Literatur

Der papierne Fels

Meir Shalev ist tot. Ein Nachruf auf einen der großen Schriftsteller Israels

von Sophie Albers Ben Chamo  20.04.2023 11:34 Uhr

Meir Shalev: Im Juli erscheint auf Deutsch posthum sein Roman »Erzähl’s nicht deinem Bruder«. Foto: picture alliance/KEYSTONE

Meir Shalev ist tot. Ein Nachruf auf einen der großen Schriftsteller Israels

von Sophie Albers Ben Chamo  20.04.2023 11:34 Uhr

Natürlich erinnert sich jeder Leser anders an einen geliebten Autor, wenn der uns eines Tages mit seinen Büchern alleinlässt. Meir Shalev, dieser papierne Fels des israelisch-jüdischen Eskapismus, hat fast 20 Romane und Sachbücher veröffentlicht.

Dem einen fällt sofort Der Junge und die Taube ein, wo Liebe und Schmerz einander aushalten müssen, dem anderen der krachend-liebevolle Humor aus Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger, über eine Safta, wie sie vielleicht jeder kennt, aber noch nie so treffend beschreiben konnte. Die Nächste hat sich in das wunderschöne Aller Anfang verliebt, in dem Shalev »die ersten Male« in der Bibel gesammelt hat: die erste Liebe, das erste Lachen, den ersten Traum. Wieder ein anderer schwelgt in Mein Wildgarten, den Shalev um sein Haus in Alonei Aba nahe dem Moschaw seiner Kindheit angelegt und in einem Buch verewigt hat.

Und dann sind da noch knapp 20 Kinderbücher, mit denen Tausende Israelis aufgewachsen sind und die sie begeistert ihren eigenen Kindern vorlesen, wie Luzie, die Laus, Papa nervt und Wie der Neandertaler den Kebab erfand.

ABSURDITÄT Shalevs Bücher sind immer ein sicheres Zuhause, ein Destillat aus dem Besten Israels, ein Hohelied auf das herrliche Land und seine Menschen, ohne die allgegenwärtige Absurdität des Lebens aus den Augen zu verlieren. »A Mensh trakht un Gott lakht« (Der Mensch plant, und Gott lacht) gehörte zu Shalevs Lieblingssprüchen, und man kommt kaum drum herum, seinen Namen wörtlich nehmen zu wollen: der, der die Ruhe scheinen macht.

Doch naiv war Shalev nicht. Israel war nie leise. Und auch, wenn seine Romane unpolitisch daherkommen, war er, wie auch seine Kollegen Amos Oz und David Grossman, absolut davon überzeugt, dass seine Heimat nur mit der Zweistaatenlösung als Demokratie überleben kann. Das schrieb er auch laut und deutlich in seinen Zeitungskolumnen für »Yedioth Ahronoth«, die jeden Freitag Neues aus der Knesset aufs Korn nahmen.

»Ich nutze meine Kunst nicht, um meine politischen Ideen zu verbreiten, und meine politischen Ideen nicht, um meine Literatur zu bewerben. Ich mag es nicht, wenn sich Kunst und Politik auf diese Weise mischen«, sagte Shalev 2017 im Interview mit dem »Moment Magazine«.

Pragmatismus war ein starker Wesenszug von ihm. Wohl auch, um in dem verrückten Land, das er so sehr liebte, zu überleben.

SABRA Israel und Meir Shalev sind im selben Jahr geboren und zusammen alt geworden, fast ganze 75 Jahre lang. Der Mann war ein Sabra durch und durch, säkular, bis oben hin voll mit dem Sand des Negev, dem saftigen Grün des Galil und dem glitzernden Wasser des Kinneret. Shalevs Mutter war überzeugte Zionistin und brachte ihr Kind im ersten Moschaw zur Welt, Nahalal in Emek Izrael. Moshe Dayan war einer ihrer Nachbarn. Der Vater war Bibelkundelehrer und Poet, der seine Familie bald zurück nach Jerusalem brachte. Land versus Stadt.

Shalev bevorzugte eindeutig das Land. Sein erster Berufswunsch war Zoologe, doch dann studierte er Kunst und Psychologie, bis er den Militärdienst als Golani antrat. 1967 kämpfte er im Sechstagekrieg, was für immer seine politische Einstellung beeinflussen sollte. »Wir haben einen zu großen Bissen genommen, an dem wir nun ersticken«, sagte er nach dem Einsatz im Westjordanland. Im sogenannten Abnutzungskrieg nach 1967 wurde Shalev im »friendly fire« der eigenen Armee schwer verwundet.

