Buchtipp

Der israelische Maigret

Dror Mishanis zweiter Krimi ist kein Reißer. Foto: Zsolnay

Buchtipp

Der israelische Maigret

Dror Mishani schickt Inspektor Avi Avraham zum zweiten Mal auf Verbrecherjagd

von Michael Wuliger  07.09.2015 17:04 Uhr

Auch wenn es Nutzer deutscher Medien erstaunen mag: Die Israelis sind nicht Tag und Nacht mit dem Nahostkonflikt beschäftigt. Oberinspektor Avi Avraham von der Kriminalpolizei in Holon vermutet deshalb bei dem Bombenkoffer, der frühmorgens vor einem Kindergarten in der südlich von Tel Aviv gelegenen Industriestadt abgestellt wurde, auch keinen politischen Hintergrund. Den oder die Täter sucht er nicht im palästinensischen Terroristenmilieu, sondern im persönlichen Umfeld des Kindergartens und seiner Leiterin Chava Cohen.

Aber wer hat den Sprengsatz – von dem sich bald herausstellt, dass er nur eine Attrappe war, – deponiert? War es der Kleinkriminelle Amos Usen, der nahe des Tatorts gesehen wurde und sich beim Verhör in Widersprüche verstrickt? Aber was wäre sein Motiv?

Schläge Oder könnten es Eltern sein, die mit Chava Cohen Streit hatten, weil diese angeblich die ihr anvertrauten Kinder misshandelt? Chaim Sara zum Beispiel. Der 57-jährige späte Vater zweier kleiner Jungen hatte am Tag vor dem Kofferfund eine lautstarke Auseinandersetzung mit Cohen gehabt, nachdem er bei seinem Sohn Schalom Spuren von Schlägen entdeckt hatte, die der sich im Kindergarten zugezogen hatte. Und was ist mit der jungen Betreuerin, der kurz vor dem Vorfall von Chava Cohen gekündigt worden war?

Keine der Spuren führt zunächst weiter. Die Verdachtsmomente sind vage und widersprüchlich. Chava Cohen mauert, weiß angeblich nichts. Aber Avi Avraham will bei seinen Ermittlungen keine Möglichkeit ausschließen. Diesmal nicht – nachdem er seinen vorherigen Fall fast in den Sand gesetzt hätte. Es ist seine erste Ermittlung seitdem, und er ist von seinem damaligen Versagen noch traumatisiert. Als auf die Bombenattrappe ein Drohanruf bei Chava Cohen folgt und die Kindergärtnerin dann nachts auf einem Parkplatz am Strand mit einem Felsbrocken fast totgeschlagen wird, beginnt der Inspektor, an sich zu zweifeln.

Zumal ihm auch Chaim Sara innerlich keine Ruhe lässt. Irgendetwas stimmt mit dem Kleinunternehmer nicht, das sagt ihm sein Bauchgefühl. Warum ist die Mutter der Jungen, Saras wesentlich jüngere philippinische Ehefrau, seit Wochen nicht zu Hause gewesen? Ist sie wirklich, wie ihr Mann dem Inspektor und seinen Kindern erzählt, zu einem Familienbesuch in ihr Heimatland geflogen?

Dror Mishanis zweiter Krimi ist kein Reißer. Die Spannung baut sich langsam, dräuend und dabei sukzessive immer beklemmender auf. Es liegt eine Atmosphäre von Traurigkeit über dem Buch. Alle Protagonisten sind auf ihre Weise beschädigt, Opfer, Täter und Ermittler. Wie schon in Mishanis erstem Roman Vermisst sind seine Figuren verstrickt in ihre eigenen Unzulänglichkeiten. Das Böse kommt beiläufig daher als kleine, stille, mörderische Tragödie.

Psychologisch Dror Mishani, geboren 1975, ist Literaturdozent an der Universität Tel Aviv, wo er sich auf Kriminalliteratur spezialisiert hat. Entgegen George Bernard Shaws Diktum, wonach, wer etwas kann, es tut, wer es nicht kann, es lehrt, ist Die Möglichkeit eines Verbrechens, wie schon vorher Vermisst, ein gelungener psychologischer Spannungsroman, der in Stil, Atmosphäre und Tempo an George Simenons Maigret-Romane erinnert.

Nicht zufällig hat Mishani kleine Reverenzen an Simenon eingebaut – Brüssel kommt am Rande vor, ebenso eine Tabakspfeife. Wie Maigret soll auch Avi Avraham Protagonist einer ganzen Serie werden. Der dritte Roman der Reihe, HaIsh sheratza ladaat hakol (englisch: The Man who wanted to know) ist vor Kurzem in Israel erschienen.

Dror Mishani: »Die Möglichkeit eines Verbrechens. Avi Avraham ermittelt«. Zsolnay, Wien 2015, 336 S., 19,90 €

»Imanuels Interpreten« (20)

Progressive Rock-Pioniere: Die Shulman-Brüder und ihre Band Gentle Giant

Mit einer Überdosis Kreativität betrieben die drei schottischen Juden Phil, Derek und Ray Shulman eine Formation, die herausstach

von Imanuel Marcus  04.05.2026

Kunst

Iran nimmt nicht an Biennale in Venedig teil

Die wichtige Kunstveranstaltung Biennale in der Lagunenstadt Venedig hat mit heftigen Kontroversen zu tun. Nun scheidet ein Teilnehmerland aus

 04.05.2026

TV-Kritik

»Nie allein«: Arte-Drama über Finnlands Kooperation mit Nazi-Deutschland

1942 lieferte Finnland eine Gruppe von Juden an die Nationalsozialisten aus, fast alle wurden kurz darauf ermordet. Eine internationale Koproduktion erzählt ihre Geschichte - und die von Abraham Stiller

von Katharina Zeckau  04.05.2026

Belu-Simion Fainaru

»Als Künstler spreche ich eine universelle Sprache«

Der israelische Bildhauer über den Rücktritt der Jury und die Politisierung der Kunstbiennale von Venedig

von Ayala Goldmann  04.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  04.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  04.05.2026

Berlin

25 Jahre Jüdisches Museum: Jubiläumsjahr mit Ausstellungen, Konzerten und digitalen Projekten

Zum Museumsgeburtstag wird ein umfangreiches Programm aus Ausstellungen und digitalen Initiativen angekündigt

 04.05.2026

Kontroverse

Lahav Shani, Belgien und der Boykott

Die Münchner Philharmoniker und ihr israelischer Chefdirigent sollen im November im Brüsseler Konzerthaus Bozar auftreten - die flämischen Grünen gehen dagegen auf die Barrikaden

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026