Porträt

Der poetische Chronist

Leben seit 1964 in Israel und sprechen miteinander noch immer Rumänisch: Alexander Spiegelblatt und seine Frau Foto: Marko Martin

»Auf unseren Herzen liegen Steine«, heißt es in einem seiner Bücher, »und die Medizin kennt kein Mittel sie hinabzuwälzen. Das ist schlimmer, mein Freund, als Gallen‐ oder Nierensteine, die man austreiben kann. Selbst Vegetarier wie du können sie nicht loswerden. Es ist eine jüdische Krankheit, auch wenn die Steine nicht gerade jüdisch sind.«

Der Schriftsteller Alexander Spiegelblatt ist selbst Vegetarier. Seit er als Jugendlicher einem Schächter bei der Arbeit zugesehen hat, kann er kein Fleisch mehr anrühren. Das war in der Bukowina, in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, in einem Städtchen namens Kimpolung.

Heute lebt Spiegelblatt mit seiner gleichaltrigen Frau in Petach Tikwa, eine halbe Autostunde von Tel Aviv entfernt. »1964 sind wir mit den Kindern und unseren Eltern nach Israel gekommen. Zuvor hatten wir gemeinsam schon die harte Wartezeit im stalinistischen Rumänien durchgestanden. Und wiederum davor, nun … Als wir uns nach dem Krieg kennengelernt hatten, waren wir zwei junge Überlebende, blutjung sozusagen.«

lektor Wir essen zu Mittag. Es gibt Suppe und gekochte Eier, gefüllt mit gewürztem Eierpüree, dazu einen Anisschnaps. Danach gehen wir ins Wohnzimmer. Der Hausherr nimmt, bevor er sich setzt, einen Tschechow‐Band vom Couchsessel. Im russischen Original. »In Bukarest war ich bis 1958 Lektor für russische Literatur. Nachdem wir die Ausreise nach Israel beantragt hatten, verlor ich sofort die Anstellung. Sechs Jahre mussten wir warten, ehe die Rumänen uns schließlich gehen ließen. Hier in Israel habe ich dann bald als Sekretär in der Zeitschrift ›Di goldene kejt‹ zu arbeiten begonnen, von der man ohne falsche Bescheidenheit sagen kann, dass sie das wichtigste jiddische Kulturorgan nach der Schoa gewesen ist – finanziert vom damals sehr wohlhabenden und einflussreichen Gewerkschaftsverband Histadrut und dann aus Mangel an Lesern eingegangen im Jahre 1995.«

Das erzählt er auf Deutsch. Ähnlich seinen Figuren kann Alexander Spiegelblatt »die nachhängenden Fransen seines österreichischen Deutschs nicht loswerden«. Mit seiner aus Bukarest gebürtigen Frau spricht er Rumänisch, während ich mit ihr auf Spanisch radebreche – Frau Spiegelblatt stammt, wie Elias Canetti, aus einer Ladino sprechenden Familie, deren Vorfahren aus Spanien vertrieben worden waren. »Und mit den Kindern und Enkeln unterhalten wir uns auf Hebräisch.«

bukowina Schreiben aber tut Alexander Spiegelblatt auf Jiddisch. Einige seiner Essays und Gedichtbände wurden ins Hebräische übersetzt, der erste Teil seiner Autobiografie Durch das Okular eines Uhrmachers und ein 2011 veröffentlichter Erzählband erschienen auch auf Deutsch. Schatten klopfen ans Fenster, so der Titel, lässt die jüdische Welt der heute zur Ukraine gehörenden Bukowina noch einmal auferstehen, die im Jahre 1941 endgültig unterging, als die mit Nazideutschland ver‐ bündeten Rumänen die alteingesessenen Juden nach Transnistrien deportierten, in ein unwirtliches Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug. Über 200.000 Menschen fanden hier den Tod, erschlagen, erschossen, verhungert und verdurstet, Seuchen zum Opfer gefallen.

