Kunst

Der Papst als Kidnapper

Kindesentzug auf römisch-katholisch: Oppenheims Gemälde ist eine Anklage gegen den kirchlichen Antijudaismus. Foto: Sotheby's

Das Gemälde schildert scheinbar eine der Geschichten aus dem bürgerlichen Alltag, wie sie das 19. Jahrhundert liebte: Die Mutter ist in Ohnmacht gefallen – aus welchem Grund auch immer –, deshalb kümmern sich eine Nonne und ein Mönch um das Kind, während ein Jesuit offenbar himmlische Hilfe erfleht. Doch die Idylle täuscht. Was Moritz Daniel Oppenheim 1862 malte, war ein bitterer Kommentar zur Zeitgeschichte, zu Ereignissen, die sich vier Jahre zuvor in Bologna abgespielt hatten.

Das Bild Der Raub des Mortara‐Kindes, das kommenden Dienstag bei Sotheby’s in New York versteigert wird – der Schätzpreis liegt bei 200.000 bis 300.000 Dollar –, schildert ein Ereignis, das seinerzeit die westliche Welt erregte und der New York Times etwa 20 Leitartikel wert war. Es führte zu Interventionen bei Papst Pius IX. von Moses Montefiore und den Rothschilds, von Kaiser Joseph II. und Napoleon III. Allerdings ohne Erfolg. Dabei ging es um ein sechsjähriges Kind, um Edgardo Mortara.

nottaufe Die jüdische Familie Mortara war 1850 mit ihren fünf Kindern aus Reggio nell’Emilia nach Bologna gezogen, wo sie nicht in einem Ghetto leben musste. Dort wurde am 27. August 1851 ihr Sohn Edgardo geboren. Als Dienstmädchen kam wenig später eine junge Christin zu der Familie. Das war im Kirchenstaat, zu dem Bologna damals gehörte, zwar verboten, jedoch vielfach üblich. Als der elf Monate alte Edgardo scheinbar tödlich erkrankte, besprengte das Dienstmädchen, in einem Moment, als die Mutter die Küche verlassen hatte, das Baby mit Wasser und sprach die Taufformel. So oder ähnlich soll sie es fünf Jahre später gegenüber einem Geistlichen oder bei der Beichte erzählt haben.

Das Geständnis kam dem für Bologna zuständigen Inquisitor Pier Gaetano Feletti zu Ohren, der daraufhin mit Zustimmung des Papstes anordnete, Edgardo den Eltern wegzunehmen. Denn ein christliches Kind dürfe nicht in einem jüdischen Haushalt erzogen werden. Am Abend des 23. Juni 1858 erschienen Polizisten, um den getauften Sohn mitzunehmen. Das scheiterte am Widerstand der Familie. Der Inquisitor veranlasste, dass die Mutter für 24 Stunden festgesetzt und am folgenden Tag der Junge abgeholt wurde. Oppenheims Gemälde schildert diese Szene, dramatisiert mit der ohnmächtigen Mutter.

Edgardo Mortara wurde nach Rom in ein Katechumenhaus – sozusagen die Isolierstation für Konvertiten – gebracht. Dieses Katechumenhaus für Männer war 1543 von Ignatius von Loyola eingerichtet worden. Bis 1778 sollen dort jährlich etwa elf Neuchristen – über die Jahre also etwa 2000 – untergebracht worden sein. Während der napoleonischen Zeit aufgehoben, diente es nach der Restauration des Kirchenstaates wiederum diesem Zweck. Während der 40‐tägigen »Probezeit« musste übrigens die jüdische Gemeinde Roms für den Unterhalt der potenziellen Täuflinge aufkommen. Bei Edgardo Mortara entfiel dieser Tribut, da er bereits als Christ galt. Trotzdem wurde er wenige Tage später sicherheitshalber nochmals getauft.

proteststurm Seine Eltern, die sich mit der Entführung ihres Sohnes nicht abfinden wollten, fuhren eine Woche später nach Rom, wo sie Edgardo in dem Katechumenhaus besuchen durften. Sie sprachen auch beim Papst vor, was aber ebenso wenig fruchtete wie die internationalen Proteste. In diese Proteste ordnet sich auch das Gemälde von Oppenheim ein, das lange als verschollen galt und lediglich noch durch Vorzeichnungen bekannt war.