Er wurde gesund, beendete das Psychologiestudium und fing an, sich als Radio- und Fernsehjournalist einen Namen zu machen. Schließlich hatte er sogar eine eigene Talkshow. Jeder in Israel kannte seine warme Stimme und das Gesicht mit der runden Brille.

erkenntnis Doch mit 40 entschied sich Shalev für ein neues Leben. Er habe das Gefühl gehabt, dass seine Arbeit etwas war, das er selbst nicht wertschätzte, so die Erkenntnis. Also kündigte er, zog sich zurück in die Natur und schrieb. Er hatte bereits Kinderbücher veröffentlicht, nun sollten auch welche für Erwachsene folgen.

Gleich 1988 erschien Ein russischer Roman über das Leben und Leiden einer kleinen Gemeinschaft ukrainischer Immigranten, die sich vor der Staatsgründung in der von Shalev so geliebten Jesreel-Ebene in einem Kibbuz eine Zukunft aufbauen wollen und müssen. Das Buch war ein spektakulärer Erfolg. Shalev wertschätzte die neue Arbeit und schrieb fleißig weiter über das Mischmasch der Gefühle, die Israel im Innern zusammenhalten.

1967 kämpfte er im Sechstagekrieg – was seine politische Einstellung für immer beeinflussen sollte.

Von Anfang an gewann er Preise. Bereits 2003 den Shimon Ben Shemesh Prize für sein Gesamtwerk, 2004 wurde er in Israel von seinen Fans auf der Book Week zum nationalen Lieblingsautor erkoren, 2006 gewann er mit Der Junge und die Taube den Brenner-Preis, Israels höchste Auszeichnung für Literatur. Da wurden Shalevs Bücher längst in über 20 Sprachen übersetzt.

alterswerk Einen Roman haben wir noch von ihm, auf den wir uns freuen können. Erzähl’s nicht deinem Bruder soll im Juli auf Deutsch erscheinen und ist laut Shalevs langjähriger Übersetzerin Ruth Achlama »ein schönes Alterswerk«, die »innige Geschichte über zwei Brüder«. Es geht um Liebe und Begehren, um Familie und Einsamkeit, und es gibt auch viel zu lachen. Shalev eben.

Für mich wird die Erinnerung an ihn wohl für immer mit Judiths Liebe verbunden bleiben: die fantastische Geschichte eines Jungen, den ein Wort vor dem frühen Tod retten soll, der von so viel Liebe umgeben ist, dass er gleich drei Väter hat, und natürlich die stärkste aller Mütter. In dieser Welt, die in einer sicheren Zwischenzeit Israel und das Schtetl vereint, liegen so viel Trost, Menschlichkeit und Lebensweisheit, dass ich das Buch in Lebenskrisen wie ein Medikament aus dem Regal ziehen kann.
Danke für alles, Meir Shalev, Sichrono Livracha!

Immanuel Kant

Aufklärer mit Ressentiments

Obwohl sein Antisemitismus bekannt war, hat in der jüdischen Religionsphilosophie der Moderne kein Autor mehr Wirkung entfaltet

von Christoph Schulte  21.04.2024

TV

Bärbel Schäfer moderiert neuen »Notruf«

Die Autorin hofft, dass die Sendung auch den »echten Helden ein wenig Respekt« verschaffen kann

von Jonas-Erik Schmidt  21.04.2024

KZ-Gedenkstätten-Besuche

Pflicht oder Freiwilligkeit?

Die Zeitung »Welt« hat gefragt, wie man Jugendliche an die Thematik heranführen sollte

 21.04.2024

Memoir

Überlebenskampf und Neuanfang

Von Berlin über Sibirien, Teheran und Tel Aviv nach England: Der Journalist Daniel Finkelstein erzählt die Geschichte seiner Familie

von Alexander Kluy  21.04.2024

Glosse

Der Rest der Welt

Nur nicht selbst beteiligen oder Tipps für den Mietwagen in Israel

von Ayala Goldmann  20.04.2024

Frankfurt am Main

Bildungsstätte Anne Frank zeigt Chancen und Risiken von KI

Mit einem neuen Sammelband will sich die Institution gegen Diskriminierung im digitalen Raum stellen

von Greta Hüllmann  19.04.2024

Kunst

Akademie-Präsidentin gegen Antisemitismus-Klausel

»Wir haben ein gutes Grundgesetz, wir müssen uns nur daran halten«, sagt Jeanine Meerapfel

 19.04.2024

Jehuda Amichai

Poetische Stimme Israels

Vor 100 Jahren wurde der Dichter in Würzburg geboren

von Daniel Staffen-Quandt  19.04.2024

Antisemitismus

Zentralrat der Juden äußert sich zu Hallervordens Gaza-Video

Das Gaza-Gedicht des Schauspielers wurde in den vergangenen Tagen massiv kritisiert

 19.04.2024