auf Hessischen Rundfunk

Im Streit um das in der NS-Zeit enteignete Grundstück der örtlichen B’nai-B’rith-Loge stehen nun auch personelle Konsequenzen im Raum

 25.09.2026

UEFA Nations League

Wirbel um Eckfahnen-Jubel nach Gelb-Rot für Israels Stürmer

Der israelische Stürmer Sayed Abu Farkhi schnappte sich beim Torjubel im Spiel gegen Österreich die Eckfahne - und wurde daraufhin vom Platz gestellt

 25.09.2026