Finale

Der Rest der Welt

Ich kenne nicht viele Menschen, die montagmorgens im Büro tiefes Glück empfinden. Allerdings bin ich überzeugt davon, dass es mehr solcher Leute gibt, als man annimmt – sie trauen sich nur nicht, es zuzugeben. Deshalb möchte ich mich stellvertretend für alle jüdischen Montagmorgenfans outen: Nichts bereitet mir größere Genugtuung als ein Wochenbeginn am Schreibtisch – nach zwei durchgrübelten Tagen voller Probleme, die ich nicht lösen kann.

Auch an diesem Wochenende wurde ich von Grübelattacken heimgesucht: Schafft es das große und freiheitsliebende Volk der Amerikaner, Donald Trump aus dem Amt zu jagen? Wird Europa noch demokratisch sein, wenn mein siebenjähriger Sohn erwachsen ist? Richten Diktatoren soziale Medien gezielt gegen ihre Untertanen? Wenn ja, war es eine fatale Entscheidung, ein iPhone zu kaufen, WhatsApp und Facebook zu installieren? Kann das Telefon zum Feind in meiner Handtasche mutieren? Sollte ich die Kamera zukleben und die Apple-ID wieder löschen? Und wie schaffen es meine praktizierenden jüdischen Mitbürger, sich im kalten Februar für Tu Bischwat zu erwärmen, während bei mir nur die Paranoia blüht?

Whatsapp Mitten in der Grübelschleife kam eine SMS von meinem Sohn, der gerade mit meinem Mann unterwegs war: »Warum schreiben wir nicht über WhatsApp?« Kurz darauf simste er: »Ach, vergiss es. Papa kann gerade sowieso nichts runterladen.« Spontan beschloss ich, WhatsApp wieder zu löschen. Jetzt ist der Sohn wütend auf mich. Und ich grübele, ob ich Threema aus dem Land der nachrichtenlosen Konten installieren soll – oder das Telefon lieber an einen kameraaffinen Kollegen verkaufe.

Doch an diesem Montagmorgen kam mir die Erleuchtung, als ich die Facebook-Gruppe »Frag den Rabbiner« aufsuchte. Dort diskutiert man Fragen wie »Ist ein Schofar aus dem Horn einer Antilope koscher?« oder: »Darf man am Schabbat eine Laus töten, die man auf dem Kopf eines Kindes gefunden hat?«

Schon oft habe ich mich gefragt, warum sich Menschen in Debatten über ein Ei stürzen, das ein Huhn am Schabbat gelegt hat. Nun ist mir klar: Grübeln kann man nicht abstellen – man muss es stattdessen halachisch kanalisieren!

iPhone Also denke ich nicht mehr an das iPhone, sondern an Krabbeltiere, und zwar unter besonderen Umständen: Angenommen, mein nichtjüdischer Mann würde am Schabbat eine Laus im Haar meines Sohnes entdecken – dürfte er sie zerquetschen? Ich glaube, ja.

In diesem Sinne begrüße ich die Initiative von Rabbi Israel Rosen in Jerusalem, der das Öffnen von Restaurants am Schabbat kaschern will: Das Oberrabbinat soll offizielle Arbeitszertifikate für Schabbesgojim als Kellner und Köche ausstellen, meint Rosen. Daran sieht man: Probleme sind lösbar – man muss sich nur die richtigen suchen. Und falls dieses Rezept scheitert, bleibt mir ein steter Trost: der nächste Montagmorgen!

Sehen!

»In the Hand of Dante«

Die Handlung springt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Trotzdem ist der Film mit Gal Gadot und Oscar Isaac ein gelungenes Werk

von Katrin Richter  10.07.2026

Musik

Der Mann, der die 13 fürchtete

Zum 75. Todestag des Komponisten Arnold Schönberg

von Axel Brüggemann  10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026

Los Angeles

Chalamet und Villeneuve stellen »Dune: Teil 3«-Trailer vor

Der dritte Teil der Science-Fiction-Reihe kommt kurz nach Chanukka in die Kinos. Mit dem Regisseur stimmt der jüdische Hauptdarsteller jetzt mit einem düsteren Trailer auf das Werk ein

 09.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Berlin

Bücher als portatives Vaterland

»Altneuland« ist der erste säkulare hebräische Verlag in der Diaspora seit 1948. Ein Besuch in Neukölln

von Ayala Goldmann  09.07.2026

Zahl der Woche

1. Maccabiah-Goldmedaille

Fun Facts und Wissenswertes

 08.07.2026