Finale

Der Rest der Welt

Von Mazzen verstehe ich mehr als andere. Wirklich. Gewöhnliche Juden kennen das ungesäuerte Brot nur als Speise. Ich hingegen ... Aber der Reihe nach.

Es war voriges Jahr, 5773. Nach dem zweiten Seder fuhr ich in weiblicher Begleitung nach Venedig. Die Koffer waren gepackt und wir schon aus der Tür, als der Frau an meiner Seite plötzlich einfiel, dass wir vergessen hatten, Mazzen mitzunehmen. Ich rannte zurück in die Küche, griff mir die nächste Packung Mazzen, quetschte sie in meine Reisetasche (in ihrem Koffer war natürlich kein Platz), dann schnell ins wartende Taxi, zum Bahnhof und in den Zug Richtung Venedig.

Dort im Hotel angekommen, öffnete ich mein Gepäck. Weiße, beige und braune Krümel rieselten aus der Tasche. Die Packung hatte den Transport nicht überstanden, ein Drittel der Mazzen war rausgerutscht und hatte sich in Hunderte von feinen Bröseln verwandelt, die sich auf Pullovern, Hemden, Socken und Unterwäsche verteilten.

Nagelbürste Was unterscheidet Mazzekrümel von allen anderen Krümeln? Offenbar besitzt das ungesäuerte Brot eine besondere physikalische Oberfläche mit ungewöhnlicher Anhaftungskraft. Jedenfalls waren die Mazzekrümel von meiner Kleidung nicht wegzubekommen. Ausschütteln half nichts, ebenso wenig ließen sich die Brösel mit einer Nagelbürste entfernen. Auch der Versuch, die Klamotten im Handwaschbecken mazzefrei zu kriegen, hatte keinen Erfolg. Im Gegenteil: Durch die Zufügung von Wasser nahmen die Krümel einen matschartigen Aggregatzustand an und drangen tief und dauerhaft in das Gewebe ein.

So lief ich denn drei Tage lang mazzekrümelbedeckt durch die Lagunenstadt. Was nicht nur ziemlich doof aussah als hätte ich extremen Schuppenbefall. Das war bloß peinlich und zudem äußerlich. Wirklich unangenehm aber waren die hartnäckigen Mazzekrümel auf der Innenseite von Hemden, Socken und Unterwäsche. So muss sich die sechste biblische Plage, die schwarzen Blattern, angefühlt haben: ein ständiges unbezähmbares Kratzen und Jucken am ganzen Körper. Seither weiß ich, warum man Mazzen auch das Brot des Elends nennt.

Und weil zum Schaden immer noch der Spott hinzukommt: Die ganze Quälerei wäre überhaupt nicht notwendig gewesen. Als ich am nächsten Morgen in den Frühstücksraum des Hotels kam, unterm Arm die Packung mit den nicht zerbröselten restlichen Mazzen, saß meine Begleiterin am Tisch und biss gerade genüsslich in ein Croissant.

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026

Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

In der Slasher-Satire »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« von Jane Schoenbrun spritzt Blut, Gillian Anderson flirtet und eine junge Regisseurin versucht, ihre eigene Lust zu verstehen

von Shireen Broszies  19.08.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis: Mirjam Zadoff hält Laudatio auf Philipp Sands

Der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält eine der angesehensten Auszeichnungen Deutschlands. Nun wurde die Laudatorin bekanntgegeben

 19.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026

Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Punk am Strand, Kunst und Politik im Laufe der Zeit - eine Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte

von Kira Taszman  18.08.2026

Filmpreis

Sophie von der Tann übernimmt Partnerschaft für »Deutschen Menschenrechts-Filmpreis«

Die umstrittene ehemalige ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann übernimmt die Patronage für die aktuelle Ausgabe des »Menschenrechts-Filmpreis«

 18.08.2026