Finale

Der Rest der Welt

»Was macht wohl Alain heute? Tramfahrer?« Foto: Thinkstock

Früher, als ich noch jung war, habe ich den zionistischen Jugendbund Hagoschrim besucht. Dazu musste ich am Schabbat zuerst mit dem Bus zum Bahnhof Baden fahren, von dort mit dem Zug nach Zürich. Und schließlich mit der Tram zum jüdischen Gemeindezentrum. Das habe ich sechs Jahre lang so gemacht.

Im Hagoschrim haben wir viele Lieder gesungen: »Jeruschalajim schel sahaw«, »Adon Olam«, »Kol Haolam kulo«. Dann haben wir uns verprügelt. Um sechs Uhr ist ein Madrich in den Lebensmittelladen gegangen und hat uns M&M’s gekauft. Um halb sieben haben wir nochmals gesungen. Und dann bin ich wieder nach Hause gefahren.

Gurgel An die Namen der anderen Jugendlichen kann ich mich kaum erinnern. Ich weiß nur, dass ich stärker war als David, aber schwächer als Ilan. Von Ilan habe ich den Todesstoß gelernt. Angeblich kann man seinen Gegner töten, wenn man mit der Faust direkt in seine Gurgel schlägt.

Ich konzentriere mich jetzt. Wie hieß der Kerl noch gleich? Efraim, Elasar, Elieser, Eli? Nein, Alain hieß der Junge. Alain konnte alle Tramstationen auswendig runter rattern. Ich musste nur »Linie 4« als Stichwort sagen, schon brüllte er laut alle Stationen. Manchmal wollte uns der Madrich etwas über Israel beibringen. Dann zwickten wir Alain etwas, und schon
schrie er sämtliche Stationen auf. Von der Linie 1 bis zur Linie 15. Das dauerte gut und gerne zehn Minuten.

Niemand konnte Alain unterbrechen. Wenn wir uns sehr daneben benahmen, kam der Schaliach, der Hagoschrim-Leiter. Ein bärtiger Israeli, mindestens zwei Meter hoch. Der Schaliach schrie uns an, ebenfalls zehn Minuten lang. Ich habe nichts verstanden, denn er schrie auf Iwrit. Ich zwickte Alain, und Alain brüllte: Rehalp, Friedhof Enzenbühl, Balgrist, Burgwies ...

Madrich Unsere Kwuza, also unsere Gruppe, hieß Narkisim. Das bedeutet: Narzissen. Der Name passte wenig zu uns. Auf jeden Fall stand unsere Gruppe immer wieder vor der Auflösung. Der Madrich rief am Sonntag unsere Eltern an und bat sie inständig, uns richtig zu erziehen. Wenn wir uns nicht benehmen, werde er als Madrich aufhören.

Eine Zeit lang fusionierten wir dann mit Kwuza unter uns. Diese Kwuza hieß Chamanit, Sonnenblume. Das war eine schöne Zeit. Mit Hilfe von David und Ilan verprügelten wir die halbe Kwuza Sonnenblume.

Im Nachhinein schäme ich mich für mein Verhalten damals. Was macht wohl Alain heute? Tramfahrer? Was machen wohl David und Ilan? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass unsere Kwuza Narkisim nie aufgelöst wurde. Daran denke ich manchmal, wenn Israel schlimme Zeiten durchstehen muss.

Kino

Spielbergs »Disclosure Day« feiert Kinostart

Als Inspiration für dieses Projekt nennt der jüdische Regisseur einen »New York Times«-Artikel über geheime UFO-Programme des Pentagon

 08.06.2026

Berliner Revue

»Berlin, Du coole Sau!«: Sharon Brauner auf Tour

Es handelt sich um eine der aufwändigsten Bühnenproduktionen ihrer Karriere. Im Herbst beginnt die Deutschlandtournee

 08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Berlin

Ein Engelskuss

Der Künstler Charles Abecassis präsentiert seine Arbeiten in einer Verkaufsausstellung, deren Reinerlös an das Projekt »The Way Shalom« geht

 07.06.2026

»documenta«

Kulturrat: Antisemitismus letztlich nicht zu verhindern

Olaf Zimmermann will mit einem »Code of Conduct« Antisemitismus, Rassismus »und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiventgegentreten«

von Susanne Rochholz  07.06.2026 Aktualisiert

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 07.06.2026

Berlin

»Tänzerinnen Brunnen« gehört nun zu US-Privatsammlung

Das Kunstwerk wurde als Highlight der Sommerauktion bei Auktionshaus Grisebach versteigert – für vier Millionen Euro

 07.06.2026

Zeitgeschichte

Wie ein grausames Märchen

In ihrem aktuellen Buch schreibt die Historikerin Irina Scherbakowa über die verlorene Freiheit in Russland. Nun ist »Der Schlüssel würde noch passen« für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert

von Ralf Balke  07.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Zeitraffer und Geschichte oder Warum alte Fotos mehr erzählen

von Nicole Dreyfus  07.06.2026