Finale

Der Rest der Welt

Neulich wollte ich mit meiner Frau kuscheln, aber sie mochte nicht. Normalerweise bin ich es nicht gewohnt, Absagen zu bekommen. In der Schule rufe ich »Unvorbereitetes Diktat!«, und die Schüler müssen murrend ihre Hefte hervorholen. Wenn meine kleine Tochter von der Milchschokolade naschen will, muss ich nur sagen: »Papi will das auch essen!« Dann beginnt das Kind zwar zu weinen. Die Schokolade schmeckt mir trotzdem.

iq-test An diesem Abend aber bekam ich meinen Willen nicht. Wütend rief ich meiner Frau zu: »Ich kann mich auch alleine beschäftigen!« und trollte mich in mein Arbeitszimmer. Dort schaltete ich den Rechner an und hoffte auf Inspiration oder wenigstens Ablenkung. Irgendwie landete ich beim Surfen dann auf www.brigitte.de. Dort konnte man verschiedene Intelligenztests machen – IQ, EQ, Yoga-IQ und noch einige andere. Ich wählte den klassischen Test für die Ermittlung meines hohen Intelligenzquotienten. Man muss nämlich wissen, dass ich aus einer Rabbinerdynastie stamme und ein brillantes Individuum bin.

Für den Plebs war der Test wahrscheinlich sehr schwierig. Ich hingegen klickte mich durch diese einfachen Fragen durch, als würde ich durch Butter schneiden. Ich weiß, das hört sich arrogant an, aber so ist es nun mal. Jüdische Intelligenz kann man nicht bremsen. In Windeseile war ich bei der letzten Frage angekommen. Danach musste ich noch meinen Geburtsjahrgang eingeben und zweimal bestätigen, dass ich kein Test-Abo der Brigitte haben wollte. Dann klickte ich auf »Auswerten«.

messfehler Der Computer brauchte sehr lange. Wahrscheinlich wegen meiner hohen Intelligenz. Schließlich meldete er das Ergebnis: IQ 106. Das musste ein Messfehler sein. Ich machte den Test noch einmal und landete bei 108. Beim dritten Versuch rutschte ich wieder runter auf 107.
Immerhin sieben Punkte über dem Durchschnitt von 100. In Prozentzahlen ausgedrückt: Ich bin intelligenter als 60 Prozent der Menschheit! Das bedeutet, um es für die Dümmeren verständlich zu machen: Ich bin intelligenter als 4,8 Milliarden Menschen! Für die ganz Blöden: Eine Milliarde ist eine Zahl mit neun Nullen!

Wahnsinn! Ich bin intelligenter als alle Deutschen, Schweizer, Chinesen, Inder und Russen zusammen! Der klügste Jude bin ich sowieso. Ich wäre sogar der klügste Muslim und Christ zusammen! Und mit so einer IQ-Bombe will meine Frau nicht kuscheln? Kein Wunder, dass die Menschheit immer dümmer wird.

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Die amerikanische Schriftstellerin Holly-Jane Rahlens schreibt über Freundschaft in der Berliner Nachkriegszeit

von Katrin Diehl  12.10.2026

Slata Roschal

Der Autor ist tot

Sie las beim Bachmannpreis und verließ den Saal – in ihrem neuen Roman rechnet sie mit dem Literaturbetrieb ab

von Frank Keil  12.10.2026

Boris Schumatsky

Geografie der Entwurzelung

Der Berliner Schriftsteller erzählt von seiner Mutter, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und vom Verlust jeglichen Halts bei Paul Celan

von Alexander Kluy  12.10.2026

Sachbuch

Treffpunkt der Egomanen

Christian Buckard erzählt die Geschichte des legendären »Romanischen Cafés« und seiner jüdischen Bohème

von Leon Stork  12.10.2026

Tomer Gardi

Auf der Spur der Fahrradkuriere

Der israelische Autor verfolgt in seinem neuen Roman Lieferketten – und widmet sich den Menschen, die per App gerufen werden

von Sophie Albers Ben Chamo  12.10.2026

Sachbuch

Jerusalem für Anfänger

Geht es um die Gegenwart, verliert sich Dietmar Pieper in Tagespolitik

von Ralf Balke  12.10.2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026