Finale

Der Rest der Welt

Manche Weisheit findet sich schon am Beginn eines guten Buches. Nehmen wir zum Beispiel die Tora. Da stehen viele komplizierte Gebote in der Mitte, Opfergesetze und die Maße des Stiftszeltes.

Das braucht Geduld und Gehirnschmalz. Aber eine wichtige und einleuchtende Lektion erfährt man gleich auf Seite fünf: Die Frauen sind an allem schuld. Wegen Eva mussten wir Männer das Paradies verlassen. Die Arbeit wurde schwer, und so schuften wir heute bis zum Geht-nicht-mehr. Abends kommen wir erschöpft nach Hause, und die Frau zischt nur: »Du hast den Abfall wieder nicht mitgenommen!«

Paradies Ist das schön? Nein, aber es steht ja auch schon auf Seite fünf. Kommen wir nun zu meiner Frau. Sie sagte mir vor einem halben Jahr: »Ich habe uns für einen Schrebergarten angemeldet!« Ich lächelte erschöpft und dachte: »Ja, red’ du nur. Wir kriegen den Platz frühestens in 20 Jahren.« Doch so schnell wie Gott Adam und Eva aus dem Paradies entließ, so schnell kam der Vertrag zu uns nach Hause geflattert.

Es stellte sich heraus, dass unsere Vorbesitzerin eine zum Islam übergetretene Schweizerin war. Sie ließ die Parzelle brachliegen und bekam irgendwann Arthrose. Und so wurden wir zu den Nachfolgern dieser unwirtlichen 100 Quadratmeter Erde. Ich sagte zu meiner Eva: »Das hast du dir selbst eingebrockt, mich wirst du hier nie wieder erblicken.« Und dann sahen wir uns wirklich immer seltener. Jeden zweiten Abend jätete sie dort Unkraut, pflanzte Gurken und Mangold an. Manchmal erzählte sie mir von Julio. Der Mann ist Spanier, besitzt auch einen Schrebergarten und hat ihr gezeigt, wie der Rasenmäher funktioniert oder wie man Erbsen hochzieht.

Gemüse Und dann ist da noch Thomas, der Deutsche, ein freundlicher Nachbar. Und Franz, der Hilfsbereite. Oder Mike, der Kerl, der gerne zupackt. Es gibt Zeiten, da ist meine Frau jeden Abend im Garten und kommt erst nach Hause, wenn es dämmert. Ihre Wangen sind gerötet, und ihre Körbe sind voll. Mit Gemüse, das mir nicht schmeckt und das sie gratis von Julio, Thomas, Franz und Mike bekommen hat.

Letzten Schabbes bestand die Freitagabend-Mahlzeit nur aus Produkten dieser Kolchose. Langsam wurde ich doch ein wenig eifersüchtig. Ich beschloss, mir dieses Männerquartett am Sonntag einmal von Nahem zu betrachten. Zur Sicherheit nahm ich einen Tischtennisschläger mit.

Bei der Ankunft großes Hallo. Julio, Thomas, Franz und Mike – alle da. Und große Erleichterung: Das Durchschnittsalter meiner Nebenbuhler liegt bei 80 Jahren. Nur Thomas scheint jünger, ich schätze ihn auf Ende 60. Ich schüttelte alle ausgestreckten Hände und zwinkerte meiner Frau zu. Frieden?

Der Mangold schmeckt übrigens gar nicht mal so schlecht. Und dass die Frauen an allem schuld wären, Mann, das habe ich nicht so gemeint.

Zahl der Woche

68 Prozent

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