Pius IX., der anfangs als liberal betrachtet wurde, weil er unter anderem das römische Ghetto auflösen wollte, hatte sich nach der Revolution von 1848 und angesichts des Risorgimento, das den Kirchenstaat infrage stellte, inzwischen als dogmatisch und jeglichen Zugeständnissen verschlossen erwiesen. Ihn mag dabei bestärkt haben, dass dem Dominikanerpater Ferletti nach der ersten Einigung Italiens 1860 wegen des Falles Mortara der Prozess gemacht wurde. Allerdings sprach das Gericht den Priester frei, weil »diese Entführung … amtlich geschah.«

Edgardo, nun katholisch erzogen, trat 1865 als Mönch der Kongregation der Augustinerchorherren im Lateran bei und nannte sich fortan Pio. Mit Dispens des Papstes, weil er eigentlich zumals Priester noch zu jung war, wurde er 1873 geweiht. Zu seinen Eltern und Geschwistern hielt er weiterhin Kontakt. Und er bezeugte auch, als behauptet wurde, seine Mutter habe sich taufen lassen, dass sie 1895 als Jüdin gestorben sei.

Der sprachkundige Pater Pio agierte dann viele Jahre in deutschen Landen wie in Frankreich und Spanien vorwiegend als Prediger der Judenmission. Im März 1940 starb er in Lüttich, im Kloster Bouhay. Das war ein halbes Jahr bevor die deutsche Besatzungsmacht für Belgien eine erste »Judenverordnung« erließ, die aus dem Katholiken Pio Edgardo Mortara wieder den Juden Edgardo Mortara gemacht hätte.

kirchenrecht Die »Affäre Mortara« hat weit über das unmittelbare Ereignis hinaus zur Diskussion über Katholizismus und Judentum beigetragen, denn sie markierte das Ende der lange im Kirchenstaat akzeptierten Praxis »Restriktion de jure, Toleranz de facto«. Unfreiwillige Taufen hatte es immer wieder gegeben, obwohl die Päpste die Praxis bereits seit Jahrhunderten mehrfach verboten hatten. Doch dieses Verbot wurde immer wieder missachtet. Und nur zu oft mussten die Juden das Unrecht hinnehmen, um ihre Familien und Gemeinden nicht zu gefährden.

Und eine Rückkehr der unfreiwillig Getauften zum jüdischen Glauben war höchst riskant. Denn von katholischer Seite wurde – wie 1853, also als die Affäre Mortara brandaktuell war, im Kirchenlexikon von Wetzer und Welte – argumentiert, die »Taufe (sei) gleich der Firmung und der Priesterweihe nicht vorübergehend, sondern bleibend, indem sie der Seele einen unvertilgbaren Charakter einprägt. .… Durch die Taufe wird der Nichtchrist Christ und dies bleibt er für immer.« Somit hätte Papst Pius als rechter Christ gehandelt. Noch 1892 argumentiert Friedrich Frank in seinem Buch Die Kirche und die Juden, das Verbot christlicher Dienstboten sei auch erlassen worden, damit diese nicht »aus Übereifer oder Mitleid unmündige Judenkinder taufen«.

Indem Edgar Mortaras Eltern jedoch dieses im Kirchenstaat seit 1775 geltende Gesetz übertraten, hätten sie sich selbst »zuzuschreiben, dass ihr Kind ihnen genommen wurde, um es fern von ihnen in der christlichen Religion zu unterrichten und zu erziehen.«

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