Finale

Der Rest der Welt

Mehr Religion, mehr Hebräisch – jüdische Pädagogen sind sich einig: So viel Tradition wie möglich für unsere Kinder! Und das selbstverständlich nicht nur in Kita und Schule, sondern auch zu Hause – und in den Ferien. Bei meinem jüngsten Israel-Urlaub habe ich deshalb – wie alle guten Diaspora-Mütter – meinem Sohn die Kotel in Jerusalem gezeigt. Allerdings verlief der Besuch anders als erwartet, und hat mich in heftigste Selbstzweifel gestürzt.

Zunächst verhielt sich der Fünfjährige völlig altersgemäß. Am Eingang zur Altstadt, am Jaffa-Tor, verlangte er nach einem Eis, dann nach einem Sesamkringel. Als mein Mann und ich es endlich geschafft hatten, ihn zur Kotel zu lotsen, war mein Sohn enttäuscht: »Wo ist der Tempel?«

Zettel »Der Tempel ist nicht mehr da, den haben die Römer kaputt gemacht«, erklärte ich und versuchte zu trösten: »Aber die Westmauer ist noch da. Guck mal, da vorne. Du kannst dir was wünschen. Schreib es auf diesen Zettel und stecke ihn zwischen die Steine.« Ich erwartete »Neues Fahrrad« oder »Zwei Kugeln Eis«. Mein frühreifer Sohn nahm Bleistift und Zettel – und schrieb, ohne nachzudenken: »ICH WÜNSCHE MIR, DASS DER TEMPEL ZURÜCKKOMMT!«

Ich wurde bleich. Vor meinem geistigen Auge erschien ein 25-Jähriger mit extrabreiter Kippa bis zur Nasenspitze, Anhänger der »Neemanei Har Habait«, verheiratet mit einer Siedlerin aus Jitzhar. In meiner Nicht-Mehadrin-Küche würde er nie wieder essen. Mir vielleicht nie wieder die Hand geben. Ich musste meinen Sohn davon überzeugen, dass die Wiederkehr des Tempels ein frommer Wunsch bleiben sollte. »Schau mal«, sagte ich, »da, wo früher der Tempel stand, ist jetzt das große Haus mit der goldenen Kuppel. Wenn man das Haus abreißt und den Tempel wieder aufbaut, gibt es Ärger.« Der Fünfjährige sah mich verständnislos an.

Sesamkringel »Es ist schön, einen Tempel zu haben«, belehrte ich ihn, »aber heute gehen wir in die Synagoge, das ist genauso gut. Weißt du, früher im Tempel gab es nicht nur die Priester. Sondern auch Leute die nicht nett waren.« »Wer?« fragte mein Sohn. »Die Leute, die damals Eis und Sesamkringel verkauft haben. Alles viel zu teuer. Und dann kam ein Mann, der hieß ... äh ... Brian ... der hat gesagt, hier ist doch nicht Karstadt, und hat die Leute aus dem Tempel verjagt!« Aus dem Augenwinkel sah ich, wie mein Mann die Augen verdrehte. Er schien meine Version des Neuen Testaments zu missbilligen. Mein Sohn sagte: »Kann ich noch ein Eis haben?«

Das holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Kleine hatte den Zettel geschrieben, weil er dachte, dass ich, seine Mutter, es so erwarte – und jetzt wollte er seine Belohnung! »Aber nur noch eins«, sagte ich. Und war beruhigt: Anscheinend habe ich bei der Erziehung doch nicht alles falsch gemacht. Es gibt Anlass zur Hoffnung!

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  23.06.2026

Kommentar

Wer kann das noch ernst nehmen?

Immer mehr zeigt sich: Anmoderation und Exekution von Unwahrheiten und falschen Fakten vor einem Millionenpublikum sind kein ärgerlicher Ausrutscher, sondern gezielte Agitation

von Daniel Killy  23.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Hören

»Amalie’s Cosmos«

Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand stellt eine deutsch-jüdische Salonnière ins Zentrum ihres neuen Albums

von Claudia Irle-Utsch  22.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  22.06.2026

Jubiläum

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 22.06.2026 Aktualisiert