Finale

Der Rest der Welt

Als ich diese Woche verkündete, vor Semesterbeginn noch einmal nach Israel zu fliegen, war mein Opa sehr erfreut. Natürlich auch, weil er hofft, dass seine Enkelin vor dem deutschen Winter noch etwas israelische Sonne würde tanken können, aber vor allem wegen der »Luftgeschäfte«. Wie bestimmt viele über den Globus verteilte jüdische Familien mischt auch meine fleißig in der internationalen »Luft«-Börse mit.

Ob deutsche Schnellkochtöpfe oder eine bestimmte Seifensorte – ich habe schon etliche Dinge ins Heilige Land transportiert und bin quer durch Tel Aviv gefahren, um meinen Opa glücklich zu machen. Am Flughafen bete ich jedes Mal, dass sich niemand den Inhalt meines Koffers genauer ansehen wird. Wie soll ich den Typen von der Security auch erklären, dass es sich bei dem weißen Pulver bloß um ein spezielles deutsches Waschmittel für meine Großcousine in Haifa handelt und nicht etwa um Sprengstoff?

globalisierung Meine Versuche, neue Aufträge abzuwehren, indem ich erkläre, dass dank Globalisierung und technischen Fortschritts (siehe Ebay und Amazon) derartige Luftgeschäfte nicht mehr notwendig sind, waren bisher leider vergebens.

Bei meiner letzten Israelreise begriff ich endlich, warum: Die Freundin meines Großvaters liebäugelte mit einem ganz speziellen Make-up sowie einer großen Flasche 4711. Da mein Koffer bereits zur Hälfte mit Schokolade und Gummibärchen gefüllt war (leider ist sogar meine Generation den Luftgeschäften verfallen), sah ich auf der Website von »Super-Pharm« nach und fand beide Produkte im Sortiment.

Stolz erzählte ich Opa, dass die Sachen auch in Israel zu kriegen sind. Woraufhin er nicht etwa entgegnete: »Yoffi, dann kann Etta sie selbst holen«, sondern: »Nu, dann kauf sie halt dort.« Es geht gar nicht um Parfum, Seife oder sonst was, sondern darum, dass mir Opas Freundin gerne von diesem hübschen Amerikaner erzählen möchte, mit dem sie mich verkuppeln will. Und auch meine Großcousine in Haifa möchte einfach ganz sicher gehen, dass ich sie besuche, um bei der Gelegenheit den neuesten Klatsch über die deutsche Mischpoche zu erfahren. Die Luftgeschäfte – übrigens Jiddisch für nebulöse Transaktionen – machen ihrem Namen also alle Ehre.

zeitung Zumindest ein Auftrag wird diesmal wegfallen. Jahrelang hatte jeder von uns aus Israel eine Zeitung für meinen Opa in der Diaspora im Gepäck – fast schon eine Art Familientradition. »Soll ich wieder eine mitbringen?«, fragte ich beim letzten Mal vom Duty-Free-Shop im Ben-Gurion-Flughafen durchs Telefon. »Diesmal nicht«, antwortete er. »Daniela wurde an den Augen operiert.«

Wer, bitte, ist Daniela? Und was hat ihre Augen-OP mit der Yedioth Ahronoth von heute zu tun? »Ehm, wie bitte?«, hakte ich verdutzt nach. »Nu, bis ihre Augen wieder gut sind, werden die Nachrichten alt sein!« »Moment mal, die ist gar nicht für dich?« »Für mich?« Opa lachte. »Die lese ich doch schon seit Jahren nur noch online!«

Zahl der Woche

68 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 13.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Virale Selbstverliebtheit oder Wie das gute alte Kochbuch verdrängt wurde

von Nicole Dreyfus  13.10.2026

Interview

»Ich bin keine Maschine«

Der Pianist Igor Levit über sein neu gegründetes Musiklabel, einen 16-Stunden-Auftritt und jüdische Witze

von Christine Schmitt  13.10.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Leider erst nächtens zeigt das ZDF ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

Medien

Israel verweigert »taz«-Korrespondentin Arbeitsvisum

Diaspora-Ministerium: »Antiisraelische Akteure und diejenigen, die Israel verleumden, sollten keinen Fuß in das Land setzen«

 13.10.2026

Erinnerungen einer deutschen Jüdin

Rabbinertochter und Gynäkologin

Rahel Straus: Eine Frauenärztin kämpfte Anfang des 20. Jahrhunderts gegen den Paragrafen 218

von Ellen Presser  13.10.2026

Noa Yedlin

Wenn das falsche Buch zum richtigen wird

»Romance« als Erfolgsrezept: Die israelische Autorin nimmt »ernste« Literatur und das Geschäft damit aufs Korn

von Nicole Dreyfus  13.10.2026