»Und doch hatten wir Glück«, sagt Spiegelblatt. »Das war Transnistrien, nicht Auschwitz, nicht Treblinka. Die Rumänen waren grausam, aber nicht so effizient wie die Deutschen. Jenseits des Bugs mordeten die Einsatzgruppen planmäßig, während diesseits die altbekannte Willkür herrschte, reale Todesangst, gemischt mit der winzigen Hoffnung, durch ein Bakschisch, durch ein Bestechungsgeld, unsere Verderber ruhigzustellen, für ein paar Tage. Man dachte ohnehin nur noch in diesen Zeiträumen.«

14 Jahre war er alt, als das, was er »die große Verwandlung« nennt, begann, in jenem Juni 1941, als er mit der Familie aus dem Haus getrieben und über den Dnjestr gejagt wurde, die verbliebene Habe gegen Lebensmittel eintauschend und dennoch stets dem Hungertod nah. In einer ehemaligen Kaserne in Podolsk (wo kurz darauf ein Lager‐Ghetto entstand, in dem unter anderem auch der junge Leipziger Edgar Hilsenrath eingepfercht war) ließ man die Großmutter zurück, die im schrecklichsten Wortsinn todmüde war für die Tortur weiterer Fußmärsche in Schlamm und Regen. Im transnistrischen Kopajgorod wurde der Junge dann Zeuge, wie die Tante starb – körperlich geschwächt, wund gelegen.

sowjetzeit Davon schreibt Alexander Spiegelblatt. Von raffgierigen ukrainischen Bauern, die sich an den deportierten Juden schadlos halten für eigene Leiderfahrungen während der Sowjetzeit, von Kollaborateuren, von Profiteuren und stillen Helden in der eigenen Gemeinschaft, von den abstrusen Wundern des Nicht‐Zugrundegehens. Der junge Spiegelblatt, wie er in dem winzigen Wohnzimmerchen mit seinem Vater kleine Orthodoxen‐Kreuzchen für Halsketten aus Blech hämmert, die man bei den gläubigen Ukrainern gegen ein paar Kartoffeln und Erbsen eintauscht. Dieser Junge, der sich während einer Razzia mit David, dem Nachbarsfreund, auf einem Heuboden versteckt, gerettet von einem Ukrainer, der heimlich mit der Roten Armee in Verbindung steht. Der gleichen Roten Armee, die nach der Befreiung David für die Front zwangsrekrutiert und in den sicheren Tod schickt.

»Nach all den Schrecken, mit denen wir unter rumänisch‐deutscher Herrschaft zu kämpfen hatten, fürchteten wir uns jetzt, unter russischer Herrschaft, davor, aus dem Haus zu gehen, weil man Menschen auf der Straße fing und sie sogleich nach Donbass zur Zwangsarbeit in die Kohlegruben verschickte.« Die Überlebenden der Familie Spiegelblatt kehren deshalb so bald wie möglich in die Bukowina zurück, finden jedoch keine vertraute Heimat mehr vor. Über die darauffolgenden Jahre im stalinistischen Rumänien, über die Ausreise und das neue Leben in Israel hat Alexander Spiegelblatt zwei weitere Bücher auf Jiddisch geschrieben, die noch nicht auf Deutsch erschienen sind.

Unscheinbares Das aber wünscht man sich, denn dieser Chronist ist ein Poet (und vice versa), der für die Schrecken des Vergangenen und doch nie Vergehenden Worte findet, die sich dem Kryptischen verweigern und noch in ihren schmerzhaftesten Suchbewegungen von beeindruckender Transparenz sind. Nie verliert er sich in epischer Breitpinselei, sondern fügt den gängigen »Großen Erzählungen« lieber etwas beinahe Unscheinbares hinzu – »wie ein Pünktchen, wie ein kleines Chirik, ein ›I‹-Vokalpünktchen unter einem hebräischen Buchstaben«.

Und dann rückt der freundliche alte Herr in kariertem Hemd und Strickjacke seine Brille zurecht und fragt: »Möchten Sie noch etwas Kaffee?« Übersetzt es auf Rumänisch seiner Frau, die mit freundlichem Lächeln auf Spanisch präzisiert: »Con leche?« Meine letzte Frage nach den Überlebenschancen der jiddischen Literatursprache hat er zuvor mit einer Handbewegung abgetan. »Man soll nicht zu viel fordern. Genug, dass wir überlebt haben und nicht verstummt sind. Wir sind unglaublich Privilegierte im Grunde genommen, die nicht nur überlebt haben, sondern auch leben.«

Alexander Spiegelblatt: »Schatten klopfen ans Fenster«. Aus dem Jiddischen von Kay Schweigmann‐Greve. Wehrhahn, Hannover 2011, 120 S., 12 €. »Durch das Okular eines Uhrmachers. Autobiografie«. Otto Müller, Salzburg 2003, 283 S., 19 €

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