Daniel Barenboim

Der Maestro tritt ab

Gibt sein Amt auf: Daniel Barenboim (80) Foto: IMAGO/Future Image

Daniel Barenboim

Der Maestro tritt ab

Nach über 30 Jahren verlässt der Generalmusikdirektor die Staatskapelle Berlin. Seine Nachfolge steht noch nicht fest

von Axel Brüggemann  12.01.2023 08:29 Uhr

Über 30 Jahre ist eine lange Zeit. Mehr als 30 Jahre leitet Daniel Barenboim die Staatskapelle Berlin. Er war der Richtige, ein Glücksfall, damals, nach der Wende: ein Weltenbummler für Deutschlands Hauptstadt, ein Intellektueller, ein politisch denkender Musiker – und ein Jude.

Ein politisch keineswegs unumstrittener Jude, der die Konfrontation nie fürchtete. Wagner in Israel? Barenboim hat es gewagt. Aussöhnung mit Palästinensern? Barenboim hat, Hand in Hand mit Edward Said, dafür geworben.

weltorchester Vor allem aber hat Daniel Barenboim aus einer etwas klapprigen DDR-Combo mit viel Nostalgie ein hochmodernes, perfekt geöltes und hochbezahltes Weltorchester gemacht. Barenboim hat – anders als Simon Rattle zeitgleich bei den Berliner Philharmonikern – den historischen Geist der Staatskapelle ernst genommen, ihn gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern restauriert, das Orchester saniert, wie später das Opernhaus Unter den Linden.

Daniel Barenboim, der Musikchef, der Philosoph, der politische Strippenzieher und Musikerzieher hat die Staatsoper Unter den Linden in gut 30 Jahren in einen Ort der Sinnlichkeit und Intellektualität, des Experimentes und der Perfektion, des Glanzes und der schweißtreibenden Arbeit verwandelt.

Unter ihm wurde die Staatskapelle zu einem charakteristischen Orchester, zum Anlaufpunkt für musikalische Bildung, zum Spielplatz für Kinder, zum Wohnzimmer großer Komponisten und noch größerer Stimmen. Daniel Barenboim hat einen Klang aus andauernder Spannung zwischen Schwerelosigkeit und Erdanziehung geschaffen, zwischen Himmel und Erde. Wagner aus dem Weltall, eine Carmen aus dem Staub Spaniens, Beethoven als galaktischer Befreier, Bruckner als spirituelle Herausforderung.

GEIST Daniel Barenboims größtes Vorbild ist Spinoza. Und dessen Credo war es, dass Gott sich in der Liebe offenbart, im allgegenwärtigen Geist der Natur. Der Geist von Daniel Barenboim hat sich inzwischen ebenfalls allgegenwärtig unter jede Balkon-Vergoldung, in jedes rot geplüschte Zuschauer-Polster, in die Dielen des Orchestergrabens und in den Bühnenhimmel der Staatsoper gelegt. Die Staatskapelle ist zu Daniel Barenboims Haus geworden, während Daniel Barenboim er selbst geblieben ist.

Daniel Barenboims größtes Vorbild ist Spinoza. Und dessen Credo war es, dass Gott sich in der Liebe offenbart, im allgegenwärtigen Geist der Natur.

Nun hat der Dirigent seinen vorzeitigen Rücktritt angekündigt. Aufgrund seiner Erkrankung. Ihm fehle die Kraft für dieses große Amt, ließ er wissen. Und sein Orchester verneigt sich in einem offenen Brief vor seinem »Maestro«. In Dankbarkeit. Tatsächlich gehört auch das inzwischen zum Werk Barenboims: Der Humanist hat für den perfekten Klang wohl nicht immer nach den Regeln der Mitmenschlichkeit gespielt.

Das »VAN Magazin« berichtete über Führungsschwäche, über Kritik unter der Gürtellinie, über ein »System der Angst«. Das einstige Wunderkind ist im Guten wie im Schlechten oft ein trotziges Kind geblieben. Barenboim erklärte seinen intellektuellen Status als Zustand der »wissenden Naivität«. Ein Mensch, der seinen Willen einfordert: unendlich charmant oder rücksichtslos trotzig.

Tatsächlich ist Barenboim auch ein Dirigent des Gestern, einer, der seine Weihen von anderen »Maestri« empfangen hat und davon ausgeht, sein Erbe selbst bestimmen zu können. Dazu hat er, so scheint es, nun ausgerechnet seinen ehemaligen Schüler und Antipoden ausgewählt: Christian Thielemann. Als dieser Chef an der Deutschen Oper im Westen Berlins war, beklagte er sich über die privilegierte Stellung der Staatskapelle, darüber, dass so viele Gelder zu Barenboim flossen – und verließ die Hauptstadt schließlich im Streit.

CHRISTIAN THIELEMANN Barenboim hat Thielemann jetzt zurück nach Berlin geholt, ihn gebeten, für seinen letzten großen Traum einzuspringen, den Ring des Nibelungen für ihn zu übernehmen. Die beiden haben sich mehrfach getroffen, sind essen gegangen, haben Gemeinsamkeiten entdeckt – besonders ihre Wagner-Lehren im »Mystischen Abgrund« der Bayreuther Festspiele. Barenboim, so scheint es, würde sich Thielemann als Nachfolger wünschen.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Berlins Kultur wird derzeit noch von einem linken Senator, von Klaus Lederer, regiert. Der hatte Barenboims Vertrag bereits 2019, mitten in der Krise, vollkommen ohne Not, bis 2027 verlängert und sich damit auch die Kritik am Führungsstil des Dirigenten ans Bein gebunden.

Außerdem wurde für 2024 eine neue Intendantin, Elisabeth Sobotka, benannt, die den scheidenden Opernchef Matthias Schulz ersetzen soll – er geht nach Zürich. Die Staatsoper Unter den Linden hat nach über 30 Jahren die Chance auf einen grundlegenden Neuanfang. Ob man da noch immer auf den Wunsch von Daniel Barenboim hören wird, ist offen.

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  18.04.2026

Kommentar

Hätte er doch einfach geschwiegen

Michael Schulte ist der erfolgreichste deutsche Teilnehmer des ESC der letzten Jahre. Und Schulte ist ein geschichtsbewusster Künstler. Umso befremdlicher sind seine Einlassungen zu Israel

von Daniel Killy  18.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der ab dem 1. Mai von Deutschland aus arbeitet

 17.04.2026

Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

Ein Gespräch über ihren Film »Paris Murder Mystery« und Drehs mit Jodie Foster und Natalie Portman

von Patrick Heidmann  17.04.2026

Streaming

Schichtende bei »The Pitt«

Die letzte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Krankenhaus-Serie ist nun bei HBO zu sehen – Fans warten auf die dritte Staffel

von Katrin Richter  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026